Wiederentdeckte Oper in Hamburg: Was die Wellen uns bringen

Auf der Suche nach Frauen im Opernbetrieb stieß Kerstin Steeb auf die vergessene britische Komponistin Ethel Smyth und ihre Oper „Strandrecht“.

Ein Mann und eine Frau stehen mit großen Ventilatoren in der Hand vor einem Vorhang

Minimale Bilder und ein paar Requisiten genügen, um die finstere Saga zu erzählen Foto: Studio Fabian Hammerl

HAMBURG taz | Durch eine zufällige Begegnung im Zug sei sie auf die Komponistin aufmerksam geworden, erzählt Kerstin Steeb im anschließenden Publikumsgespräch. Auf der Rückfahrt von einem Netzwerktreffen weiblicher Theaterschaffender. Da war ihr Blick erneut geschärft worden für die Unterrepräsentanz von Frauen im Opernbetrieb. Da hatte Steeb erneut feststellen müssen, wie wenige Frauen als Dirigentinnen, Komponistinnen, Bühnenbildnerinnen im Musiktheaterbetrieb arbeiten. Und wie wenige als Regisseurinnen – wie sie selbst.

Nach der Begegnung im Zug, bei der sie zum ersten Mal den Namen der zu Lebzeiten regelmäßig aufgeführten, mittlerweile vergessenen britischen Komponistin Ethel Smyth (1858–1944) hörte, machte sich Steeb auf die Suche nach einer Oper von ihr. Und fand: „Strandrecht“. Im englischen Original: „The Wreckers“.

1906 in Leipzig uraufgeführt, gilt diese große romantische Oper bis heute als Smyths wichtigstes Bühnenwerk. Darin verarbeitet die Komponistin den Mythos über ein Küstendorf und seine Bewohner. Von Zeit zu Zeit löschen diese das Licht des Leuchtturms, um sich am Gut der an den Felsen havarierenden Schiffe zu bereichern. Denn, nach dem Strandrecht, das die Besitz- und Rechtsverhältnisse bei Schiffbruch regelte, fiel das Strandgut dem Finder nur dann zu, wenn es keine Überlebenden gab. Dafür sorgten die Finder – wie in Smyths Oper geschildert – mitunter auch selbst.

Im Musiktheaterstück aber initiiert eine Frau den Aufstand. Als Warnung für die Schiffe zündet sie am Strand ein Feuer an. Mit ihrer Zivilcourage verstoßen sie und ihr Verbündeter gegen geltendes Recht und die Moralvorstellungen der vorherrschenden Gesellschaft – und bezahlen am Ende mit ihrem Leben.

Ein Feuer am Strand

Mit einem durchweg weiblichen Team hat Kerstin Steeb eine Neufassung dieser Oper am Lichthof-Theater (wieder)aufgeführt. Sie hat sie übertragen, gekürzt, um Texte ergänzt und neu besetzt. Die Klavierpartitur, in die Hanne Franzen (musikalische Leitung) die orchestrale Fassung gegossen hat, wird angereichert durch die elektronischen Kompositionen und durch experimentelles Live-Sampling von Dong Zhou.

Die vielstimmige Opernbesetzung mit Chor wird von vier Sänger*innen getragen, die Erzählung, mit Texten von Ivana Sokola angereichert, wird entsprechend auf vier Hauptfiguren zusammengestrichen. Das sind: die Rebellin Thirza (Lisa Florentine Schmalz, Sopran) und ihr Mitstreiter Marc (Ferdinand Keller, Tenor) sowie Avis (Isabel Reinhard, Sopran) und Pasko (Mathias Tönges, Bass-Bariton) auf der Gegenseite. Sie alle singen auf hohem Niveau: differenziert, ausdrucksstark und weich. Man wünscht, das Lichthof-Theater wäre tatsächlich ein Opernhaus, das diesem grandiosen Klangerlebnis noch gerechter würde.

Über ein Jahr hat das Team allein an der Opernfassung gearbeitet, ein enormer Angang und Arbeitsaufwand, den – neben den Mitwirkenden und Eingeweihten – vermutlich nur Musikwissenschaftler ausreichend wertschätzen können. Ein Angang, der aber auch allen Außenstehenden von der Ernsthaftigkeit dieses Vorhabens erzählt. Und von der Professionalität, die dann auf der Bühne auch zu sehen – und zu hören – ist.

Die Ausstattung ist mit einem Wasserbecken, das reflektierend Wellen wirft, einem Gaze-Vorhang, der mal den Raum trennt, mal ein Segel, mal ein Fischernetz simuliert, so markant wie schlicht. Die Sänger*innen treten darin alle in Gummistiefeln auf, mit dicken, dunklen Daunenjacken und winddichten Wollmützen. Klug und minimalistisch erzählt Martina Mahlknecht (Bühne und Kostüme) von der rauen Küste, und wenn es noch rauer wird und stürmt, halten sich die Darsteller*innen einfach mal ein paar Ventilatoren vors Gesicht.

Die Bedingungslosigkeit der Protagonistin Thirza ist von Anfang an klar: „Und kommen wir zum Schluss, und atmen wir mal durch, dann kommt die Erkenntnis: Ich würde es wieder tun.“ Ruhig auf einer Tischkante sitzend, spricht Lisa Florentine Schmalz die Sätze. Später, am Ende des Stücks, wenn sie gegen den gottesfürchtigen Pasko gewütet hat „Deine Taten leuchten rot vom Blut“, wenn sie sich abgewendet hat vom gängigen Strandrecht, vom vermeintlichen Recht auf das, „was die Wellen uns bringen“.

Szenen voller Düsternis

Dann, wenn sie mit einer Rettungsdecke Feuer gemacht hat, dann wiederholt sie diese Sätze. „Ich tat’s und ich bereue es nicht. Ich würde es wieder tun.“ Barfuß steht sie dann vor dem runden Wasserbassin, tritt ruhig hinein. Mit ihr ihr Mitspieler Ferdinand Keller. Im Wasser rollen sie sich ein wie zu groß geratene Seepferdchen. Sie tauchen unter und ihre Figuren sterben einen reuelosen Märtyrer-Bühnentod.

Die meist ruhigen, minimalistischen Szenen werden von den großartigen Stimmen gefüllt, die mal lachend, mal stotternd, meist leidenschaftlich den Ton ergreifen. Glockenläuten, Windgeräusche und donnernde Sounds reichern die Szenen mit Düsternis an. Es ist ein gewaltiger und ergreifender Abend, der von einer finsteren Sage erzählt. Der allerdings, auch wenn es die Regie beabsichtigte, keine aktuellen Bezüge schafft zu zivilem Ungehorsam, zu Widerstand oder Seenotrettung. Der Abend verweilt ganz in seinem eigenen, legitimen Pathos. Die Wiederentdeckung und Neubelebung des Werks und der Komponistin ist Daseinsberechtigung genug.

„Strandrecht“: Fr, 13. 12., 20 Uhr, und Sa, 14. 12., 18 Uhr, Hamburg, Lichthof-Theater

Und das reicht vollkommen aus als künstlerischer Ansatz, als feministischer Appell. „Ich möchte, dass Frauen sich großen und schwierigen Aufgaben zuwenden“, schrieb Ethel Smyth in ihren autobiografischen Aufzeichnungen: „Sie sollen nicht dauernd an der Küste herumlungern, aus Angst davor, in See zu stechen.“ Kerstin Steeb und Team handeln ganz im Sinne Smyths. Mit einer großen und schwierigen Aufgabe sind sie in See gestochen und befinden sich künstlerisch mitten im Ozean.

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