Widerstand in Berlin: Aufstand mit Abstand

Gewohnheit ist eine Überlebensstrategie für die einen, für die anderen ein Herrschaftsinstrument. Damit gilt es zu brechen.

Wandbilder an zwei Plattenbauten zeigen Gesichter und Vögel

Es findet sich immer ein Spalt für den Aufbruch Foto: Marcus Lenk/Unsplash

Keine Frage, dass die Gewohnheit viel Macht hat. Auf allen Ebenen ordnet sie das Leben – im Privaten, im Sozialen, in der großen Politik. Das „man gewöhnt sich an alles“ kann eine Überlebensstrategie sein für die einen, für die anderen ist es ein Herrschaftsinstrument.

Längst sind alle Illusionen darüber geschwunden, dass das Menschenrecht auf körperliche Unversehrtheit die Pandemiepolitik leitet. Man gewöhnt sich auch an das Sterben und an gesundheitliche Langzeitfolgen, anders ist die Forderung „mit dem Virus leben“ ja nicht zu verstehen.

Laute Schwur­b­le­r*in­nen und Lobbyist*innen, denen Berlin nur als Hauptstadtbühne dient, kümmern sich nicht um gesichertes Wissen. Die Entscheidenden auch nicht, sonst könnten sie dieser Minderheit mit ihren unsolidarischen Demos und ihren „Lockerungsforderungen“ nicht auf den Leim gehen. Doch lebensfeindliche Politik bleibt nie unwidersprochen.

Schon im Januar schlug die Initiative #zerocovid einen solidarischen Shutdown vor, der besonders Verletzlichen, die Perspektive geben könnte, nach Monaten einmal wieder das Haus verlassen zu können. Mit Verweis auf die große Wirtschaft wurde vielfach versucht, die Initiative abzutun.

Freiräume bewahren

Für die kleine Wirtschaft Berlins – Kneipen, Freiräume, Kulturorte und für alles, was darin an politischer Vergemeinschaftung passiert – wäre ein kurzer konsequenter Shutdown aber die Lösung. Denn die Miete wird Monat um Monat eingetrieben, auch wenn kein Einkommen da ist.

Emanzipatorische Kneipen und Räume lassen sich über die Spendenaktion des Stressfaktors unterstützen. Infos dazu gibt es hier. Spenden gehen an: Stressfaktor, IBAN: DE50 1001 0010 0636 9291 03, Betreff: Covid-Soli. Zu #zerocovid kann mensch sich hier informieren.

Es war eine Absage der Stadtgesellschaft an die Todespolitik des Deutsch-Französischen Krieges: Im März 1871 gingen Angehörige der unteren Klassen von Paris zur Selbstverwaltung über. Fabriken wurden vergesellschaftet, Mietzahlungen ausgesetzt. 150 Jahre ist das jetzt her.

Nach nur zwei Monaten wurde die Pariser Kommune durch die militärische Übermacht der Kaisertreuen zerschlagen. Preußen, kurz zuvor noch Kriegsgegner Frankreichs, spielte hierbei die Rolle eines Kollaborateurs der französischen Reaktionäre. Dennoch gilt die Pariser Kommune bis heute weltweit als Vorbild.

Acht geben, Aufstand machen

Die Initiative No War Berlin lädt zu einem offenen Treffen zur Pariser Kommune ein: „Wir hören dazu ein Input-Referat und verschiedene Audiobeiträge. Wie kann verhindert werden, dass fortschrittliche Entwicklungen isoliert werden und die Feinde leichtes Spiel haben? Was können wir daraus für heute lernen?“ Das Treffen findet im Freien statt, um Mund- Nasenschutz und physische Abstände wird gebeten (Mittwoch, 31. März, 19 Uhr, Mariannenplatz 2a).

Der taz plan erscheint auf taz.de/tazplan. Mehr Kulturtipps für Berlin in der Printausgabe der taz am Wochenende.

Auch die Selbstverwaltung in Rojava ist ein Gegenentwurf zur kriegerischen Todespolitik. „Lasst uns einen Baum des Widerstandes pflanzen, für die Freiheit von Abdullah Öcalan, für die Revolution in Rojava, gegen Faschismus, Patriarchat und Krieg, gegen die Bedrohung und Räumung von alternativen Räumen.“ So heißt es im Aufruf zu einer internationalistischen Demo am Ostersonntag. Mund-Nasenschutz und physische Abstände sind dabei Pflicht (Sonntag, 4. April, 17 Uhr, Boxhagener Platz).

Denn wo das Sterben und Leiden zur Gewohnheit wird, wo Räume der Vergemeinschaftung schrumpfen, gilt es aufeinander Acht zu geben und Aufstand zu machen.

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Redakteur der taz Bewegung und im Social Media Team. Autor für Themen queer durch die Kirchenbank. Studierter Religions- und Kulturwissenschaftler.

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