Wettrennen um Covid-19-Impfstoff: Gemeinsam statt einsam

Warum Europa dringend eine gemeinschaftlich orientierte Alternative zum internationalen Wettrennen in der Impfstoffentwicklung braucht.

Eine Phiole wird von einem Labormitarbeiter an eine rPinzette hochgehalten.

Russische Impfung gegen Corona? Imfpstoff im Gamaleja-Institut in Moskau Foto: RDIF/reuters

Regierungen haben die Aufgabe, ihre Bür­ge­r*in­nen zu schützen. Was wir in der aktuellen Debatte über einen Impfstoff gegen Covid-19 jedoch beobachten, beschreibt die Weltgesundheitsorganisation (WHO) zu Recht als „Impfstoff-Nationalismus“. Viele Länder wetteifern in einem Kopf-an-Kopf-Rennen um einen Impfstoff und investieren vorrangig, um die eigene Bevölkerung möglichst schnell versorgen zu können. In diesem Wettbewerb dürfte es viele Ver­lie­re­r*in­nen geben. Denn obwohl die Entwicklung noch nie so schnell verlief und es allen Grund zum Optimismus gibt: Es ist unklar, welche Impfstoffkandidaten sich tatsächlich als wirksam erweisen – allzu viele werden es womöglich nicht sein. Gerade deshalb ist es wichtig, dass es mehrere vielversprechende Projekte gibt.

Einige Länder haben bereits signalisiert, erfolgreiche Impfstoffe global zur Verfügung zu stellen. So ist die von Italien, Frankreich, Deutschland und den Niederlanden gestartete Impfallianz inzwischen ein EU-weites Projekt geworden. Das ist ein gutes Zeichen; ungeklärt ist aber, wie eine globale, bedarfsorientierte Verteilung dann konkret aussehen soll. Unterdessen heizen Unklarheiten der Impfstoffdeals das Wettrennen weiter an. Hier braucht es ein Europa, dass deutlich macht: Bei der kostspieligen Impfstoffentwicklung geht es um ein gemeinsames Ziel, das durch intensive Zusammenarbeit nicht nur besser, sondern mit erheblich weniger Risiko erreicht werden kann.

Konzentriert sich die Verfügbarkeit künftiger Impfstoffe zu stark auf reiche Staaten, werden ärmere Länder darunter leiden. Vor allem jene, die sich teure Impfstoffprojekte ohnehin nicht leisten können. Nicht jedes Land hat das Privileg, auf Deals mit mehreren Pharmaunternehmen zurückgreifen zu können. Was wohlhabende Staaten schnell vergessen: Auch ihre Bevölkerung ist nicht sicher, solange die Impfstoffe nicht gerecht verteilt werden. In unserer globalisierten Welt ist der allgemeine Gesundheitszustand nur so gut wie in den schwächsten Regionen. Die Pandemie hat es uns mehr als deutlich gezeigt.

Um einen Impfstoff so schnell wie möglich für die verfügbar zu machen, die ihn am dringendsten benötigen, wäre es effektiver, wenn die europäischen Staaten das finanzielle Risiko auf alle Schultern verteilen würden. Gemeinsam wären sie in der Lage, finanziell risikoarme Investitionen abzuschließen – allein deshalb, weil sie zusammen über eine viel höhere Kaufkraft verfügen und den Markt mitgestalten können. Wir kennen dieses Prinzip aus der gesetzlichen Krankenversicherung. Die Gesundheit jedes Versicherten kann wirksam verbessert werden, wenn das finanzielle Risiko geteilt wird und nicht nur diejenigen gesund bleiben, die es sich leisten können. Eine solche Risikostreuung würde ermöglichen, dass ein Überangebot an Impfstoffdosen aus einzelnen Ländern in einen zentralen Pool fließen könnte.

Dabei fangen internationale Kooperationen nicht bei null an: Mit der Beteiligung an Initiativen wie der Coalition for Epidemic Preparedness Innovations (Cepi) und der Impfallianz Gavi haben zahlreiche Staaten, darunter auch Deutschland, bereits bewiesen, dass sie für einen starken multilateralen Ansatz stehen. Diese Organisationen entwickeln Lösungen, um bei drohenden Epidemien und Impfstoffengpässen schnell handlungsfähig zu sein. Vor Kurzem hat die WHO zusammen mit Partner*innen den ACT-Accelerator (Access to Covid-19 Tools) ins Leben gerufen; eine globale Plattform, die alle relevanten Ak­teu­r*in­nen zusammenbringt, um die Entwicklung und Bereitstellung neuer Impfstoffe, Medikamente und Testkapazitäten voranzubringen. Ein zentrales Merkmal der Initiative: Alle Part­ne­r*in­nen teilen sich die Kosten, alle profitieren. Es sollte deshalb das Ziel sein, dass alle Länder sich an diesem Programm beteiligen. Wohlhabendere Länder sollten hier mit gutem Beispiel vorangehen und zügig einen finanziellen Beitrag zum Impfstoffprogramm des ACT-Accelerators leisten.

Der Pooling-Ansatz führt allerdings zu einer weiteren kritischen Frage: Wer wird zuerst geimpft? Das Bundesgesundheitsministerium entwickelt derzeit gemeinsam mit dem Robert-Koch-Institut und dem Paul-Ehrlich-Institut Pläne zur Beantwortung dieser zentralen Frage für Deutschland – ein wichtiger erster Schritt. Auf globaler Ebene liegt diese Expertise bei der WHO. Es ist derzeit weder möglich noch notwendig, dass jedes Land jede*n Bürger*in sofort impft. Verfügbare Impfstoffe sollten weltweit zunächst an die Beschäftigten im Gesundheitswesen und an Risikogruppen verteilt werden.

Der allgemeine globale Gesundheitszustand ist nur so gut wie in den schwächsten Regionen

Ein europaweites Pooling wäre in der Lage, den schutzbedürftigsten Gruppen den Vortritt zu lassen. Indem Länder, die über ausreichende Impfstoffdosen zum Schutz der eigenen Risikogruppen verfügen, überschüssige Kapazitäten an andere Länder weitergeben, können diese ihrerseits die am stärksten gefährdeten Menschen schützen. Vor allem in den ersten sechs bis neun Monaten nach Verfügbarkeit eines Impfstoffs ist dieser Ansatz dringend notwendig, denn die Produktionskapazitäten werden vorerst voraussichtlich nicht dem gesamten Bedarf entsprechen.

Europa hat jetzt die Gelegenheit, mit dieser Pooling-Initiative weltweit ein Zeichen zu setzen, das Impfstoffnationalismus entgegentritt und das globale Wettrennen durch Kooperation ersetzt. Diese Initiative braucht einen starken Motor. Die aktuelle EU-Ratspräsidentschaft versetzt die Bundesregierung in die ideale Ausgangsposition, um hier Impulsgeberin und Macherin zugleich zu sein – im besten Fall im Schulterschluss mit weiteren wirtschaftlich starken Ländern. Dazu zählt neben Pooling auch ein hoher Beitrag Deutschlands in das Impfstoffprogramm Covax. Ohne derlei Initiativen wird es weitere Einzeldeals geben, die reiche Länder überversorgen. In dieser außergewöhnlichen Zeit ist die Entwicklung eines Impfstoffs schlicht zu wichtig, als dass es nur eine*n Sieger*in geben darf.

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Caroline Schmutte leitet seit 2019 das Deutschlandbüro des Wellcome Trust. Die gemeinnützige Treuhand mit Sitz in London ist, nach der Bill and Melinda Gates Foundation, die weltweit zweitreichste Stiftung, die medizinische Forschung fördert.

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