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Wer ist hier undankbar?

Die Stadt Hanau will des Anschlags vom 19. Februar 2020 nicht mehr offiziell gedenken. Angehörige und Initiativen werden erinnern

Gedenkdemo in Hanau, 2024 Foto: Hesham Elsherif/AA/imago

Von Yağmur Ekim Çay

Hanau wird am sechsten Jahrestag an den rassistischen Anschlag vom 19. Februar 2020 erinnern – jedoch ohne eine offizielle ­Gedenkveranstaltung der Stadt und „in einem kleineren Rahmen“, wie Oberbürgermeister Claus Kaminsky (SPD) sagte. Im Mittelpunkt soll „ein öffentliches stilles Gedenken“ an den Tatorten stehen.

Am 19. Februar 2020 hatte ein rechtsextremer Täter im hessischen Hanau neun Menschen aus rassistischen Gründen ermordet: Gökhan Gültekin, Sedat Gürbüz, Said Nesar Hashemi, Mercedes Kierpacz, Hamza Kurtović, Vili Viorel Păun, Fatih Saraçoğlu, Ferhat Unvar und Kaloyan Velkov. Dass es für die neun jungen Menschen kein offizielles Gedenken vonseiten der Stadt mehr gibt, hat mit Spannungen zwischen Teilen der Stadtpolitik und den Hinterbliebenen zu tun. Mit deutlichen Worten hatte die Hanauer Rathaus­koalition aus FDP, CDU und SPD im vergangenen Jahr in einer Presse­mitteilung die Mutter des ermordeten Sedat Gürbüz kritisiert. Anlass war eine Rede von Emiş Gürbüz, in der sie die Stadt ­Hanau deutlich für Versäumnisse beim Anschlag und dessen Aufarbeitung kritisiert hatte.

Vorwürfe der politischen Agitation

In der Mitteilung aus dem Rathaus hieß es, Gürbüz habe sich bei der Gedenkveranstaltung im vergangenen Jahr „mit schockierenden Äußerungen zu Wort gemeldet“. Die Stadtverordneten warfen ihr vor, das „Gedenken zur politischen Agitation genutzt“ zu haben. „Bei allem Verständnis für die Trauer“ verlangte beispielsweise die ­Hanauer FDP-Fraktion „Respekt und Achtung gegenüber Bund, Land, Stadt sowie den anderen Opferfamilien“. Die SPD-Frak­tionsvorsitzende Ute Schwarzenberger erklärte, sie wünsche „Frau Gürbüz die Kraft, ihren Hass zu überwinden, um sich künftig respektvoll zu ­äußern“. Die Parteien stellten fest, es werde „derlei Gedenkveranstaltung in Hanau nicht mehr geben“. Es sei angezeigt, das künftige Gedenken in ­kleinerem Rahmen durchzuführen.

Auch Oberbürgermeister Kaminsky hatte 2025 in einer Rede Emiş Gürbüz’ Aussagen kritisiert und klargestellt: Das Gedenken werde fortgesetzt, aber in reduziertem Rahmen. Diese Entscheidung sei keine Reaktion auf die Rede von Emiş Gürbüz.

Der Eindruck, der sich bietet, ist jedoch ein anderer. Kaminsky und andere Vertreter meinten schon 2024, es brauche einen Neuanfang, und warnten vor einer „kontraproduktiven“ Veranstaltung. Opfer­angehörige kritisierten damals, dass es kein offizielles Gedenken gemeinsam mit Familienmitgliedern auf dem Marktplatz mehr gebe, weil bei der Veranstaltung im vorherigen Jahr Reden­ von Angehörigen von offizieller Seite als „undankbar“ empfunden worden seien.

Schon 2023 hatten es die Angehörigen „gewagt“, die Behörden sowie den Oberbürgermeister zu kritisieren. Damals schon gab es deutliche Reaktionen. So hatte die frühere Oberbürgermeisterin von Hanau, Margret Härtel (CDU), in einem offenen Brief Serpil Temiz Unvar, die Mutter des getöteten Ferhat Unvar, kritisiert: Ihre Wut sei zum Hass geworden, sie habe sich „unzulässig und undemokratisch“ verhalten. Unvar würde in der Hanauer Gesellschaft wieder „eine Akzeptanz finden, wenn sie und all jene, die sie unter­stützen, mit den haltlosen, absolut politisch gewollten Vorwürfen und Angriffen aufhören“. Maximilian Bieri (SPD) hatte kritisiert: „Mit ihrem Auftreten erreichen einige nur, dass sich offene Türen zukünftig schließen werden.“ Das sei mit Blick auf die Gesamtheit aller Angehörigen bedenklich.

Viele Formen des Erinnerns

Fernab von diesen Auseinandersetzungen organisieren Initiativen und Angehörige auch in diesem Jahr wieder eigene Formen des Erinnerns.

Am 19. Februar selbst sind Gedenken auf den Friedhöfen in Hanau, Offenbach und Dietzenbach geplant – sowie unter dem Motto „Hanau ist überall“ Demos und Kundgebungen in Berlin, Leipzig, München und vielen anderen Städten. Am 21. Februar folgt eine große Gedenkdemonstration in Hanau am Marktplatz.

In diesem Jahr wird insbesondere auch Ibrahim Akkus gedacht, der am 10. Januar 2026 an den Spätfolgen des Anschlags gestorben ist.

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