: Wenn die Kleinstadthüttebrennt
Antifas aus der Großstadt fahren gern aufs Land, um die Genoss*innen vor Ort zu unterstützen. Aber ist das überhaupt eine Hilfe?
Von Amira Klute und Katharina Schipkowski
Um Bornhagen in Thüringen, knapp 200 Einwohner*innen, blüht der Löwenzahn. Plötzlich steigen 200 junge Menschen in Sportklamotten mit Sonnenbrillen aus Reisebussen. Sie laufen, Parolen rufend, von Hunderten Polizist*innen mit Wasserwerfern begleitet, durchs Dorf. Sie tragen Transparente auf denen steht: „Gegen die Idiotie des Landlebens“ und „Scheiß Drecksnest“. Dann fahren sie wieder nach Hause.
Zehn Jahre ist das her. Im Mai 2016 hatten antideutsche Gruppen aus Halle und Berlin zu einer Demo durch den Wohnort des thüringischen AfD-Vorsitzenden Björn Höcke aufgerufen. Sie richteten sich explizit auch gegen „die Provinz“. Die Organisator*innen schrieben danach auf Facebook: „Das Dorf ist empört, wir sind erfreut.“
Das war natürlich Provokation. Solche „Strafexpeditionen“, also linksautoritäre Stippvisiten, um Aufmerksamkeit auf rechte Landstriche zu richten, gibt es kaum noch. Trotzdem berührt die Aktion eine Frage, die Antifaschist*innen schon lange diskutieren und die immer noch aktuell ist: Sollten Antifas aus der Stadt aufs Land fahren? Und wenn ja: Wann ist es gut, wann eher schädlich und wie kann nachhaltige Solidarität aussehen? (siehe dazu auch die beiden Protokolle rechts)
Wenn wir den Gegensatz von Stadt und Land aufmachen, dann ist der Antifaschismus eher in der Stadt zuhause und der Faschismus eher auf dem Land. Aus radikal linker – und städtischer – Perspektive ist die große Stadt der Ort der Emanzipation, die Provinz der des Rückschritts.
Schon Rosa Luxemburg nannte die Peripherie ein „Reservat der Reaktion“. Dem deutschen Faschismus dagegen war die große Stadt das Feindbild: lauter anonyme, entfremdete, kommunistische, jüdische Perverse. Auf dem Land verorteten die Nazis das ursprüngliche, deutsche Leben. Vater-Mutter-Kinder, der Gemüsegarten, der Schäferhund.
In der heutigen Realität kommt man mit solchen Kategorien nicht weit. Fast sechzig Prozent der Bevölkerung in Deutschland leben nicht in Großstädten, sondern in Dörfern, Klein- und Mittelstädten, auch bekannt als „ländlicher Raum“ oder „Provinz“.
Großstadt-Antifas mögen sich mitunter überlegen fühlen, wenn sie durch ihren Szenekiez schlendern – vom linken Straßenfest zum besetzten Haus, zur linken Kneipe, zum angesagten Club. Aber sie wissen auch, dass keine Veränderung zu machen ist, ohne die Provinz mitzunehmen.
Außerdem will man die Genoss*innen in der Provinz nicht hängenlassen, die durch ihr Engagement viel mehr riskieren als Großstädter*innen. „Antifa heißt Landarbeit“, das ist seit den 90er Jahren auch in den Großstädten angekommen.
Aber was heißt „nicht hängenlassen“? Ist es nicht paternalistischer Größenwahn, wenn Nachwuchs-Antifas aus Hamburg-Altona in die schleswig-holsteinische Kleinstadt fahren, um das von Nazis angegriffene Jugendzentrum zu verteidigen? Welche Straßenerfahrung sollen die schon mitbringen? Wer muss dann am Ende wen verteidigen?
Die schlagkräftigste Antifa-Szene findet man nicht in der Großstadt, wo man Neonazis eher vom Hörensagen kennt. Sondern da, wo auch die Rechten sind: im ländlichen Raum. Die reale, handfeste Bedrohung auf dem Schulhof, im Freibad oder an der Bushaltestelle schafft Entschlossenheit und Zusammenhalt bei denen, die sich dagegen behaupten müssen.
Wo die linke Szene zu klein ist für die x-te Abspaltung, da schließt man lieber die Reihen. In Görlitz, Halberstadt oder Plauen hat man andere Probleme als die Frage, ob in Gaza ein Genozid stattfindet oder lediglich eine völkerrechtswidrige Vertreibung. Trotz inhaltlicher Differenzen ist man immer wieder zur Zusammenarbeit gezwungen. In Großstädten sieht das ganz anders aus, innerlinke Konflikte sind hier an der Tagesordnung – auch, weil man es sich (vermeintlich) leisten kann.
Die Frage, ob eine von beiden Gruppierungen der anderen überlegen ist – die zahlenmäßig stärkere, aber fragmentierte Großstadt-Antifa oder die überschaubare, aber handlungsfähigere Kleinstadt-Antifa –, weist vielleicht schon auf das Problem hin. Wenn beide auf Augenhöhe wären, wieso sollte es dann paternalistisch sein, wenn die eine der anderen hilft?
In vielen kleinen Orten wünschen sich Antifaschist*innen dennoch Unterstützung aus der Großstadt. Ob die Hamburger*innen oder Berliner*innen nahkampferprobt sind, will man vielleicht gar nicht so genau wissen. Die gewaltvolle Konfrontation versucht man in den meisten Fällen ohnehin zu vermeiden – das gilt zumindest für die Kleinstädter*innen, die auch hinterher noch Gartenzaun an Gartenzaun mit den Rechten leben müssen deren Kinder den Kindern der anderen auf dem Schulhof begegnen. Die Großstädter*innen, die nur ein paar Stunden da sind und dann ciao, sehen das womöglich anders.
Wer Menschen von außerhalb dazu holt, gibt ein Stück weit die Kontrolle ab. In Demmin hat das bis auf ein Mal gut geklappt. In die 9.500-Einwohner*innen-Stadt in Mecklenburg-Vorpommern kommen jedes Jahr am 8. Mai Hunderte Rechtsextreme, um einen „Trauermarsch“ zu veranstalten. Als Anlass dienen ihnen die Massensuizide in den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs. Zwischen dem 30. April und dem 4. Mai 1945 nahmen sich rund 1.000 Menschen in Demmin das Leben, auch aus Angst vor der anrückenden Roten Armee.
Gegen den rechtsextremen Trauermarsch mobilisiert seit 2009 das lokale Bündnis 8. Mai Demmin. Heinz Wittmer, 57, ist von Anfang an dabei. Er erinnert sich, wie sie 2008 nicht mal zwei Hände voll Leute waren, die sich mehr als 300 Neonazis entgegenstellten.„Es mussten mehr Leute her, die am 8. Mai auf der Straße sind“, sagt er.
Die Arbeit des Bündnisses bestand von Anfang an darin, Antifaschist*innen aus anderen Städten dazu zu bewegen, am 8. Mai nach Demmin zu kommen. Mit Erfolg: Zwei Jahre später waren sie mehr als die Neonazis. Das Bündnis setzte ab 2015 auch auf Partycharakter, gegen den geschichtsrevisionistischen Trauermarsch der Neonazis. Es kamen über die Jahre immer mehr Linke.
Im vergangenen Jahr dann der Rekord: mehr als 3.000 Menschen, davon rund 700 aus Berlin, fünf Reisebusse aus Hamburg. Das ist auch ein Verdienst des antifaschistischen Aktionsbündnisses Widersetzen, das seit Ende 2024 am 8. Mai nach Demmin mobilisiert.
Immer, sagt Wittmer, hätten sie für Absprachen geworben, mit denen, die kommen. „Wir ham gesagt: Wir wünschen uns, dass die Leute sich an gewisse Sachen halten.“ Keine brennenden Barrikaden zum Beispiel, auf der Straße sitzen sei okay, aber nicht noch die Autos der Nazis kaputt zu hauen. Warum? „Damit die Menschen in Demmin nicht noch mehr gegen uns sind. Wir wollen ja immer noch versuchen, die Menschen hier zu erreichen mit unseren Inhalten.“
Einmal, 2016, war das gründlich schief gegangen. Da hatten Antifaschist*innen während einer NPD-Kundgebung aufgeblasene Sexpuppen in die Peene geworfen, auf der die Nazis immer ihre Gedenkkränze schwimmen lassen. In dem Fluss hatten sich 1945 Hunderte Demminer*innen ertränkt.
Die Sexpuppenaktion riss Wunden bei den Einwohner*innen auf und holte Traumata hervor, die die Stadt jahrelang nicht aufgearbeitet hatte. Die Aktion sei mit den lokalen Organisator*innen nicht abgesprochen gewesen, sagt Wittmer.
In Demmin haben sie deshalb auch überlegt, die Menschen aus der Region stärker einzubinden. Aber so eine Haustürmobilisierung kostet Zeit, oft bedeutet es jahrelange kontinuierliche Arbeit. „Wir konnten nicht ewig warten, bis wir den Nazis was entgegensetzen“, sagt Wittmer. Wie überall, wo die Ressourcen begrenzt sind, entscheidet der Pragmatismus mit.
Aber kann man dauerhaft etwas verändern, ohne die mühselige, kleinteilige Arbeit mit den Menschen vor Ort? Bei der letzten Bundestagswahl wählten 47,3 Prozent der Demminer*innen per Zweitstimme die AfD. Die jüngsten Umfragen prognostizieren der Partei für die Landtagswahl im September 36 Prozent.
Vielleicht, nein ganz sicher, lässt sich der Rechtsruck nicht stoppen, indem die Antifa aufs Land fährt, wenn die Genoss*innen dort Hilfe anfordern. Aber für diejenigen, die den Rechten in der Provinz tagtäglich die Stirn bieten, macht es einen riesen Unterschied, ob jemand kommt, wenn sie nach Unterstützung rufen.
Sollte es nicht eine Pflicht sein, sie nicht hängen zu lassen – und zwar die Pflicht jede*r Bürger*in? Eine Großstadtabgabe, ein Soli. Dafür, dass man in Berlin-Kreuzberg, Leipzig-Connewitz, Köln-Ehrenfeld, Hannover-Linden oder Hamburg-St. Pauli seine Ruhe vor rechten Kackbratzen hat.
Allerdings richtet die Unterstützung mehr Schaden an, wenn die Berliner Gym-Boys oder Hamburger Schläger-Girls Absprachen mit den Locals ignorieren. Aber endet man dann nicht bei Befehl und Gehorsam? Autonome organisieren sich bekanntlich nicht wie das Militär.
Vielleicht lautet die Frage gar nicht, ob Stadt-Antifas aufs Land fahren sollten, sondern ob sie bereit sind, dort nicht die Hauptrolle zu spielen. Ob sie sich an Abmachungen halten, die sie selbst lieber nicht treffen würden.
Im Zweifel kann das bedeuten, zusammen mit der SPD zu demonstrieren. Oder mitzusingen, wenn die ganze Kundgebung mit den Omas gegen Rechts „Imagine“ singt. Ja, das kann weh tun. Aber eine wehrhafte Antifa muss das aushalten können.
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