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Wenn die Damen nicht mehr gehorchen

Es sei der Sex gewesen, der sie vor der Entfremdung vom eigenen Körper gerettet habe, erzählt meine Tante. Ich muss schlucken. Sie ist 80, ich habe noch nie mit jemandem Ü60 über Sex gesprochen. Sie aber sagt es mit einer Selbstverständlichkeit, mit derselben, mit der sie mich eben noch gebeten hat, meine Sonnenbrille abzulegen, damit sie mir in die Augen sehen kann.

„Bei mir waren es die Tattoos“, sage ich. „Sie haben mir das Gefühl gegeben, mir diesen Körper zurückzuholen, der mir nicht mehr zu gehören schien.“ Sie nickt. Wir verstehen uns. Wir kommen aus derselben körperlosen Familie.

Berlin- Wilmersdorf

101.100 Ein­wohner*innen.

Weil der Forst Grunewald fast die Hälfte der Gesamtfläche des Stadtteils bedeckt, gibt es hier viel Grün, die Immobilienpreise sind hoch, und überhaupt hat Wilmersdorf den Ruf einer eher gesetzten Gegend.

Ein älterer Mann tritt an unseren Tisch in dem Café am Hohenzollernplatz, wünscht „den Damen“ einen guten Tag – und hat da bereits verloren. Meine Tante hasst das Wort. Dieses Wörtchen, das Frauen zu etwas Gezähmtem degradiert, zu etwas Artigem, Anpassungsfähigem. Trotzdem schenken wir ihm unsere Aufmerksamkeit. „Sie sind schön“, befindet er, nachdem er mich ausgiebig gemustert hat. „Aber Sie sollten aufhören mit den Tattoos. Die werden Sie noch bereuen.“ Meine Tante entgegnet: „Oder auch nicht.“ Kopfschüttelnd zieht er von dannen. Lilly Schröder

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