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Weniger Stadt, mehr Land

Auch Flächenländer wie Brandenburg, Sachsen-Anhalt und Thüringen präsentieren sich mit Internationalen Bauausstellungen. Mit unterschiedlichem Erfolg

Lange haben sie in Weimar darüber nachgedacht, wie die Internationale Bauausstellung (IBA) in Thüringen zu nennen sei. Große Städte, die mit spektakulären Bauprojekten glänzen, gibt es nicht im Flächenland – also wurde aus der Not eine Tugend gemacht. Die IBA, die 2023 nach elf Jahren abgeschlossen wurde, hieß kurzerhand wie diese Seiten in der wochentaz: Stadtland.

Von Thüringen zu lernen, hat sich IBA-Chefin Marta Doehler-Behzadi vorgenommen. „Wir wollen die Frage stellen, wie ein Bundesland, das demografisch unter einem riesigen Druck steht, Wege in die Zukunft finden kann.“ Vor allem in ländlichen Räumen fanden dann die Projekte statt.

Zum Beispiel im Schwarzatal, einer lieblichen Landschaft im Süden Thüringens an der Grenze zu Bayern. Viele sind seit der Wende abgewandert. Ein Nachwende-Zonenrandgebiet, in dem die Zivilgesellschaft aber noch intakt war. „Re­si­lien­tes Schwarzatal“ hieß das Projekt und war der Versuch der Dörfer und Städte, entlang der Schwarza und Saale die gewachsene Landschaft zu erhalten und dennoch zukunftsfähig zu machen. Zum Beispiel durch den punktuellen Aufbau einer touristischen Infrastruktur. Also wurde der leer stehende Bahnhof in Rottenbach saniert. Im „Tor ins Schwarzatal“ wird seit 2019 ein Bahn-Hofladen betrieben.

Landumbau statt Stadtumbau war 2010 das Thema der IBA Fürst-Pückler-Land in Brandenburg. Noch bevor in der Lausitz vom sprich­wörtlichen Strukturwandel die Rede war und viel Geld floss, setzte IBA-Chef Rolf Kuhn da­rauf, die Region auf das postfossile Zeitalter vorzubereiten, ohne ihren industriellen Charakter zu ­leugnen.

Misst man eine IBA daran, ob es gelingt, die Menschen mitzunehmen? Oder daran, früh schon Themen zu setzen, auch wenn sie erst mal schräg anmuten? Letzteres ist in der Lausitz gelungen. Die F60 in Lichtenfels, einst größte Förderbrücke der Welt, ist längst eine Attraktion. Nach dem Bergbau kommt der Tourismus. Was nicht kam, sind die schwimmenden Häuser in der Lausitzer Seenlandschaft. Rechtliche Probleme. Auch eine IBA, so experimentell sie sein mag, kann die deutsche Bürokratie nicht außer Kraft setzen.

Was tun, wenn so viele gehen und kaum mehr einer kommt? Wie reagiert eine IBA auf eine schrumpfende Region? Das war das Thema der IBA Stadtumbau in Sachsen-Anhalt. Ziel war es, bis 2010 dem Aderlass mit geschärften Profilen der Schrumpfstädte zu begegnen – und so eine Art Markenkern herauszuschälen.

In Magdeburg wandte sich die Stadt mit zahlreichen Projekten wieder der Elbe zu. In Dessau wurden „Stadtinseln“ identifiziert, städtische Kerne, zwischen denen auch gegärtnert werden durfte. Andere Städte wie Aschersleben wurden bis auf den Kern zurückgebaut. Nimmt man so die Menschen mit? Durchs Gesundschrumpfen? Oder bleibt am Ende die Erfahrung von Veränderung als Verlust?

Diese existenziellen Fragen zu vermitteln, ist vielleicht mit einer Land-IBA noch schwieriger als in Berlin oder Hamburg. Uwe Rada

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