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Wem das Land gehört

Ackerland ist in den letzten 15 Jahren in Niedersachsen um das Dreifache teurer geworden – Landwirtschaft kann das kaum noch bezahlen. Auf dem Lohmannshof haben sie deshalb umgedacht: Ein Teil des Bodens gehört jetzt einer Genossenschaft, die Land erwirbt, um es nie wieder zu verkaufen. Ein Besuch zwischen Hühnermobil, Agroforst und der Frage, wem ein Acker eigentlich gehören sollte

Aus Dörverden Daniela Barth

Die Solarmodule auf dem Lohmannshof stehen senkrecht im Feld wie ein Zaun. Nur dass sie hier niemanden aussperren sollen. Zwischen den Reihen wächst weiter, was wachsen soll: Kleegras, Gemüse, dahinter Weideflächen für freilaufende Hühner. Windböen wirbeln über die sandigen Flächen im Aller-Weser-Dreieck, im Ortsteil Westen von Dörverden – also mitten im Agrarland Niedersachsen.

Amalie Lohmann, Johannes Oepenhorst und Corbinian Schöfinius stehen heute an erster Stelle, wenn es um den Lohmannshof geht, aber sie sind nicht allein. Formal besteht der Hof aus vier eigenständigen Betrieben mit zahlreichen Mit­ar­bei­te­r:in­nen – von Gärtnerei bis Hofladen. Auch Ehler und Ulrike Lohmann, aus deren Generation der Hof einmal stammte, sind noch als Altenteiler dabei. Schon seit 1985 wirtschaftet der Hof nach den Regeln des Bioland-Verbands, dessen Vorgaben strenger sind als die EU-Verordnung. 2015 stiegen Oepenhorst und Schöfinius ein, zunächst in einer Übergangsphase, später übernahmen sie den Betrieb gemeinsam mit Lohmann.

Gelebt wird der Hof als eine Gemeinschaft. Wer hier arbeitet und wohnt, organisiert gemeinsam alles, was eben so anfällt: Hoffeste und Veranstaltungen, die Bauernhofpädagogik, die Apfelernte im Herbst, das Feuerholz für den Winter. Und es geht auch um politische Arbeit, denn die Hofgemeinschaft hat mehr vor, als einfach nur die Felder zu bestellen.

Im Moment dreht sich dabei viel um den „Zukunftsacker“: ein Agroforstsystem zum Erproben, wie sich klimaresilient landwirtschaften lässt. Baum- und Heckenreihen sollen den Wind bremsen und das Wasser im Boden halten, um den Betrieb widerstandsfähiger gegen Hitze, Dürre und Starkregen zu machen. Der Zukunftsacker soll kommenden Generationen wertvolle Nahrung liefern, sagt Betriebsleiterin Amalie Lohmann.

An Ideen mangelte es nicht, lange aber an der Fläche: 7,5 Hektar, die sich die Gemeinschaft inzwischen endlich sichern konnte. Das war nicht einfach. Um den Boden selbst zu kaufen, fehlte das Geld, privat verpachten wollte der Eigentümer nicht.

Probleme dieser Art sind nicht ungewöhnlich in der Landwirtschaft. „Für uns ist es sehr schwer geworden, Flächen zu kaufen, weil die Preise extrem gestiegen sind“, sagt Lohmann. In der Region lägen sie heute bei mehr als dem Dreifachen dessen, was vor 15 Jahren gezahlt wurde, während die Verbraucherpreise im selben Zeitraum nur um gut ein Drittel gestiegen seien. „Das können wir mit Landwirtschaft nicht mehr erwirtschaften – nicht in einer Generation und wahrscheinlich auch nicht in zweien“ (siehe auch „Den kleinen Acker schützen“).

Landwirt:innen, Kommunen und Bauträger konkurrieren um begrenzte Flächen – und mit Kapitalanleger:innen, die in Ackerland investieren, ohne es selbst zu bewirtschaften. Nicht nur in Dörverden. Zahlen des Statistischen Bundesamts zeigen: 2024 kostete ein Hektar Ackerland in Deutschland im Schnitt 35.300 Euro, gut doppelt so viel wie 2010. Und in Niedersachsen liegt man da beim Kauf vom Ackerland noch einmal deutlich darüber.

Ackerflächeist etwas so Grundlegendes – da entstehen Nahrungsmittel, und sie ist Teil unserer Natur. Das dem Markt zu unterwerfen und so zu privatisieren,ist eigentlich dumm

Corbinian Schöfinius vom Lohmannshof

Für den Lohmannshof ist schließlich Kulturland eG als „Retter in der Not“ eingesprungen. Die Genossenschaft mit Sitz im niedersächsischen Hitz­acker bietet einen Lösungsansatz gegen den entfesselten Markt. In einem Satz: Boden erwerben und ihn nie wieder verkaufen. Die Genossenschaft erwirbt gemeinschaftlich Ackerland und verpachtet es dauerhaft an Biohöfe.

Die Idee hinter Kulturland reicht gut zehn Jahre zurück und bis an den Bodensee: Ein Landwirt stand vor dem Verlust von 15 Hektar lange bewirtschafteten Pachtlandes, das kurzfristig verkauft werden sollte. Aus seinem Versuch, es gemeinschaftlich zu sichern, entstand die Kulturland eG, die 2014 ins Genossenschaftsregister eingetragen wurde. Heute zählt sie bereits 53 Partnerbetriebe, der Lohmannshof ist einer von ihnen. Bundesweit haben inzwischen rund 3.600 Ge­nos­s:in­nen Anteile gezeichnet, ohne auf Rendite zu hoffen. Die Mehrheit davon sind selbst keine Landwirt:innen, sondern Menschen, die Landwirtschaft nicht für irgendeine Branche unter vielen halten, sondern für die Grundlage dessen, was alle betrifft: Ernährung, Landschaft, Klima, Wasser, Artenvielfalt.

Agnes Graf, seit 2022 Mitglied und ehrenamtlich im Aufsichtsrat der Genossenschaft tätig, formuliert es etwa so: „Ich bin Genossin bei Kulturland, weil ich überzeugt bin, dass Boden als unsere gemeinsame Lebensgrundlage dem Gemeinwohl dienen sollte – und nicht allein Marktlogiken und Spekulation überlassen werden darf.“

Es geht um die Gesellschaft: um Ernährungssouveränität, wirksame Mitbestimmung und eine Landwirtschaft, die den Boden nicht auszehrt, sondern aufbaut. Ein weiteres Motiv beschreibt die ehrenamtliche Botschafterin Anja Feierabend: Durch die Kulturland-Genossenschaft kommt sie mit Bäue­r:in­nen in direkten Kontakt. „Das Essen wird weniger anonym.“

Der Lohmannshof passt in dieses Bild von Gemeinschaft und Ganzheitlichkeit. Das zeigt sich schon beim ersten Gang über das Gelände. Der wandernde Mobilstall der Lohmannshof-Hühner zieht Stück für Stück über die Fläche und hinterlässt zusammen mit dem Kleegras fruchtbaren Boden für das spätere Gemüse, ein Solarmodul versorgt ihn mit Strom. Roggen, Weizen, Dinkel und Hafer werden angebaut, ein Teil davon landet in der hofeigenen Backstube. Schafe, Bienen, Eier, Brot, Gemüse, Direktvermarktung …

Schöfinius ist Ingenieur für Energietechnik und auf dem Hof für vieles zuständig, was über den reinen Betriebs­alltag hinausgeht. „Ackerfläche ist etwas so Grundlegendes – da entstehen Nahrungsmittel, und sie ist Teil unserer Natur“, sagt er. „Das dem Markt zu unterwerfen und so zu privatisieren, ist eigentlich dumm.“ Der über Kulturland gesicherte Acker, sagt Schöfinius, gehöre „allen, die sich an dem Projekt beteiligen“.

Dass der landwirtschaftliche Bodenmarkt unter Druck steht, sehen inzwischen selbst die konventionellen Bauernverbände so. Sie warnen seit Jahren davor, dass außerlandwirtschaftliches Kapital in den Markt drängt und aktive Betriebe verdrängt. Uneinig sind sie sich erst bei der Antwort: Der Bauernverband setzt statt auf Gemeinschaftseigentum darauf, aktiven Land­wir­t:in­nen den Kauf eigener Flächen zu erleichtern.

Denn über Eigentum wird freilich auch auf allen anderen Höfen ständig gesprochen, wenn es um Pacht, Kredite oder Hofnachfolge geht. Der Unterschied liegt in der Form, die dieses Gespräch hier annimmt. Auf dem Lohmannshof tragen heute viele Menschen gemeinsam einen Betrieb, der einmal ein klassischer Familienhof war.

Unübersehbar wird das Miteinander mittags. Kurz nach zwölf klappern die Teller im gemeinsamen Essraum – reihum ist jede Woche eine andere Person fürs Kochen zuständig. Wer gerade vom Feld kommt, sitzt neben dem, der eben noch in der Backstube stand, dazwischen laufen Kinder herum. Das gemeinsame Mittagessen ist vielleicht die unspektakulärste, aber ehrlichste Antwort auf die Frage, was diesen Hof zusammenhält.

Und das versteht man hier politisch: als Engagement für eine ökologische, soziale und gerechte Gesellschaft, „in der alle Menschen ihren Platz finden“.