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Weihnachtsfeier für obdachlose MenschenGlanz, Glamour und Selbstinszenierung

Bei einem Event mit „Gala-Charakter“ verteilen Promis Essen an Obdachlose – eine geschmacklos inszenierte Aktion, die trotz allem Gutes bewirkt.

Prinzessin Xenia von Sachsen und Sängerin Sera Lee beim Weihnachtsessen für obdachlose Menschen von Frank Zander 2013 Foto: Jens Kalaene/ dpa

Xenia Florence Gabriela Sophie Iris Prinzessin von Sachsen steht vor der Tür und zieht an ihrer Zigarette. Sie trägt einen rosa Hosenanzug und silberne Stiefel mit Glitzersteinchen. Gegenüber des Reality-TV-Stars warten am Mittwochmittag rund 50 obdachlose Menschen in einer Schlange: einige in Rollstuhl, andere mit Sterni und Kippe in der Hand; alle dick eingepackt.

Im Inneren des Zentrums Zoo der Berliner Stadtmission spricht Dieter Padar: „Gerade in der Adventszeit wird die Einsamkeit vieler wohnungsloser Menschen besonders spürbar“, sagt der ehemalige, „Mr.-German-Sport“. Im Jackett, mit blendend weißen Zähnen und faltenlosem Gesicht, eröffnet er das Weihnachtsfest für obdachlose Menschen. Dazu hat der „Gentleman der Charity“ mit seiner humanitären Initiative Padar Humanitas unter dem geschmacklosen Motto „Glanz und Glamour für die Ärmsten“ eingeladen.

Mit seiner Initiative setzt der Sohn eines iranischstämmigen Immobilienunternehmers seit 2014 Projekte für Obdachlose, benachteiligte Familien und Kinder um – „nicht aus Verpflichtung, sondern aus tiefster Überzeugung“. Die Weihnachtsfeier soll Menschen ohne Obdach neben Wärme und Gemeinschaft auch „Würde“ schenken.

Den Eingang des Zentrums im Zoo schmückt ein Weihnachtsbaum mit pinken Schleifen und Lichterketten. Opernsängerin Lattilia Baronin von Ledersteger erfüllt die Räume mit ihrem Gesang. Von der Decke hängen Papier-Schneeflocken, auf den Tischen stehen Teller mit Spekulatius und Lebkuchen; daneben Kisten mit Bananen, Mandarinen, Äpfeln, Keksen und Popcorn.

„Service mit Gala-Charakter“

Aus dem Nebenraum zieht ein süßer Waffelduft durch den Esssaal. Dort verteilt die Prinzessin von Sachsen, Schirmherrin der Aktion, à la Frank Zander warmes Essen an die rund 120 Gäste. Neben ihr schöpfen weitere B-Promis mit blinkenden Weihnachtsbaumhaarreifen auf dem Kopf Kellen mit Kartoffelsalat und Würstchen. In der Einladung war von einem „Service mit Gala-Charakter“ die Rede. Dass die Prinzessin höchstpersönlich am Buffet stehe, sei „eine Geste des Respekts auf Augenhöhe“. Doch während Kameras die selbstlose PR-Geste festhalten, kommen Bedürftige mit ihren Tellern kaum durch die Menschentraube aus Pressevertreter*innen.

Für all die Kulturbanausen, denen die Urenkelin von König Friedrich August III. kein Name ist: Die 39-Jährige ist Playboy-Model, Sängerin, Kolumnistin bei der Mallorca Zeitung und TV-Star bei sämtlichen großen Realityshows von „Ich bin ein Star – Holt mich hier raus!“ bis „Swipe, Match, Love? – Realitystars im Datingfieber“.

Schirmherr sind auch der Landesvorsitzende der Freien Wähler, Mario Rhode, sowie der ehemalige Regierende Bürgermeister Michael Müller. Während die obdachlosen Menschen Zahnpasta, Mützen, Socken und (aus welchem Grund auch immer) Amazon-Kühltaschen geschenkt bekommen, fallen die Geschenke für den Ex-Regierenden, der am Vortag Geburtstag hatte, weitaus üppiger aus: eine Erdbeertorte, Champagner und ein Geschenk in KaDeWe-Tüte.

Müller bedankt sich und betont: „Es ist härter geworden auf der Straße. Es gibt mehr Wohnungslose, weniger Unterbringungsmöglichkeiten und mehr Konkurrenzkampf“. Diese Aktion zeige, wie man Menschen auf der Straße helfen könne. Mario Rhode ergänzt: „Wir brauchen mehr Schlafplätze für sie – und mehr Organisationen, wie diese.“

Über Letzteres kann man streiten. Und trotzdem: Am Ende versorgen die sich selbst inszenierenden Retter Bedürftige mit Essen.

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