: Wege aus ideologischen Grabenkämpfen
■ betr.: „Sie verlassen die geschützte Zone“ von Werner Schiffauer, Intertaz vom 14. 11. 95
Ist Deutschland eine multikulturelle Gesellschaft? Kann es eine solche sein? Werner Schiffauer zeigt in seiner brillanten Analyse Wege aus den ideologischen Grabenkämpfen. Er macht deutlich, daß die Integration von Einwanderern vor allem den Respekt vor dem Sowohl-als-Auch ihres Selbstverständnisses verlangt. Und doch bleibt Schiffauer seiner Analyse einen Schritt schuldig: Er argumentiert aus dem Blickwinkel des „Wir“ und „Ihr“. „Ihr“, die Eingewanderten, denen „unsere“ Gesellschaft die erfolgreiche Eingliederung ermöglichen soll. Gerade das aber gilt es zu überwinden.
Es geht nicht mehr um eine neue Toleranz des „Wir“, damit „ihr“ mit „uns“ glücklich und zufrieden sein könnt, es geht um einen neuen Gesellschaftsentwurf des anzustrebenden Gemeinsamen. Die Zukunft aller nach Deutschland eingewanderten Gruppen wird anders sein als das Assimilationsschicksal der im 19. Jahrhundert nach Deutschland migrierten Polen.
Es handelt sich nicht mehr um ein „Problem“, das so lange ignoriert werden kann, bis es sich durch Selbstaufgabe der Betroffenen über mehrere Generationen hinweg von alleine löst. Die schwierige Situation, deren Anerkennung Schiffauer verlangt, beschränkt sich nicht auf einen sanften Umgang der Mehrheitskultur mit ihren – noch nicht – integrierten Bevölkerungsgruppen. Modelle für eine durch zunehmende Migration gekennzeichnete Zukunft sind an vielen Orten zu finden, in denen das Selbstverständnis der alteingesessenen Mehrheit schon nicht mehr gilt. [...]
Schiffauer hat recht: Deutsch- Türke oder Turko-Deutscher sind Identitäten. Die Zukunft Deutschlands wird jedoch nicht einfach im Respekt vor diesen Bindestrich- Identitäten und ihrer zunehmenden Reduktion liegen. Die Fähigkeit aller Bewohner eines Lebensbereichs, diesen gemeinsam zu gestalten und im Zusammenleben der Distinktion von „wir“ und „ihr“ im Sinne eines Neuentwurfs des „Wir“ zu überwinden, stellt die eigentliche Herausforderung dar. Carsten Quell, Toronto, Kanada
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