Weg vom Blümchensex

Kuscheln ist Power, aber …

Blümchensex funktioniert ohne Kneifen, Beißen und Kitzeln. Das ist okay. Es ist auch okay, wenn es einen nach mehr sehnt als nur nach Zärtlichkeit.

Hand, Stecker, Steckdose

Übliches Sex-Schema: Stecker und Steckdose Foto: CC0 Public Domain

Mittlerweile habe ich vergessen, wie das gehen soll mit den Blümchensex. Lange hingegen dachte ich, das muss so. Ist ein bisschen wie Klimawandelleugnen, wenn man das eigene Begehren leugnet. Funktioniert eine Weile, bringt aber nichts, weil die Unausweichlichkeiten Unausweichlichkeiten bleiben, egal ob man hin- oder wegsieht.

Blümchensex ist die Art Verkehr, die ohne jedes Spiel mit Gewalt und Unterwerfung auskommt, ohne Kneifen, Beißen und Kitzeln und ohne Fantasien. Auf Englisch heißt dieser Sex „Vanilla“, ganz so wie jene Geschmacksrichtung, auf die sich alle einigen können, an die man sich aber am wenigsten erinnert.

Blümchensex ist die Vorstellung, dass Verkehr freundlich und streichelig sein muss, schmerzfrei und süß, voller Weichzeichner und schüchtern ausgetauschten Lächeleinheiten. Da ist an und für sich nichts Verwerfliches – Kuscheln ist Power. Schade ist bloß, wenn alle, die sich nach mehr sehnen als Zärtlichkeit, das Gefühl haben müssen, dass irgendetwas nicht in Ordnung ist. Blümchensex baut auf die Annahme auf, dass Nähe durch Reibung im Beckenbodenbereich entsteht. Er dreht sich vor allem um Penetration und die dadurch entstehende Stimulation von Rektum, Scheidenwand, Klitoris oder Prostata.

Vom grauenvollen Wort „Vorspiel“

Für alles, was nicht Penetration ist, hat Blümchensex das grauenvolle Wort „Vorspiel“ übrig. Ein Konzept so freudlos und inhuman, dass es sämtliche erogenen Zonen und das komplette menschliche Vorstellungsvermögen zu einer Art Hilfswissenschaft für das Schema „Stecker und Steckdose“ reduziert. Nicht, dass an Penetration irgendetwas falsch wäre.

Aber es gibt eben noch Ohrläppchen, Brustwarzen, Lippen, Halsschlagadern und Achselhöhlen, und wer die kennt, der kennt auch ihre besten Freunde, die Finger, Zungen, Zähne und Nägel. Und wer Stimulation ernsthaft ausprobiert, landet schneller als gedacht beim Schmerz. Vielleicht nicht beim heftigen, vielleicht gar nicht mal beim echten, sondern beim potenziellen, beim angetäuschten, beim vorgestellten. Aber eben beim Schmerz. Wer Lust hat, das Spektrum von Reiz-Reaktions-Mustern am eigenen und am anderen Körper zu erkunden (wohlgemerkt: mit Konsens!), hat Blümchensex schneller verlassen, als er oder sie gedacht hat.

Man muss das nicht lieben. Man kann es lassen oder eben machen. Es gibt drei Sorten Leute: diejenigen, die wissen, worauf sie Lust haben und es sich holen; diejenigen, die keine Ahnung haben, was sie wollen, und deshalb noch viel entdecken dürfen; und diejenigen, die ihr Begehren kennen und es leugnen.

Der Unterschied zum Klimaleugnen besteht übrigens darin, dass der Klimawandel eine grauenvolle Realität ist, der wir wohl oder übel ins Auge sehen müssen. Dagegen hat die unendliche Realität sexuellen Begehrens nichts Grauenvolles. Hier erwartet uns am Ende des Leugnens nur eins: Freiheit.

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Redakteur für alles, was auf Bildschirmen stattfindet. Interessiert sich besonders für medienethische Fragen und für den digitalen Journalismus der Zukunft. Bei der taz seit 2016. Schreibt in der Kolumne "Kuscheln in Ketten" alle zwei Wochen über Fetisch und SM.

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