Reiz und Überreizung

Die Lust ist wichtiger als die Norm

Unser Kolumnist wird oft gefragt, ob das Spiel mit Schmerz und Gewalt nicht abstumpfe. Das kann er nicht sagen, aber hier ein paar Empfehlungen.

Ein Mann mit Peitsche auf einem Dach

„Ob Kinky oder Vanilla: Ich kann Ihnen nicht garantieren, dass Sie die- oder derselbe bleiben“ Foto: Parker Gibbons/Unsplash

Die meisten Menschen mit kinky Fantasien trauen sich nicht so richtig in die Richtung, in die ihr Begehren sie weist. Gründe dafür sind sicher Scham und Stigma – aber eine große Angst besteht auch darin, dass man über das Begehren außerhalb der Norm die Kontrolle verlieren könnte. Das weiß ich, weil eine der häufigsten Fragen, die ich aus der Richtung des eingetragenen Vereins „Missionarsstellung unter der Bettdecke“ zu hören bekomme, die ist, ob das Spiel mit Schmerz und Gewalt nicht abstumpfe.

Ob es sich beim Fesseln, Schlagen und Erniedrigen nicht eigentlich um eine Suche nach dem immer krasseren Reiz handele, vergleichbar mit Extremsport – also bloß eine weitere Methode, das Nervensystem so großem Stress auszusetzen, dass es gar nicht anders kann, als mit einer Flut von Glückshormonen zu reagieren.

Was natürlich bedeuten würde, dass bei besagtem Nervensystem irgendwann dem Stressreiz gegenüber eine Gewöhnung stattfindet. Dann tritt die Peitsche an die Stelle des Kochlöffels. Statt Kerzenwachs zu tröpfeln, schließen wir uns an einen Stromkreis an, der immer höher gedreht wird. Auch reicht es dann nicht mehr, schmutzige Worte in den Mund zu nehmen, es müssen mindestens schmutzige Socken sein.

Ich würde gerne versprechen können, dass es nicht so kommt. Würde Interessierten gerne die Angst davor nehmen, dass der einmalige Besuch eines Swingerclubs im nächstgelegenen Oberzentrum dazu führen könnte, dass sie irgendwann Sex nur noch genießen, wenn sie enorme Schmerzen empfinden oder zufügen. Ich wäre mir gerne sicher, dass all das dosierbar ist.

Keine Kinky-Forschung

Ich habe dazu sogar einen Psychologen befragt, aber die empirische Forschung des kinky Begehrens ist so unterentwickelt, es gibt einfach keine Studien – nicht einmal umstrittene. Was es gibt, sind Beobachtungen aus der Therapie. Aber die basieren eben nur auf Menschen, die wegen psychischer Probleme in Behandlung sind, und nicht der Gesamtheit der glücklichen, unglücklichen, frustrierten und zufriedenen Freund*innen der härteren Gangart.

Ich kann Ihnen also nicht garantieren, dass Sie, rein sexuell gesprochen, die- oder derselbe bleiben, wenn Sie sich auf das einlassen, was ich hier mit so großer Freude anpreise. Ich weiß, dass ich nicht derselbe bin, der ich war vor dem Tag, als ich das erste Mal einen Gürtel für etwas anderes benutzt habe als zum Hosehochhalten. Was die Reizabstumpfung angeht, rate ich einfach dazu, Sex nicht wie einen Sport zu betreiben und ihn nicht wie eine Droge zu konsumieren. Das ist, glaube ich, eine gute Idee, egal ob man kinky oder vanilla ist.

Was allerdings die Angst davor angeht, dem „normalen“ Sex abhandenzukommen – und ich argwöhne, dass die eine auch immer in der anderen Befürchtung mitschwingt –, dazu kann ich Ihnen nur sagen: Ihre Lust – und die Lust derer, die Sie lieben – ist einfach wichtiger als die Norm.

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Redakteur für alles, was auf Bildschirmen stattfindet. Interessiert sich besonders für medienethische Fragen und für den digitalen Journalismus der Zukunft. Bei der taz seit 2016. Schreibt in der Kolumne "Kuscheln in Ketten" alle zwei Wochen über Fetisch und SM.

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