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Was kommt vor dem Tod?

Unsere Autorin ist 33 Jahre alt, bewusst kinderlos und glücklich. Aber alt zu werden, macht ihr Angst. Wer wird sich um sie kümmern? Also hat sie Menschen getroffen, die Gemeinschaft und Pflege außerhalb der Familie organisieren

Aus Dresden und Riesa Laura Catoni (Text) und Sven Döring (Fotos)

Stellen Sie sich vor, es ist ihr 100. Geburtstag und ihre Kinder planen eine viertägige Party am See für Sie. Alle Verwandten sind da, es gibt Buffet, Spiele und Riesenseifenblasen, Umarmungen und liebe Worte.

Stellen Sie sich vor, sie sind 90 Jahre alt, leben schon immer im Osten und ihr Sohn organisiert für Sie eine Süddeutschlandtour. Zu zweit erkunden Sie Orte von Würzburg bis Freiburg, mit Höhenmetern, Postkartenaussicht und Pausen, wo sie nötig sind.

Oder Sie stellen sich vor, wie ihre Tochter für eine Pediküre vorbeikommt, nachdem Sie vor wenigen Wochen schwer gestürzt sind. Dazu gibt es Sekt und Mutter-Tochter-Gespräche.

Bei meiner Arbeit bin ich in letzter Zeit vielen alten Menschen begegnet. In Interviews fragte ich sie, wie es ist, auf 100 Lebensjahre zurückzublicken oder seit 65 Jahren mit derselben Person eine Beziehung zu führen. Dabei erzählten sie mir auch diese Geschichten. Sie rührten mich – und machten mir gleichzeitig Angst.

Ich bin 33 Jahre alt, Single und bewusst kinderlos. Meine Zweiraumwohnung teile ich mir mit meinem Kater. Auf Dates verzichte ich schon lange. Ich bin gern allein, einsam fühle ich mich fast nie. Das liegt daran, dass ich Freundinnen habe, auf die ich zählen kann. Als ich letzten Winter mit Grippe flachlag, ging Sophie für mich einkaufen. Anna fuhr durch den ganzen Kiez, um meine Lieblingszimtschnecke zu besorgen. Am nächsten Tag holte sie mir Nasenspray aus der Apotheke. Annika bot mir an, mich auf dem 400 Kilometer langen Weg in die Heimat zu begleiten, nachdem meine Mutter eine Hirnblutung erlitten hatte. Als ich mal in der Notaufnahme saß, schrieb ich ihr halb im Scherz, ob sie mir im Fall der Fälle eine Unterhose und Handyladekabel vorbeibringen würde. „Alles, was du willst“, antwortete sie mit Kuss-Emoji.

Aber was ist in 30, 40, 50 Jahren? Sind Anna, Annika und die anderen dann noch da? Oder haben sie sich ins Ehe- oder Kleinfamilienleben zurückgezogen? Vielleicht haben sich unsere Lebenswege bis dahin getrennt? Auch mein Bruder ist kinderlos, sodass ich später wohl keine Neffen oder Nichten haben werde. Meine Mutter kommt aus Norddeutschland, mein Vater aus Rom. Aufgewachsen bin ich in Bayern, lebe aber seit 14 Jahren in Sachsen. Tanten, Onkel, Cousins, Cousinen: Von den meisten von ihnen trennen mich Hunderte Kilometer.

Wenn ich an die 100-Jährigen denke, die ich interviewt habe, frage ich mich: Wer würde sich im Alter um mich kümmern? Wer würde mit mir zur Wanderung aufbrechen? Mir die Nägel machen, wenn ich es nicht mehr schaffe? Mit wem feiere ich Geburtstag? Und käme es am Ende nur noch darauf an, dass ich Menschen bezahlen kann, mich zu pflegen?

Obwohl ich mich im Heute so eingebunden fühle, finde ich kein Bild, keine Idee für meine Zukunft, während ich mir diese Fragen stelle.

Es sind Fragen, die nicht nur ich allein, sondern auch wir als Gesellschaft beantworten müssen. Denn in Deutschland steigt die Zahl alter und kranker Menschen. Gleichzeitig hinterlässt die Boomergeneration eine riesige Lücke in den Pflegeberufen, wenn sie in den kommenden Jahren in Rente geht. Die Kosten für Pflegeheimplätze explodieren. Anstatt das Finanzierungssystem zu reformieren, setzt die Politik weiterhin auf unbezahlte Care-Arbeit. Mehr als 80 Prozent aller pflegebedürftigen Menschen werden derzeit zu Hause versorgt, der Großteil von ihnen durch An- und Zugehörige.

„Wie groß der Anteil der Pflegebedürftigen ist, die von Freun­d*in­nen gepflegt werden, können wir nicht verlässlich beantworten“, sagt Ulrike Ehrlich im Videocall. Sie ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Deutschen Zentrum für Altersfragen (DZA) und beschäftigt sie sich seit über zehn Jahren mit dem Thema Angehörigenpflege.

Einen Eindruck liefere aber das Deutsche Alterssurvey des DZA, eine repräsentative Umfrage unter Menschen ab 40 Jahren. Demzufolge unterstützt oder pflegt etwa jeder fünfte Person ab 40 Jahren im persönlichen Umfeld. Das kann bedeuten, mit der hilfsbedürftigen Person zum Arzt zu gehen, ihr im Haushalt zu helfen oder sie zu waschen und beim Essen zu unterstützen. In etwa 50 Prozent der Fälle kümmern sich die Pflegenden um die eigenen Eltern, in rund 20 Prozent um den*­die ei­ge­ne*n Partner*in. Nur 5 Prozent gaben an, Freun­d*in­nen zu pflegen, berichtet Ehrlich. „Die klassische Konstellation ist also weiterhin, dass Pflege zwischen Eltern und Kindern oder zwischen Part­ne­r*in­nen stattfindet“, bilanziert die Wissenschaftlerin.

Eine kinderlose Freundin von mir macht Karriere, damit sie im Alter versorgt ist. Denn gute Pflege kostet Geld

Die Angst vor der Leere

Aber was, wenn ein familiäres Umfeld fehlt, auf das man zählen könnte? Im Gasthaus Wenzel in der Dresdner Altstadt ist an diesem Sonntagabend die Selbsthilfegruppe „Leben ohne Familie“ zum Stammtisch zusammengekommen. Die Gruppe richtet sich an Menschen ohne „familiäre Anbindung“, erklärt Gründerin Michaela Natea. Rund 30 Menschen seien ihrem ersten Aufruf im Frühjahr gefolgt, allesamt Frauen. Die Angst, im Alter allein dazustehen, kenne auch sie. Gleichzeitig trauten sich die wenigsten darüber zu sprechen, da das Thema schambehaftet sei.

Mit ihrer Selbsthilfegruppe will Natea einen Raum bieten, in dem niemand seine Situation erklären oder sich rechtfertigen muss. Stattdessen geht es um Austausch und darum, sich gegenseitig zu unterstützen, wo sonst Part­ne­r*in­nen oder Kinder zu Stelle sind: bei der Entlassung aus dem Krankenhaus, beim Ausfüllen einer Vorsorgevollmacht, bei der Planung des Weihnachtsfests.

Bei Weihnachten fühle ich mit. Als Kind liebte ich das Fest, fieberte in den Wochen davor regelrecht darauf hin. Heute löst es vor allem Stress in mir aus. Spätestens im November gehen die Überlegungen los. Mit wem verbringe ich diesmal Heiligabend? In meine Heimat fahre ich nur noch selten, Freundinnen in romantischen Beziehungen verplanen die Weihnachtstage meist mit ihren Partnern. Letztes Jahr verbrachte ich den Abend mit zwei Freundinnen, die keine Lust hatten, zu ihren Eltern zu fahren. Wir aßen Klöße und Veggie-Braten, hörten Weihnachtsmusik, spielten Karten. Fast wie früher, dachte ich, als wir mit vollen Bäuchen auf dem Sofa lagen. Gleichzeitig fragte ich mich: Und nächstes Jahr?

„Ich dachte immer, die Dinge werden sich schon fügen“, sagt Simone Hillmann. Auch sie ist Teil der Selbsthilfegruppe „Leben ohne Familie“. Ihren richtigen Namen möchte sie nicht in der Zeitung lesen. Wie viele in der Boomer-Generation habe auch sie auf die Rente hingearbeitet, erzählt die 71-Jährige mit weißem, kurzen Bob und dunkelblauem Oberteil. Dann, mit Ende 60, fing es an: Hüftprobleme, Hautkrebs, seelische Erschöpfung. Anschließend die Scheidung nach 40 Jahren Ehe, die für sie völlig überraschend kam. Kinder hat sie keine.

Von ihren Freun­d*in­nen sind die meisten zu ihren Kindern gezogen. Jetzt fragt sie sich, wie es weitergehen soll, auch finanziell. Schließlich kosten die Eigenanteile in den Pflegeheimen inzwischen im Schnitt mehrere Tausend Euro. Deshalb überlegt sie, ihr Haus zu verkaufen. Dabei möchte sie dort am liebsten wohnen bleiben. Doch das Treppensteigen fällt ihr inzwischen schwer, auch kognitiv ist sie eingeschränkt.

Bald hat sie einem Termin bei einem betreuten Wohnen in Hannover, ihrer Heimatstadt. Wirklich wohl fühlt sie sich mit dem Gedanken, dorthin zu ziehen, nicht. Nach über 30 Jahren ist Sachsen ihr Zuhause geworden. „Meine größte Angst ist, im Pflegeheim vor mich hinzuvegetieren“, sagt Hillmann. Wenn sie von Menschen mit Kindern hört, wie diese sie unterstützen, frustriert sie das. Wer im Alter ohne direkte Angehörige dasteht, für den bleibe ab einem bestimmten Punkt nur noch das Heim, glaubt sie.

Auch ich habe Angst vor dem Pflegeheim. Als Journalistin kenne ich die Horrorgeschichten von alten Menschen, die in ihrem eigenen Urin liegen, weil kei­n*e Pfle­ge­r*in Zeit hat, ihnen auf die Toilette zu helfen. Von ständigen Kostenerhöhungen, die sich nicht in der Qualität der Versorgung wiederfinden. Von Pflegekräften, die an ihrem Job, den sie lieben, verzweifeln, weil in ihrem Dienstplan kein Platz für echte Zuwendung bleibt.

„Vor allem deshalb mache ich Karriere“, erzählt mir eine Freundin ohne Kinder, als ich sie frage, ob sie Angst hat, im Alter allein dazustehen. „Weil ich denke, dass es darum gehen wird, genug Geld zu haben, um sich eine gute Versorgung leisten zu können.“

Ich bin freie Journalistin. Wenn es gut läuft, komme ich auf 2.000 Euro netto im Monat. Ich liebe meinen Beruf, kann mir keinen anderen vorstellen. Dennoch weiß ich, dass Geld Handlungsmacht bedeutet. Welche Optionen werde ich haben, sollte ich eines Tages nicht mehr allein zurechtkommen? Die Frage hinterlässt ein flaues Gefühl in meiner Magengegend.

Wer selbst in Würde sterben will, sollte sich auch an der Pflege anderer beteiligen

Katharina Hartmann, Bewohnerin des Projekts „Lebenstraum Gemeinschaft Jahnishausen“

Gleichzeitig frage ich mich, warum meine Freundinnen und ich uns so schwertun, uns unser Alter anders vorzustellen als im Heim mit Personalnot oder in der teuren Seniorenresidenz. Wir sind doch so politisch, hinterfragen die Verhältnisse, gehen auf Demos, leben in Liebesbeziehungen mit mehreren Partnern oder verzichten bewusst aufs Dating. Was ist mit unseren Freundschaften? Oder ist Blut immer noch dicker als Wasser?

Mit Freun­d*in­nen alt werden

Vorsichtig hält sich Katharina Hartmann an Jürgen Hauer fest, während die beiden die Treppe im Kräutergarten hinunterlaufen. Unten steht ihr Rollator bereit. Wenn sie sich an ihm festhalten kann, ist die 90-Jährige ziemlich flink unterwegs auf dem Gelände der „Lebenstraum Gemeinschaft Jahnishausen“. 45 Erwachsene und 7 Kinder leben hier als Genossenschaft auf einem sanierten Rittergut in Jahnishausen, einem Ortsteil von Riesa. Manche wohnen allein, andere in WGs. Alle teilen sich die Gemeinschaftsräume und den zum Verlaufen großen Garten.

Ein paar Frauen haben das Projekt Anfang der 2000er ins Leben gerufen. Sie waren in der späteren Lebensmitte, Single und wollten zusammen alt werden. Katharina Hartmann ist seit 20 Jahren dabei, damals war sie 70. Sie lebte in Wien, ihre Kinder und Geschwister waren auf dem Globus verteilt. „Ich war auf der Suche nach Gemeinschaft und musste schauen, wo ich bleibe“, erzählt sie bei einer Tasse Kaffee im Garten. Als ihr eine Bekannte vom Projekt in Jahnishausen berichtete, war sie skeptisch. Sachsen? Ehemalige DDR? Doch nach zwei Monaten Wohnen auf Probe beschloss sie ihr Leben in Wien aufzugeben und einzuziehen. Was sie überzeugt hatte? „Dass es hier schon mehrere ältere Menschen gab“, sagt Hartmann. „Weil man dann manche Dinge nicht erklären muss und Ähnliches erlebt hat.“ In den Projekten, die sie sich davor angeschaut hatte, wäre sie nur „die Oma vom Dienst“ gewesen, ist sie sich sicher.

Die meisten Be­woh­ne­r*in­nen in Jahnishausen sind im höheren Alter. Elf sind seit Beginn des Projekts gestorben, die meisten in der Gemeinschaft. Ohne Trauer in der Stimme erzählt Hartmann, wie sie für eine Bewohnerin Mantren gesungen und eine andere aus ihrem Krankenbett auf die Terrasse getragen haben, damit sie noch ein paar Stunden den Garten spüren konnte. Dank der gelernten Krankenschwestern in der Gemeinschaft können sie hier auch körperliche Pflege leisten. Etwas, was sie selbst nicht gut könne, sagt Hartmann. Aber Nachtwache habe sie für eine Mitbewohnerin gehalten, die im Sterben lag.

Als meine Mutter vor rund eineinhalb Jahren schwer erkrankt war, war für mich klar, dass ich zu ihr nach Bayern fahren würde. Obwohl unsere Beziehung schwierig ist und wir uns nur selten sehen. Mit meinem Bruder besuchte ich sie jeden Tag im Krankenhaus. Ich buk ihr Kuchen, kämmte ihr die Haare, schmierte ihr Brote, spielte mit ihr Mensch ärgere Dich nicht. Obwohl ich auch am Klinikbett noch die Anspannung zwischen uns spürte. Eine Freundin, von der ich mich entfremdet hätte, hätte ich nicht im Krankenhaus besucht. Warum aber meine Mutter? Was ist das zwischen uns und unseren Eltern, unseren Geschwistern, das uns häufig wie Klebstoff zusammenhält?

„Pflege ist nicht nur eine praktische Aufgabe, sondern auch normativ stark aufgeladen“, sagt Soziologin Ulrike Ehrlich. „In Familien gibt es häufig die Erwartung, dass man sich umeinander kümmert, in guten wie in schlechten Zeiten. Diese Erwartung entsteht aus emotionaler Nähe und der gemeinsamen Biografie, selbst wenn die nicht gut verlaufen ist.“ Außerdem spielen gesellschaftliche Vorstellungen von Familie und Partnerschaft eine Rolle. „Auch in Freundschaften kann ein Gefühl von Loyalität entstehen, aber das basiert viel mehr auf dem Prinzip der Freiwilligkeit“, sagt Ehrlich.

„Eine Pflicht, andere zu pflegen, gibt es bei uns in der Gemeinschaft nicht“, sagt Katharina Hartmann. „Aber wer selbst in Würde sterben will, sollte sich auch beteiligen.“

Der Gedanke, andere im Sterben zu begleiten, macht mir Angst. Ich traue mich kaum in Krankenhäuser, seitdem mein Vater dort gestorben ist. Aber vielleicht wird es einfacher, dem Tod zu begegnen, wenn man dabei nicht allein ist? Seit sie in Jahnishausen lebt, habe sie keine Angst mehr vor dem Sterben, sagt Katharina Hartmann. Dafür aber davor, nur noch zu liegen, Windeln zu tragen, gefüttert zu werden. Das komme für sie nicht infrage. Deshalb hat sie eine Patientenverfügung aufgesetzt, die sie zwei Mitbewohnerinnen gegeben hat. Hartmann will aktiv bleiben, solange sie kann. Einmal die Woche kocht sie für alle im Wohnprojekt, baut ihr Menü um das Gemüse aus dem Garten. Oder sie sitzt an ihrer Nähmaschine. Gerade erst hat ihr jemand eine löchrige Kinderhose auf die Kommode gelegt. „Solche Sachen landen immer bei mir“, sagt Hartmann, die eine selbstgenähte Tunika mit bunt bestickten Ärmeln trägt.

Langweilig würde ihnen hier nicht, sagt ihr Mitbewohner Jürgen Hauer, auch er seit über 20 Jahren Teil der Gemeinschaft. Der Mann mit dem strubbeligen Haar und Hemd mit Hippiemuster zählt auf: Plenum, Männerrunde, Brot backen, Doppelkopfrunde der Frauen. Dann die Planungen für die Info-Wochenenden, an denen Neugierige sich einen Eindruck vom Leben der Gemeinschaft machen können, die Sommerfeste, die Supervision, um das Zusammenleben zu reflektieren, und die Kulturveranstaltungen, die sie auch mit Leuten aus dem Dorf umsetzen.

Früher fühlten sich Hauer und die anderen nicht bei allen in Jahnishausen willkommen. „Wir waren ja am Anfang nur Wessis“, erzählt der studierte Lehrer und lacht. „Sexsekte“ hätten manche sie genannt, erinnert sich Katharina Hartmann und muss auch lachen. Inzwischen seien sie gut im Dorf eingebunden. Hauer war sogar mal im Ortschaftsrat, nun lässt er es ruhiger angehen. „Den halben Tag lang mache ich das, was in der Gemeinschaft anliegt, und ab 13 Uhr entspanne ich“, sagt der 75-Jährige.

Wie er in das Wohnprojekt gekommen ist? Hauer erzählt von ersten WG-Erfahrungen. Als Student in Gießen, von gescheiterten Beziehungsversuchen, weil ihm das „Kleinfamilienmodell immer zu eng“ war, und von seinen vielen Umzügen. Mit 51 Jahren kam er nach Jahnishausen. Nie sei er so lange an einem Ort geblieben, sagt er. Woanders zu leben, kann er sich inzwischen nicht mehr vorstellen. Das Wohnprojekt bedeutet für ihn Selbstständigkeit und Freiheit, aber innerhalb einer Gemeinschaft, die ihm erlaubt, weiterhin seinen „Unfug zu treiben“, wie er es formuliert.

Endstation Pflegeheim?

Zurück in Dresden. Gerade hat sich Susanne Dunger zum Interview hingesetzt, da klopft es auch schon wieder an ihrer Tür. Wie das denn mit dem Bilderaufhängen sei, fragt ein Mann. Seine Mutter habe einige Gemälde, das gehe wohl nicht ohne Dübel. Die Leiterin des Altenzentrums „Schwanenhaus“ verweist auf die Hausordnung und den Hausmeister, einfach drauflos bohren würde sie nicht. Dunger und ihre Kollegen versuchen ihren Be­woh­ne­r*in­nen so viele Freiheiten wie möglich zu geben. Wer lieber an seinem Biedermeier-Tisch sitzt, darf diesen beim Einzug mitbringen. Auch ein, zwei Bilder an den Wänden sind in Ordnung. Eine Frau, die bald einzieht, bringt sogar ihren Kater mit.

Am Ende sind sie aber immer noch in einem Pflegeheim. Ein Ort, vor dem viele Leute Angst haben, weiß Dunger, die das „Schwanenhaus“ in der Dresdner Neustadt seit zwei Jahren leitet. „Einige haben Angst vor Entmündigung, dass sie plötzlich kaserniert sind, sich streng nach Zeitplan verhalten müssen und von fremden Personen abhängig sind“, erzählt die 59-Jährige. Sie könne das nachvollziehen, es gebe ja auch die entsprechenden Medienberichte. „Der Einzug ins Pflegeheim kann aber auch eine Bereicherung sein“, sagt Dunger. „Ich habe einige Menschen erlebt, die zuerst gar nicht hier leben wollten und die dann durch die Begegnung mit den anderen regelrecht aufgeblüht sind.“

Das „Schwanenhaus“ bietet seinen Be­woh­ne­r*in­nen einiges. Alltagsbegleiter*innen, die mit ihnen den Tag neu strukturieren, wenn einkaufen, putzen und kochen plötzlich wegfallen. Ergotherapie, Physiotherapie, Einzelbetreuung, Gottesdienste, Bibelstunden. Konzerte, Vorträge, eine fahrende Bibliothek. Ehrenamtliche, die mit ihnen Zeit verbringen, Clowns, eine Heimkatze namens Coco und sogar Alpakas gibt es, die alle zwei Monate aus Königsbrück vorbeikommen.

Trotzdem kommt Beklemmung bei mir auf, während ich Susanne Dunger zuhöre. Ich genieße die gemeinsame Zeit mit meinen Freundinnen, aber bin ich mit ihnen im Urlaub, wird es mir nach ein paar Tagen schnell zu viel. Dann sehne ich mich nach meinem eigenen Rhythmus. Als mir das klar wird, muss ich an Jürgen Hauer aus Jahnishausen denken. Die Gemeinschaft dort hat sich darauf geeinigt, vegetarisch zu kochen. Doch ab und zu habe er auch mal Lust auf ein Würstchen, erzählte er mir. Dann koche er lieber für sich allein in seiner kleinen Wohnung.

Geht es nach Susanne Dunger, bräuchte es mehr Projekte wie in Jahnishausen, wo Jung und Alt zusammenleben und einander unterstützen. Das Pflegeheim sei nicht für jeden etwas. Ohnehin könnten die Heime nicht alle aufnehmen. Daneben brauche es auch ambulante Pflege und mehr Plätze im betreuten Wohnen. Noch wichtiger aber sei, den Themen Altern, Pflege und Sterben mehr Sichtbarkeit zu verschaffen. So können sich Menschen eher mit ihnen auseinandersetzen und stehen nicht plötzlich allein da, wenn sie Hilfe brauchen.

Als ich meiner besten Freundin an einem Spätsommerabend auf dem Balkon von dieser Recherche erzähle, sagt sie: „Wir sollten uns auch mal hinsetzen und uns Gedanken machen.“ Was sie meine, frage ich überrascht. Sie will auch keine Kinder kriegen. Da könnten wir uns ja überlegen, wie und wo wir später einmal zusammenleben wollen, sagt sie. So als wäre das eine Selbstverständlichkeit. Weiter als an diesem Abend sind wir noch nicht gekommen. Aber zu wissen, dass meine beste Freundin mich in ihrem Leben im Alter mitdenkt, tut gut. Vielleicht ist Blut doch nicht dicker als Wasser.