Wahlkrimi in Peru: Auf der Kippe

Kurz vor Ende der Auszählung liegt der „Kommunist“ Pedro Castillo ganz knapp vorn. Seine rechte Widersacherin Keiko Fujimori spricht von Wahlbetrug.

Portrait des peruanischen Präsidentschaftskandidaten Pedro Castilloe zu berühren, die von Anhängern des Kandidaten Pedro Castillo während einer Kundgebung in die Höhe gehalten wird

Lima am Mittwoch: für Pedro Castillos Anhänger steht längst fest, dass er der nächste Präsident wird Foto: Alessandro Cinque/reuters

LIMA taz | Peru erlebt seit Sonntagnacht einen Wahlkrimi ohnegleichen: Wird der linke Lehrer Pedro Castillo oder die neoliberale Keiko Fujimori das Andenland regieren? Seit am Sonntagabend die ersten Hochrechnungen erschienen, ist mal der eine und mal die andere an erster Stelle, jeweils mit hauchdünnem Abstand.

Viele Peruaner kleben an ihrem Handy und warten auf die halbstündliche Aktualisierung der Auszählung auf der Webseite der Wahlbehörde ONPE. Bei 96,4 Prozent der ausgezählten Stimmzettel schien sich am frühen Dienstagmorgen Pedro Castillo mit 50,29 Prozent der Stimmen als Sieger herauszukristallisieren.

Für Castillos Anhänger steht längst fest, dass Castillo der nächste Präsident wird. Vor dem Haus der Lehrergewerkschaft in der historischen Altstadt von Lima warten Hunderte von Menschen auf die neuesten Zahlen. Fliegende Händler verkaufen Devotionalien, peruanische Flaggen, Mützen. Und überall ein gelber Bleistift, das Parteisymbol für den „Profe“ (Lehrer). Dazwischen noch die eine oder andere Mütze mit der Aufschrift „Rusia“, ein Überbleibsel vom Auftritt der peruanischen Fußballnationalmannschaft bei der WM in Russland vor drei Jahren.

Vom Balkon singt die Sängerin Martina Portocarrero „Flor de Retama“, ein bekanntes Volkslied in Erinnerung an die Opfer eines Massakers. Einige Wochen vorher hatten rechte Fernsehkommentatoren das Lied als Terroristenlied verunglimpft. Im Wahlkampf haben Perus Mainstreampresse und das Fernsehen eine unrühmliche Rolle gespielt. Die Medien ergriffen Partei für Keiko Fujimori und schürten die Angst, dass bei einem Sieg Pedro Castillos Peru wahlweise dem Terrorismus, dem Kommunismus oder dem Chavismus anheimfallen würde.

Dass der vor den Wahlen völlig unbekannte Lehrer aus dem Dorf Tacabamba in Nordperu gegen diese mediale und wirtschaftliche Übermacht nun gewinnen könnte, ist ein kleines Wunder. Oder es ist ein Ausdruck der tiefen Sehnsucht vieler Peruaner auf einen Neuanfang in der Politik, ohne Korruption und mit einem „wie ihnen“ am Ruder.

„Ich habe für Pedro Castillo gestimmt, weil er Schluss machen wird mit den Wucherzinsen der Banken, und weil er neue Verträge mit den internationalen Unternehmen aushandeln wird“, sagt Augusto Salcedo. Der 56-jährige Staatsangestellte ist mit seiner Frau vom anderen Ende Limas angereist und wartet seit zwei Stunden auf die Ergebnisse. Auch er hat, wie die meisten Peruaner, Covidtote in seiner Familie zu beklagen. „Mein Bruder ist gestorben, weil es keinen Sauerstoff gab“, berichtet Salcedo erzürnt.

Die schmerzliche Erfahrung so vieler Peruaner, angesichts der Pandemie nur auf sich selbst gestellt zu sein, hat das sowieso schon große Misstrauen gegenüber dem Staat und der politischen Klasse verstärkt. In keinem anderen Land der Welt hat Covid-19 nach amtlichen Angaben so viele Opfer in Relation zur Bevölkerung gefordert.

Die Stimmung ist friedlich – noch

Erste Feuerwerke steigen am Himmel auf. Die Stimmung ist friedlich. Aber sie könnte sehr schnell kippen, sollte die Wahlbehörde ONPE doch noch Keiko Fujimori zur Wahlsiegerin ausrufen. „Wenn die ONPE betrügt, dann werden wir protestieren. Und nicht nur hier in Lima, sondern im ganzen Land“, sagt Augusto Salcedo und stellt klar, dass er nur eine Wahl zugunsten von Castillo akzeptieren wird.

Keiko Fujimori, die momentane Verliererin, gibt derweil eine Pressekonferenz und klagt Castillos Partei des Wahlbetrugs an. Es seien zuviele Stimmen abgegeben worden und an den Wahltischen sei es zu Unregelmäßigkeiten gekommen. Am Ende ruft sie die Bevölkerung dazu auf, beobachtete Regelverstöße zu melden.

Für Keiko Fujimori steht viel auf dem Spiel. Sollte sie die Wahl verlieren, bedeutet dies nicht nur das Ende ihrer politischen Karriere, sondern sehr wahrscheinlich auch einen Gerichtsprozess wegen Geldwäsche und Bildung einer kriminellen Vereinigung.

Es gäbe keinerlei Anzeichen für Wahlbetrug, sagt Adriana Urrutia von der Nichtregierungsorganisation Transparencia im Interview mit der Zeitung El Comercio. Die Organisation führt seit Jahren unabhängige Wahlbeobachtungen durch und ist eine von allen Seiten anerkannte Referenz in Sachen Wahlen.

Im reichen Stadtteil Miraflores ist alles ruhig. Niemand protestiert oder feiert. Hier haben 84 Prozent für Keiko Fujimori gestimmt. Die Wahl äußert sich hier auch per Banküberweisung: Einige sollen ihr Geld und ihre Geschäfte bereits ins Ausland gebracht haben, um sie vor dem „Kommunismus“ zu retten.

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de

Ihren Kommentar hier eingeben