Wahl der DOSB-Spitze: Nicht mein Präsident
Der Deutsche Olympische Sportbund sucht einen neuen Präsidenten. Das interessiert kaum jemanden. Mit Demokratie hat die Wahl ohnehin nichts zu tun.
E twa 29 Millionen Mitglieder hat der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB). Das ist viel, sehr viel. Unter dem Dach des Deutschen Gewerkschaftsbundes beispielsweise sind 5,43 Millionen Menschen organisiert. In der Evangelischen Kirche sind 17,4 Millionen, in der Katholischen Kirche 19,22 Millionen Mitglieder. Und der ADAC versammelt 22,7 Millionen. Der Sport ist also das Größte überhaupt.
Darum, wer Präsident dieser für die Bundesrepublik so wichtigen Organisation DOSB sein soll, gibt es derzeit einen Wahlkampf. Es soll sogar Leute geben, die ihn verfolgen. Michael Mronz, der Präsident werden will, sagt: „Das ist Demokratie.“ Martin Engelhardt, der’s auch gern wäre, sagt: „Das gehört zu einer Demokratie.“
Interessant. Denn an das Wort Demokratie denkt man ja eher nicht, wenn es um Sportfunktionäre geht. Gewählt wird Anfang Dezember, und zwar von einem Gremium, das sich DOSB-Mitgliederversammlung nennt. Doch für die Vermutung, dass diese von den 29 Millionen Mitgliedern delegiert wurden, spricht nichts. Stimmberechtigt sind etwa auch „persönliche Mitglieder“, zu denen wie selbstverständlich die deutschen IOC-Mitglieder gehören, unter anderem Thomas Bach und der zur Wahl stehende Michael Mronz.
Der eine, Bach, hat den anderen, Mronz, ins IOC geholt, denn das sucht sich seine Mitglieder aus. So funktioniert ein solcher Verband. Der DOSB hält im Dezember diese Wahl ab, die „ein gutes Beispiel dafür bieten wird“, so formuliert es Mitbewerber Engelhardt, „dass im deutschen Sport offen und demokratisch entschieden wird“.
Antidemokratische Geschichte
Auch das ist interessant. Als 1945 das NS-Regime bezwungen wurde, war für die Alliierten klar, dass auch die Sportverbände verboten werden müssen. Nicht wenige ihrer Führer wurden verurteilt. Im Radsportverband hatte etwa Viktor Brack amtiert – 1948 als Mittäter der NS-Euthanisie hingerichtet. Den Alpenverein führte Arthur Seyß-Inquart – 1946 unter anderem als NS-Statthalter für die Niederlande hingerichtet.
Es waren die Strukturen des vermeintlich unpolitischen Verbändesports, die solche Typen nach oben brachten. Als die Fachverbände sich Ende der 1940er wiedergründeten, bedurfte es der Einflussnahme der Alliierten, dass es daneben noch eine weitere Säule im deutschen Sport gab, die Landessportbünde, die, gründend auf der Tradition des von Nazis zerschlagenen Arbeitersports, für ein bisschen Demokratie sorgen sollte.
Nicht zuletzt, um sich dem zu entziehen, bildete sich 1949 das Nationale Olympische Komitee. Erster Präsident war Herzog Adolf Friedrich zu Mecklenburg, letzter Gouverneur der deutschen Kolonie Togo. Er räumte seinen Platz 1951 für Karl Ritter von Halt, als der aus sowjetischer Haft entlassen wurde. Halt war der letzte von Adolf Hitler berufene NS-Reichssportführer. Es war das alte, ach so unpolitische Personal.
Der Exkurs in die Sportgeschichte ist hier zu Ende. Er handelte von Strukturen und sollte zweierlei zeigen: Zum einen, dass die Lehren, die die Alliierten nach 1945 zogen, auf die Demokratisierung des Sports abzielten, um ihn wirklich sozial und human zu gestalten. Und zum anderen, dass und warum die so wichtige Vorstellung, Sport müsse demokratisch organisiert werden – und zwar zur Durchsetzung berechtigter Interessen –, erfolgreich hintertrieben wurde.
Vielleicht vermittelt dies eine kleine Ahnung, warum dieser Wahlkampf um das Amt des Präsidenten eines 30-Millionen-Mitglieder-Verbandes so merkwürdig uninteressant erscheint. Und die Verwendung des Wortes Demokratie hierbei so fremd.
Gemeinsam für freie Presse
Die taz gehört zu 100 Prozent ihren Leser:innen und ist damit nicht nur konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung für taz zahl ich. Dank Ihnen haben wir nun die 50.000 erreicht. So viele unterstützen freiwillig und regelmäßig. Noch nicht dabei? Werden Sie jetzt Teil der Community! Jetzt unterstützen
meistkommentiert