Wärmende Tüte von der Bude: Dreie sind noch da
An manchen Orten gelten Gesetze, die keine Wetter-App erfasst. Man muss bloß im richtigen Moment dort sein.
D ie Kälte hat für dieses Frühjahr endgültig verloren.
Ich weiß es.
Und ich weiß auch, woran das liegt.
Als ich neulich am S-Bahnhof Pankow ankomme, habe ich den Mantelkragen noch hochgeschlagen. Die Wetter-App war sich sicher, da sei noch Kälte in Berlin.
Da war die Sonne gerade untergegangen. Zumindest hier irrte die App sich nicht.
Rechterhand vom Bahnhof liegt eine Kreuzung, an der mein Bus fährt. Und genau das ist der Ort, an dem die bittere Kälte endgültig verliert.
Im Kegel einer Straßenlaterne stehen dort, direkt am Gehsteig, drei Imbissbuden. Auch hier scheint man den Feierabend einläuten zu wollen.
In einer verkauft eine Frau Quarkkäulchen, zuckrige Herzwärmer. Ich hatte seit Jahren keine Quarkkäulchen mehr. Sie duften über die Straße.
Das schaffe ich noch, denke ich. Und ignoriere das rote Ampelmännchen.
Die Frau in der Bude steht mit dem Rücken zu mir. Sie putzt die Spuren ihres langen Tages in einen Plastikeimer.
„Gibts noch welche?“, frage ich über den Tresen.
„Dreie sind noch da“, sagt sie, ohne sich umzusehen. „Haste Glück, kannste haben. Und denn mach ick hier aber och die Schotten dicht.“
„Dann nehm ich die doch“, sage ich und zähle das Geld ab.
„Leg einfach da hin“, sagt sie, während sie die Bällchen eintütet.
Ich kann sie schon schmecken.
„Schönen Feierabend noch“, sage ich.
Gerade als mein 255er aus der Breiten Straße in die Berliner Straße einbiegt.
Ich haste zurück.
Als ich in den Bus steigen will, sehe ich, wie die Frau aus ihrer Bude tritt. Sie durchquert das Laternenlicht. An der Nachbarbude wird ein Rollo halb heruntergelassen. Ein Feuerzeug flammt auf. Die Frau sagt etwas, zwei Lichtpunkte glimmen. Ich sehe Lachen.
Der Bus schlenkert in den fließenden Verkehr.
Ich fasse meine wärmende Tüte fester.
Vielleicht, überlege ich, besuche ich den Ort bald wieder.
Auf ein Kippchen und ein Schwätzchen.
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