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■ VorschlagHymne auf ein Pornoheftchen: Jo van Nelsen im Renaissance

Friedhelm Kändler ist ein seltsamer Zeitgenosse. Sitzt da in seiner Dichterstube in Hannover an seinem Computer und liefert neues Textmaterial für einen auserwählten Kreis von Künstlern, die sein Werk interpretieren dürfen. Eine Diseuse ist darunter, ein Kinderchor und ein Jongleur. Ruhm ist ihm zwar irgendwie unangenehm, aber ganz verhindern konnte Kändler dennoch nicht, daß er mittlerweile als Offenbarung für das neue deutsche Chanson gesehen wird – und als heimlicher Nachfahre Heinz Erhards, Georg Kreislers und Friedrich Hollaenders in Personalunion. In Jo van Nelsen hat er seinen kongenialen Interpreten gefunden. So wandlungsreich und mit unerwartet feinen Brüchen und Widerhaken sich Kändlers Texte präsentieren, so fließend gleiten bei Jo van Nelsen die Stimmungen ineinander über, verwandelt er sich in immer neue Gestalten: mal verletzter Liebhaber, mal nach Pornos kreischende Ehegattin oder exaltierter Dandy – nichts ist aufgesetzt oder zufällig.

Die Lichtregie (Martin Möller) ist ebenso abwechslungsreich und ausgeklügelt, wie sich monologische Szenen und Chansons reibungslos ineinanderfügen. Eben noch eine fast roboterhaft kühle Gestalt, wirft sich van Nelsen in die Pose eines schmachtenden Schnulzensängers, liefert in vier grandiosen Minuten die Essenz sämtlicher Gesten und Juchzer der kompletten Schlagerwelt. Eben noch ganz der poetische Blick hinter die triste Fassade eines seinen Neigungen Ausgesetzten, in der nächsten Szene schon wieder bei höherem Schabernack und spitzfindigen Wortklaubereien: vom Butt im Aquarium des Edelrestaurants, von toten Liebhabern, die als Zombies nächtens zurückkehren, von Stühlen als Objekte der erotischen Begierde und eine Hymne auf ein Pornoheftchen.

„In aller Heimlichkeit“ ist die derzeit wohl beste und gelungenste Möglichkeit, Friedhelm Kändler in zudem ziemlich vielen Facetten kennenzulernen. Und dann auch noch musikalisch perfekt (Clemens Kanka am Flügel und am Cello) und darstellerisch wie stimmlich beeindruckend. Ein Chansonabend der ganz anderen Art. Wer den verpaßt, ist selber schuld. Axel Schock

14. und 18. bis 21.2., 20 Uhr, Studio des Renaissance-Theaters, Knesebeckstr. 3

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