Sanssouci: Vorschlag
■ Von der Kunst, den Ball zu schlagen – Eine Ausstellung
Wie sagte Sepp Herberger doch so schön, der Ball ist rund? Daß er sich mal nicht täuschte. Wer einen Abstecher in das Ephraim-Palais im Nicolai-Viertel unternimmt, darf in einer Ausstellung des Sportmuseums mit Erstaunen feststellen, daß ein aus Rattan geflochtener Fußball schlicht eine viereckige Schachtel ist. „Boiri“ heißt das „Kreisfußballspiel für Männer und Jünglinge“, das in Südostasien beliebt ist. Angenehmerweise werden bei diesem Spiel, bei dem bis zu dreißig Spieler mitmischen, keine Punkte gezählt. Die Schachtel muß in Bewegung gehalten werden, wobei der jeweilige Spieler sie nur zwei- bis dreimal mit dem Fuß berühren darf. Das Ganze dient der puren Unterhaltung und ist bei allgemeiner Ermüdung beendet.
Rund (und relativ leicht sowie elastisch) wird der Ball, wenn er aus einer ledernen, schlappen Hülle besteht, die mit Luft hart aufgeblasen wird. Ein technischer Fortschritt, der Luftpumpe und Ventil bedingt, und den Merian der Ältere in einem sehr anschaulichen Stich von 1620 festhält: „Das Aufpumpen des Pallone-Balls“. Der runde Ball also, kunstvoll geschlagen, wie der Titel der Ausstellung den Spielern nahelegt, steigt in den Himmel, überquert ihn ein Stück lang und geht dann zur Erde nieder. Die Azteken Mittelamerikas sahen darin eine Versinnbildlichung des Gangs der Gestirne am Himmel. Der Flug des Balls verkörperte den Wettstreit des Lichts gegen die Finsternis. Bei ihnen war es wirklich angesagt, keinen Kunstfehler zu begehen, denn die im „Steißballspiel“ unterlegene Mannschaft wurde gleich den Göttern geopfert.
Vielleicht eine geeignete Methode, der aktuellen Wettkampfsucht den Garaus zu bereiten? Hier nun steht es an zu sagen, daß der kleine Streifzug durch die Geschichte des Ballspiels in vieler Herren Länder „ein Projekt im Rahmen der Olympia-Bewerbung Berlins“ ist; mithin genau dieser hypertrophen Wettkampfsucht dient. Und so endet der Rundgang, der an persischen Miniaturen des Polospiels nebst japanischen Polostöcken aus Bambus vorbei zu Fotos führt, die seine proletarische Variante, das Fahrrad-Polo, zeigen, unvermeidlich bei Olympia Berlin 1936. Die Dokumentation des schlimmen Schicksals des Siegers von Athen 1896 (Barren und Reck, Mannschaftswertung), Alfred Flatow, der – als Berliner Jude deportiert – in Theresienstadt verhungerte, die Olympiafackel von 36 und Fotos mit dem Führer sollen dem Skandal historisch Genüge tun. Da hat der Ball ganz entgegen seiner genuinen Eigenschaft aber auch gar nichts ins Rollen gebracht. Brigitte Werneburg
Bis 15. August im Ephraim-Palais, Poststraße 16, Nicolai-Viertel, Di.–Fr. 9–17, Sa. 9–18, So. 10–17 Uhr
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