■ Vorlauf: Ende der „Fixierung“
„Psychiatrie unter dem SED- Regime“, 23.00 Uhr, N3
Diese Mauer fällt langsamer als all die anderen. Rot und erdrückend schiebt sich der Backsteinkoloß, der die Klinik von Leipzig-Dösen birgt, unter die Schrift des Filmvorspanns. Es könnten auch die Fesselungsriemen an den Anstaltsbetten sein oder die Kathoden für die Elektroschocks. Jenen großen Zaun, der die Republik einschnürte, trennt nur sein Ausmaß von den Fesseln am Bett, nur die Voltzahl scheidet das Gerät zur „Elektrokrampfbehandlung“ vom Starkstromdraht am Todesstreifen. Bloß einen der abgeschotteten Winkel des Nischenstaates schuf die DDR-Psychiatrie für Seelenkranke und Alkoholiker, „Asoziale“ und andere Quertreiber. Einen, der keinen Millimeter gemütlich war, auch wenn die Kamera jetzt Plüsch zeigt.
Sabine Zurmühls Film zieht weniger die „Bilanz“ der Psychiatrie unter dem SED-Regime, die der Untertitel verspricht, als daß er ihre Entwicklung nach der Wende untersucht. „Wir sind biologisch ausgerichtet“, erklärt da eine Ärztin in kaum getrübter Gewißheit des richtigen Weges, „für uns ist Geisteskrankheit eine Hirnkrankheit.“ „Bitte leise“ steht immer noch auf einem Schild im Klinikflur, „GANZ LEISE!“. Ein wenig steckten manche DDR-Psychiater selbst in den Fesseln. „Fixierung“, so heißt es, sei keine Therapiemethode mehr.
Leider gestattet sich die Dokumentation auch selbst nur wenige Abweichungen. Erklärungsschnipsel, die Ärzte und Expertinnen hinter weißen Schreibtischen von sich geben, gesellen sich zu Kameraschwenks über Anstaltsgelände und den gewohnten Bildern von Ulbricht, FDJ und „Bau auf“. Wenn es in Gaucks Aktenkeller geht, dräut gruselnd der Synthie- Baß. Das Umfeld, die Anwohner, „die Menschheit“, unter die die Patienten jetzt geraten dürfen, sie kommen nicht vor. Die stärksten Momente hat der Film dort, wo Patienten selbst zu Wort kommen. Einer von ihnen stockt plötzlich in der Erzählung über seine Krankheit, lacht uns an: „Ich guck jetzt direkt in die Kamera“, der Kameramann habe so nett zurückgelacht. Da geht es auf einmal um uns, die Menschheit.Lutz Meier
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