Vorabdruck eines Fahrradromans: Geschichten aus der Verkehrswende

In „Die Zahl 38.185“ ist Aachen Kriegsschauplatz. Radler und Autofahrer befehden sich so obsessiv, dass einige sogar in Therapie müssen. Nur Satire?

Nahaufnahme eines Radlers von hinten - die Füsse, Pedale, Straße

Die Verkehrswende fordert auch ihre Opfer: aggressive Menschen im Auto oder auf dem Rad Foto: Chris Phillips/EyeEm/getty images

Hell und einladend wirkte der Besucherraum in der Therapeutenpraxis von Dr. Friedensreich Darjahn. In einem angenehmen Drumherum das eigene Drinnen loslassen und anschauen – das war immer Darjahns Motto. Er schaute auf seine Liste: Cornelius Schaffrath war sein erster Klient heute, er kam das erste Mal. Am Telefon hatte Schaffrath durchaus verzweifelt geklungen. Schlafstörungen und Ängste hatte sich Darjahn notiert.

Schaffrath war pünktlich. Er sah sich kurz suchend um. „Wo darf ich mich hinlegen?“

Darjahn kannte das: Viele Klienten glaubten, alle Seelenzergliederung geschehe auf einer Couch. „Ach nein, nehmen Sie doch hier Platz.“ Er wies auf einen großen dunkelblauen Sessel.

Man ging kurz ein paar biografische Daten durch.

Alter: 48, Inhaber eines Sanitärfachgeschäfts, verheiratet, zwei Kinder.

„Ihr erstes Mal bei einem Therapeuten wie mir?“ Schaffrath bejahte.

„Was beschäftigt Sie denn, Herr Schaffrath? Nur zu.“

„Ja, ähmmm …“ Er zögerte. „Also, ich bin zeitlebens stolzer und begeisterter Autofahrer, und jetzt … Wissen Sie, ich schlafe seit Monaten so schlecht, diese furchtbaren Albträume. Ich komme nicht mehr vorwärts. Ich fahre mit meinem Wagen runter in die Stadt, aber bald neigt sich die Straße umgekehrt, es geht hoch, immer höher. Wo ich doch in den Talkessel will, völlig irre. Ich stecke fest. Das ist doch verrückt.“ Und nach einer kurzen Pause. „Herr Doktor, seien Sie ehrlich: Liegt’s am Gehirn?“

„Natürlich nicht. Mit dem Auto nicht mehr weiterzukommen, das klingt nach Einschränkung der Selbstständigkeit. Das kann schmerzen und verunsichern. Ein Klient berichtete mal, als er mühsam aus seinem Auto ausstieg, hörte er einen ohrenbetäubenden Krach von Fahrradklingeln.“

Schaffrath schreckte hoch. „Genau, genau. Ja, das war bei mir auch. Lachende Radfahrer fuhren an mir vorbei, und alle bimmelten wie verrückt. Die fuhren einfach weiter. Für die schien es keine Berge zu geben.“

„Sehr gut, Herr Schaffrath.“

„Und noch was: Im Autoradio lief dabei Bicycle Race von Queen. Da mag ich ja die Textstelle You say Rolls, I say Royce …, aber das Lied wurde immer lauter, je leiser ich es drehte. Ausschalten ging nicht. Es war der reine Horror. Und immer wieder Glong neben mir, Glong, glock, klingel, srrrrr, – Wahnsinn …“

Beide schwiegen einen Moment. „You say Rolls, I say Royce … – ich hasse es mittlerweile.“

Darjahn ergriff das Wort: „Auto steht für uns, mittlerweile fast schon genetisch, für Fortkommen, für Bewegung. Wenn man glaubt, man würde daran gehindert, fühlt man sich amputiert, behindert, festgesetzt. Das setzt Ängste frei. Und nachts verarbeiten Sie die Ängste.“

Darjahn hatte einen Vorschlag. Schaffrath solle selbst mal mit dem Rad durch Aachen fahren. Radfahren als Therapie, der Störung des Wohlbefindens vorsichtig entgegentreten. Manchmal helfe es, sich den Dingen offensiv zu stellen, das löse Blockaden. Mit der Reizkonfrontation könnte eine Desensibilisierung in Gang gesetzt werden, so seine Hoffnung.

Entsetzt hatte ihn Schaffrath angesehen. „Meinen Sie wirklich? Radfahren? Ich? Und wenn mich da jemand sieht!?“

[…]

„Und, wie geht es Ihnen?“ Sie sahen sich heute zum dritten Mal.

Cornelius Schaffrath berichtete, er habe das Rad seines Sohnes angefasst und in der Garage sogar unbeobachtet ein paar Meter hin- und hergeschoben. Darjahn lobte ihn.

„Aber diese Träume!“ Einmal sei eine ganze Kolonne Radfahrer unter seine Bettdecke gestrampelt, alle mit Stacheln, die aus ihren Helmen rauswuchsen; ausgerechnet an dem Wochenende, als er allein zu Hause war. Da habe er mitten in der Nacht laut geschrien, und der Nachbar von gegenüber habe geschellt, ob er Polizei oder Rettungswagen rufen sollten. „Nein, es sind nur diese Radfahrer überall“, habe er gesagt und noch schlaftrunken unter seine Bettdecke gezeigt, „da …, überall, überall, riesige Radfahrer, wie Zombies.“ Der Nachbar sei nur mit Mühe abzuhalten gewesen, das Alexianer zu alarmieren. „Ich bin doch kein Fall für die Klapse, oder?“

Darjahn bemühte sich die Stirn glatt zu halten. Das waren Merkmale von Panikattacken. Aber das Wort wollte er vorsichtshalber für sich behalten. „Wir sehen uns in zwei Wochen, einverstanden?“

Der nächste Klient klingelte, kaum dass Schaffrath gegangen war. Adel Trabelsi stand vor der Tür. Der junge Mann, kaum dreißig, IT-Entwickler, hatte am Telefon etwas von Verfolgungswahn erzählt.

Der Kontext

Der Radentscheid Aachen von 2019 war der bislang erfolgreichste von rund fünfzig ähnlichen Bürgerbegehren in Deutschland, um die Fahrradinfrastruktur zu verbessern. Bis Ende 2027 müssen unter anderem 24 große Kreuzungen radsicher umgebaut und 40 Kilometer baulich geschützte 2,30 Meter breite Radwege an Hauptverkehrsstraßen angelegt sein. Doch die Umsetzung stockt, außer endloser Debatten ist bisher nichts passiert.

Der Plot

Der Roman spielt in den Jahren nach 2022: Der Straßenkampf zwischen Speichenheinis und Asphaltimperialisten eskaliert, Wegewut und Frust wachsen. AutofahrerInnen nehmen Bäume als Geiseln, Politiker stehen sich selbst im Weg, die Stadtverwaltung macht Bürgerdialoge ohne Bürger. Zwischen Biker Damian und Sportwagenfahrerin Ariane entwickelt sich eine Liebesbeziehung. Alles geht so langsam voran, als wäre Flirten ein Verwaltungsakt. Ein Erzählstrang spielt bei einem Aachener Psychotherapeuten, bei dem ein Wortführer der Auto-Widerständler und ein Radentscheid-Aktivist heimlich Hilfe suchen.

Das Buch

Bernd Müllender: „Die Zahl 38.185. Ein Fahrrad-Roman aus der Autostadt Aachen“. ELV, 333 Seiten, 15 Euro erscheint Ende Oktober

Adel Trabelsi klipste seine Reflektor-Hosenklammern ab, zog die Bikerjacke aus, legte seinen Helm neben den Sessel und nahm Platz. Darjahn dachte noch: Ob die Begegnung mit einem leibhaftigen Radfahrer im engen Treppenhaus für den armen Herrn Schaffrath ein Problem war und ihn womöglich zurückwirft nach seinen homöopathischen Fortschritten? Na, hoffentlich nicht. Und: Immerhin mal jemand, der nicht als Erstes nach der Couch fragt.

„Oder gibt es hier eine Couch?“

Darjahn nahm die Personendaten auf. „Gut. Was bedrückt Sie? Erzählen Sie mal.“

„Also, wissen Sie, ich bin ja leidenschaftlicher Rennradfahrer. Und ich habe gelernt, mich im Leben zu wehren, wenn Unrecht geschieht und andere rücksichtslos sind.“

„Das ist sicher sehr richtig“, ermunterte ihn Darjahn.

„Nun, ich glaube“, er zögerte einen Moment, „ich habe mittlerweile einen Verfolgungswahn.“

Aha, da war dieser Begriff schon wieder. „Wer, glauben Sie denn, verfolgt Sie?“

„Niemand, nein. Ich verfolge. Es ist wie eine Obsession.“

„Wen verfolgen Sie denn?“

„Na, Autofahrer.“

Eine kurze Pause entstand. Darjahn dachte, wenn der als Radfahrer Autos verfolgt, dann hat er aber ganz schön was zu strampeln, auch mit Rennrad. Und bei der Vielzahl von Autos hätte er ohnehin eine Menge zu tun. Denkbar ungünstig. Am Ende ein Fall nicht für den Therapeuten, sondern für den Kardiologen.

„Na, Autofahrer gibt es aber ganz schön viele …“

„Das ist es ja. Es gibt Unmengen, die falsch parken. Besonders gern auf Radwegen. Und die zeige ich an, also nicht die Radwege, sondern die Falschparker. Verstehen Sie? Ich fahre ja viel herum, zu Kunden und auch privat. Und permanent steht wieder so ein Auto auf dem Radweg. Das ärgert mich, das nervt mich zunehmend. Und wissen Sie was: Ich bin ja ein routinierter Radfahrer. Aber wer weiß, wer eine halbe Minute hinter mir kommt, vielleicht jemand, der etwas unbedacht nach links zieht. Und wumm. Also schütze ich auch andere.“

Darjahn nickte. Trabelsi erzählte ihm von Meldeportalen wie Stadtpate und Wegeheld. Dass es ganz einfach sei. Foto machen, Daten in die Website-Maske und – absenden. Drittanzeigen heißt das auf Ordnungsamtssprech.

„Erst waren es einzelne, aber mittlerweile jage ich sie. Manisch, wie getrieben. Ich bin zum Blockwart geworden. In der tunesischen Wüste sagt man, du kannst ausdauernd wie ein Kamel gegen den ewigen Sand anrennen, aber du wirst ihn nie besiegen. Ich verfolge Falschparker, als wären sie Sandkörner, die man wegschaffen muss. Deshalb sage ich Verfolgungswahn. Habe ich eine Zwangsstörung?“

„Na, lassen Sie mir mal die Fachbegriffe“, insistierte Darjahn. „Nein, das glaube ich nicht. Ihr Vergleich mit dem Sisyphos im Sand ist doch sehr schön.“

Dieser Text stammt aus der taz am wochenende. Immer ab Samstag am Kiosk, im eKiosk oder gleich im Wochenendabo. Und bei Facebook und Twitter.

Adel Trabelsi sagte, manchmal fahre er nur noch herum, um Autofahrer zu erwischen. „Ich opfere meine Freizeit, fotografiere eine oder zwei Stunden Falschparker. Mein Tagesrekord sind 23.“

Darjahn notierte „Ohnmachtsgefühl‚ Suchttendenzen, Manie und Kontrollverlust“. „Ich verstehe, dass Sie sich bedrängt und gefährdet fühlen. Sie versuchen überaktiv zu kompensieren, um dadurch wieder Zugriff auf die Situation zu bekommen. Gleichzeitig wissen Sie als intelligenter Mensch auch, dass Sie allein das nie schaffen.“

„Ich will da ja rauskommen! Dass das endlich aufhört, diese permanente Rücksichtslosigkeit und – wie sagt man? – ja: Borniertheit. Und gleichzeitig bin ich selbst borniert und selbstgerecht. Das macht mich kirre.“

Darjahn schlug seinem Klienten eine milde Entwöhnungskur vor. Er solle versuchen, ganz bewusst mal einen ganz bestimmten Falschparker Falschparker sein zu lassen. Erstmal wirklich nur einen. Zu wissen, der ist Täter, der macht mir Stress, der nervt – aber ich fahre souverän und gelassen vorbei. „Als wäre er wirklich nichts als ein Sandkorn.“

Als Anker solle er sich ein Lied ausdenken, das er dann vor sich hin pfeift oder singt. „Wollen Sie das mal versuchen? Freuen Sie sich auf das Gefühl der Erleichterung.“

Adel Trabelsi fand die Idee gut und war gegangen. Darjahn fiel auf, dass er den gleichen Satz mit dem Gefühl der Erleichterung heute schon einmal gesagt hatte. Und dachte: Mache ich hier Therapie nach Schema F?

Der Radentscheid, dachte Darjahn, so gut und richtig die Idee war, er frustrierte die Menschen zunehmend, weil da etwas lockt, das aber einfach nicht kommt. Wie bei dem Hund, dem man an einem Stöckchen ein Stück Wurst vor der Schnauze baumeln lässt, der er dann hinterherjagt, aber sie einfach nicht einholt. Der Radentscheid wie Tierfolter.

Tja, was die Hoffnung um diesen Radentscheid nur mit den Menschen anrichtet. Da geht es doch nur um die Aufteilung von Straßen, um einen kleinen lokalen Baustein von Verkehrswende, um mehr Sicherheit. Und genau diese Aussicht auf mehr Sicherheit verunsicherte die Menschen über alle Maßen. Sicherheit verunsichert, was für ein Paradox.

Darjahn sah auf die Straße. Unten fuhr eine Radlerin ganz entspannt Richtung Bismarckstraße. Nicht lange – recht schnittig kam ihr ein Golf entgegen, mittig auf der engen Straße. Lichthupe. Hupe. Und er bremste sie schwarzpädagogisch auch noch aus. Wieso können manche Autofahrer immer noch nicht verstehen, dass Einbahnstraßen wie diese hier nur für Autos welche sind! Und dieses Zweirad war doch nun offensichtlich kein Auto.

Seltsam, diese Aggressivität – als wären Radfahrer Aliens. Der Radentscheid hatte alle Stimmung hochgeschaukelt. Vielleicht sollte er einen Fachartikel für Verkehrspsychologie heute schreiben.

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Wir würden Ihnen hier gerne einen externen Inhalt zeigen. Sie entscheiden, ob sie dieses Element auch sehen wollen.

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de