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Von Feindbildern verabschieden

■ Betr.: „Doppelmoral und Vexier bilder“ und „Gnadenlose Gläu bige“, Intertaz vom 7. 3. 1995

Die Beiträge von Sibylle Tönnies und Thomas Hartmann enthielten so viele Denkanstöße und Perspektiven, daß ich mal wieder ganz begeistert war. Und dann kam die Kolumne von Omar Saavedra Santis auf Seite 15.

Ein geistreiches Bonmot leitet hier nahtlos zur Papstkritik über, ein Genre, das taz-LeserInnen bis zum Überdruß geläufig ist. Was langweilig beginnt (wer steht eigentlich noch hinter diesem oder irgendeinem Papst, daß die taz sich derart daran abarbeiten müßte?), endet als allgemeine „Kritik“ einer „gesamtchristlichen Kirche“. Schlimm daran ist, daß genau die notwendigen Differenzierungen, die Hartmann einfordert, hier außen vor bleiben. Statt dessen finden sich im fulminanten Crescendo der Kolumne üble, völlig argumentationsfreie Passagen von hate-speech, in der Objekte, Subjekte und Handlung beliebig austauschbar sind. Was bleibt, sind geistige Abziehbilder und unhistorische Klischees. [...]

Ich will nicht verhehlen, daß ich die Ablehnung des islamischen Religionsunterrichts durch „einige“ bundesdeutsche Abgeordnete weniger hart beurteile als die Tatsache, daß im Nahen Osten Kinder aus christlich-kurdischen Familien zum Auswendiglernen des Koran geprügelt werden. Der Islamunterricht muß und wird sich in Deutschland sogar gegen eine stille Bevölkerungsmehrheit durchsetzen: Alles andere würde das Selbstbild der BRD als säkularisierter und pluralistischer Gesellschaft zur Farce machen.

Der von Hartmann eingeforderte „ernsthafte Dialog mit Angehörigen anderer Kulturen“ kann nur funktionieren, wenn wir uns von eingängigen, eindimensionalen und immer instrumentalisierbaren Feindbildern verabschieden. Das muß dann allerdings für alle am Dialog Beteiligten gelten. U. Bender-Wittmann,

Auetal-Bernsen

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