Vom Nachttisch geräumt: Dada 1
■ Raoul Schrott: "Dada 15/25, Post Scriptum oder die himmlischen Abenteuer des Hrn. Tristan Tzara"
Raoul Schrotts Dokumentation über den Zürcher Dada ist die umfangreichste, die ich kenne. Fast 400 zweispaltig bedruckte Seiten mit zahlreichen bisher in Deutsch noch nicht veröffentlichten Texten von Arp bis Tzara. Frühe, noch in Rumänien entstandene Arbeiten des letzteren eröffnen den Band, abgeschlossen wird er mit einer Kurzbiographie der 1908 in Berlin geborenen Spätdadaistin Elde Steeg. Dazwischen die Manifeste, die Briefe, Erinnerungen, Gedichte, kleine Prosaarbeiten und natürlich jede Menge Abbildungen.
Schrotts Buch aber berichtet nicht nur von Dada, es führt ihn vor. Manche Seiten sehen aus wie aus einer der wildesten Dada-Zeitschriften. Schon beim Blättern bekommt man eine Idee von der Herausforderung, die Dada einmal war: eine Rebellion gegen die Pickelhauben aller kriegführenden Nationen. Hugo Ball schrieb 1915: „Alles, was System, Organisation, Charakter etc. heißt, erfordert Subordination. Alles dagegen, was Kunst, Freiheit, Kultur heißt, erfordert Co-ordination, Nebeneinander der Möglichkeiten, der Individuen, der Anschauungen etc. Das ist doch so klar!“ Wie meist markiert das Ausrufezeichen, daß dem Schreiber seine Auffassung lange nicht so selbstverständlich ist, wie er glauben machen möchte. Ball landete bald beim Katholizismus, und eine von Schrott dokumentierte Debatte zwischen Breton und Tzara aus dem Jahre 1922 macht deutlich, wie schwer das scheinbar heitere Nebeneinander zu realisieren war. Breton bestreitet, daß Tzara irgend etwas mit der Erfindung des Wortes Dada zu tun hat. Ein Fall fürs Patentamt, könnte man meinen. Dada war eben kein Spiel mehr, sondern fast eingetragenes Warenzeichen geworden.
Raoul Schrott: „Dada 15/25, Post Scriptum oder die himmlischen Abenteuer des Hrn. Tristan Tzara. Und ein Suspensarium von Gerald Nitsche zu Elde Steeg & Raoul Hausmann“. Haymon-Verlag, 391 Seiten, mit unzähligen Schwarzweißabbildungen, einigen Farbtafeln, Transparentblättern, Stanzungen, 138DM
Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen