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Die Pest begleitet die Menschheit seit 5.500 Jahren, lange vor der ersten Pandemie. Sie ist bis heute eine aktive Krankheit
Foto: Volker Hohlfeld/imago
Von Birk Grüling
Auf vier Friedhöfen am Baikalsee in Sibirien liegen Menschen, die binnen sehr kurzer Zeit bestattet wurden. Die ältesten Bestattungen dort sind über 5.500 Jahre alt und gehören zu Jäger-und-Sammler-Kulturen. Damit gerät eine Erzählung ins Wanken: dass die Pest der Preis der Sesshaftwerdung war, seitdem Menschen auf engem Raum mit ihren Tieren lebten und damit Tor und Tür für deren Krankheitserreger öffneten.
Bei knapp 40 Prozent der untersuchten Verstorbenen auf den Friedhöfen stießen die Archäologinnen und Archäologen in Knochen und Zähnen auf die Spuren des Bakteriums Yersinia pestis. Die meisten dieser Toten waren Kinder zwischen 8 und 11 Jahren. Möglicherweise hatten die Erwachsenen schon früher Kontakt mit den Pest-Erregern gehabt und dadurch eine Immunität aufgebaut. Bei den Heranwachsenden war das Immunsystem dagegen deutlich anfälliger. Außerdem wurden sie offensichtlich innerhalb sehr kurzer Zeit dort begraben. Beides spricht für einen lokalen, aber sehr tödlichen Ausbruch.
Archäologische Spuren deuten auf einen engen Kontakt mit Murmeltieren hin. Sie wurden wegen Fell und Fleisch gejagt, und beim Häuten der Tiere oder beim Verzehr des Fleischs könnten sich die Menschen infiziert haben. Dazu passt auch die Annahme, dass die Krankheit ursprünglich aus Zentral- oder Nordostasien, dem Verbreitungsgebiet des grauen Murmeltiers, stammt. Wie die meisten anderen Pestgenome aus der Jungsteinzeit und Bronzezeit, die inzwischen entschlüsselt werden konnten, handelte es sich hier aber um eine frühe, heute ausgestorbene Form der Pest, deren Erreger noch nicht an die Übertragung mittels Floh angepasst war.
„Deutlich besser ist die Datenlage bei den späteren und großen Ausbrüchen der tödlichen Krankheit, wie der Justinianischen Pest am Ende der Antike oder dem Schwarzen Tod im späten Mittelalter“, erklärt Paläogenetiker Marcel Keller von der Universität Basel. Er erforscht die Ursprünge der Pest.
Besonders zwei Quellen sind für die Forschenden interessant. Berichte von Zeitzeugen, aber auch die menschlichen Überreste aus den Pestgräbern. „Wir sind heute in der Lage, nicht nur einen Pesttod nachzuweisen, sondern auch die gesamte DNA des Pesterregers zu untersuchen. So erfahren wir mehr über die Evolution des Erregers und wie sich einzelne Stämme ausgebreitet haben“, erzählt er. Parallel dazu lassen sich oft auch Verwandtschaftsverhältnisse oder die genetische Herkunft der Menschen mit modernen Gen-Analysen oft nachweisen.
Pest-Massengräber erzählen auch die Ausmaße der Justinianischen Pest, die vor knapp 1.500 Jahren in weiten Teilen Europas, Asiens und Afrikas grassierte und als eine der ersten globalen Pandemien der Geschichte gilt. Antike Quellen berichten von einem geheimnisvollen Staubschleier, der um das Jahr 540 monatelang den Himmel im Orient verdunkelte. Die Menschen jener Zeit sahen darin ein düsteres Omen. Bald darauf brach in Ägypten die Pest aus.
Tatsächlich könnte ein Zusammenhang bestehen. Vulkanische Aktivitäten sorgten damals im Mittelmeerraum für eine „Spätantike Mini-Eiszeit“. Ernteausfälle und Hungersnöte waren die Folge und begünstigten womöglich den Sprung des Bakteriums vom Tier auf den Menschen. Historische Quellen berichten sehr eindringlich von hohem Fieber, Schwellungen an den Achselhöhlen und schwarzen Blasen. Etwa die Hälfte der Erkrankten starb, und über die bereits gut ausgebauten Handelsrouten zu Land und zu Wasser breitete sich die Pandemie rasant aus.
Wie tödlich sie gewesen sein könnte, zeigen archäologische Funde aus Jordanien. US-Forschende der University of South Florida entdeckten in den Ruinen der römischen Stadt Jerasch ein Massengrab mit über 200 übereinander geschichteten Leichen, vermutlich innerhalb weniger Tage bestattet, ohne Rücksicht auf Stand oder Herkunft. Bei fünf untersuchten Zähnen aus dem Grab konnten die Forschenden die DNA von Yersinia pestis nachweisen, was die Forschenden als klaren Hinweis auf ein Massensterben werten. Bis zum Ende dieser „Ersten Pandemie“ könnten bis zu 50 Millionen Menschen gestorben sein.
Diese genetischen Spuren lassen sich nicht nur für die Antike rekonstruieren: Bereits 2011 gelang es einem internationalen Forschungsteam zum ersten Mal, das Genom des Pesterregers aus Knochen des 14. Jahrhunderts nachzuweisen. Spätere Untersuchungen zeigten, dass die Stämme von Yersinia pestis, die für die historischen und neuzeitlichen Pestepidemien rund um den Globus verantwortlich waren, sich genetisch sehr ähnlich sind.
„Seit der Pesterreger sich vor etwa 4.000 Jahren an die Übertragung mittels Floh angepasst hat, hat er keine fundamentalen Veränderungen mehr durchgemacht. Die nachgewiesenen Mutationen stellen vermutlich nur weitere Anpassungen an verschiedene Nagetierreservoire dar“, sagt Keller, „Die Unterschiede in der Sterblichkeit und Verbreitung seit den historischen Pestwellen sind eher auf andere Faktoren zurückzuführen, etwa wie eng Menschen mit Ratten und wilden Nagetieren in Kontakt kamen.“.
Der Ausgangspunkt des Schwarzen Todes liegt vermutlich in Kirgisistan. Dort gab es bereits 1338 und 1339 lokale Ausbrüche am Yssykköl-See, wieder im Verbreitungsgebiet von Murmeltieren. Zunächst breitete sich die Pestwelle gemächlich aus, erst mit Erreichen der Handelsrouten nahm das Drama seinen schnelleren Lauf. 1347 kam die Pest an Bord von Handelsschiffen aus dem Schwarzen Meer in den Mittelmeerraum und breitete sich rasch über Europa, den Nahen Osten und Nordafrika aus. Bis zu 60 Prozent der Bevölkerung könnten dem Schwarzen Tod zum Opfer gefallen sein.
„Es war eine der größten demografischen Katastrophen der Menschheitsgeschichte“, sagt Historiker Martin Bauch vom Leibniz-Institut für Geschichte und Kultur des östlichen Europa. Die Gründe für den rasanten Verlauf sind aus seiner Sicht vielschichtig: Auch dem Schwarzen Tod ging, ähnlich wie der Justinianischen Pest, eine kurze Kälteperiode voraus, die Hungersnöte auslöste und die Bevölkerung schwächte. Um die Ernährung zu sichern, wurde der Getreidehandel angekurbelt und der brachte am Ende auch infizierte Ratten um die Welt.
Martin Bauch, Historiker
Mithilfe von historischen Quellen lassen sich die Ausmaße dieser „Zweiten Pandemie“ nachvollziehen. Einige Details sind dabei überraschend, wie Bauch erklärt. „Bevölkerungsreiche Metropolen wie Mailand oder Rom scheinen vom Schwarzen Tod vergleichsweise verschont geblieben zu sein, vielleicht weil sie ihr Getreide selbst anbauten und weniger auf Handelsrouten angewiesen waren“, sagt der Historiker.
Die meisten Regionen hatten weniger Glück, weite Teile Europas und Asiens waren betroffen. Der neuen Krankheit standen die Ärzte des Mittelalters hilflos gegenüber. Kranke wurden zur Ader gelassen, bekamen Brechmittel, auch das Aufschneiden der Pestbeulen galt als probates Mittel. Als Ursachen der Pest vermutete man giftige Dämpfe oder verseuchtes Wasser. Weil nichts zu helfen schien und immer mehr Menschen starben, wuchs die Panik in der Bevölkerung. Pestkranke wurden von den eigenen Familien allein gelassen, außerhalb der Städte entstanden Zwangsunterkünfte.
Genau diese herzlos wirkende Isolation der Kranken trug am Ende zur Eindämmung der Seuche bei. In dieser Zeit entstand auch die Idee der Quarantäne: In Städten wie Venedig mussten Schiffe aus betroffenen Regionen 40 Tage vor Anker liegen, bevor sie einlaufen durften. Nach knapp sieben Jahren endete die erste große Infektionswelle. Wer überlebt hatte, trug nun Antikörper in sich, weshalb es zunächst nur zu lokalem Aufflackern kam, bei denen oft Kinder die Todesopfer sind. Doch der Schwarze Tod war nur der Auftakt dieser „Zweiten Pestpandemie“, die über 500 Jahre hinweg immer wieder aufflammte. 1722 ging schließlich einer der letzten großen Pestausbrüche in Europa zu Ende, in Marseille und der Provence.
Ausgestorben ist der Erreger damit nicht. Die WHO registriert weltweit weiterhin jährlich rund 1.000 bis 3.000 Pestfälle, vor allem in Madagaskar, der Demokratischen Republik Kongo und Peru – Regionen, in denen Yersinia pestis noch heute in wildlebenden Nagetierpopulationen zirkuliert. In Europa gilt die Pest dagegen seit dem Zweiten Weltkrieg als verschwunden. Anders als im Mittelalter ist eine Infektion heute allerdings kein Todesurteil mehr: Rechtzeitig mit Antibiotika behandelt, lässt sich die Pest heilen. Unbehandelt bleibt sie jedoch weiterhin lebensgefährlich.Birk Grüling
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