Volksentscheid über Ehe für alle: Regenbogen über der Schweiz

Die Schweizer haben klar für die Ehe für alle gestimmt, selbst in konservativen Kantonen. Toleranz und Freiheit sind in der Mitte der Gesellschaft angekommen.

Eine Menschenansammlung, jemand trägt ein Schild mit der Aufschrift "Ja - Ehe für alle"

Die Menschen in der Schweiz haben ja gesagt: Zürich-Pride im September unter dem Motto „Trau Dich“ Foto: Manuel Geisser/imago

Der rechte Rand in der Schweiz zog alle Register: Um vor den angeblichen Gefahren der Ehe für alle zu warnen, plakatierten sie Zombies und warnten vor „Kindern mit einem Toten“, um die Samenspende für lesbische Paare zu verunglimpfen.

Auf anderen waren die Bäuche schwangerer Schwarzer zu sehen, auf denen „Sklavinnen“ geschrieben stand – dass die Leihmutterschaft gar nicht zur Abstimmung stand, spielte bei dieser Geschmacklosigkeit keine Rolle. Hauptsache, man würde der Bevölkerung auf dem Land wieder einmal Angst machen. Dass das nicht geklappt hat, dass selbst ein ultrakonservativer Kanton wie Appenzell für die Ehe für alle stimmte – das zeigt, dass die wirklichen Zombies am rechten Rand stehen.

Für fast zwei Drittel aller Schweizerinnen und Schweizer gab es schlicht keinen Grund, Schwulen und Lesben Rechte vorzuenthalten, die selbstverständlich für alle gelten sollten. Das überwältigende „Ja“ ist ein Erfolg nicht nur der Vernunft, sondern vor allem der LGBTQ+-Bewegung, die hartnäckig um ihre Anerkennung gestritten hat. Ihrem erfolgreichen Kampf ist es zu verdanken, dass sich kaum noch jemand versteckt, wenn er oder sie schwul, lesbisch oder intersexuell ist. Auch in Appenzell kennen heutzutage die meisten Menschen persönlich schwule Paare, haben eine lesbische Tochter oder sehen im Fernsehen, wie traditionelle Geschlechterdefinitionen Toleranz und Freiheit gewichen sind.

Niemandem fällt mehr das Alphorn aus der Hand, wenn sich ein Politiker, eine Politikerin outet, selbst in einer konservativen Partei. Der Regenbogen ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Deshalb konnte selbst eine teure Kampagne rechter Gestriger das deutliche Ergebnis nicht verhindern und wird den Fortschritt auch in Zukunft nicht zurückdrehen können.

Selbst wenn Zombies untot sind und ihr Unwesen vermutlich weiter treiben werden, haben Menschen ihnen gegenüber doch einen klaren Vorteil: Sie besitzen ein Hirn – und ein Herz. Beides haben die Schweizerinnen und Schweizer an diesem Sonntag eingesetzt.

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Seit 2011 berichtet Marc Engelhardt aus Genf von den Vereinten Nationen und den 200 anderen internationalen Organisationen mit Sitz am Genfer See, außerdem über die Schweiz und Liechtenstein. Davor war er sieben Jahre lang als Afrika-Korrespondent in Nairobi, nach Volontariat beim NDR und ein paar Jahren bei der Tagesschau. Ansonsten schreibt der gebürtige Kölner gerne Bücher, zuletzt über den Baobab, seine Lieblingsinsel Rügen und eine nackte Reise um die Welt.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de