piwik no script img

Verwirrende Knöpfe in Bussen und BahnenDas Leben ist kein Fahrgastwunsch

In Aufzügen, Bussen und Bahnen gibt es eine Vielzahl von Knöpfen, deren Funktion sich nicht immer intuitiv erschließt. Willi probiert sie alle aus.

Kann nur einen einzigen Wunsch erfüllen: Halteknopf in einem Bus Foto: Frank Jürgen Ritter/Imago

M ein Sohn Willi hat das Ursache-Wirkung-Prinzip verstanden und drückt begeistert jeden Knopf oder Schalter, der ihm unter die Finger kommt. Das Verständnis von Kausalität ist ein wichtiger Entwicklungsschritt zur Selbstbestimmung. Darum lasse ich Willi auch alleine den Fahrstuhl vom Bahnsteig nach unten benutzen, wenn er mit strenger Geste erst auf mich und dann auf die Treppe zeigt.

Er bedient den Aufzug mühelos selber. Falls er während der Fahrt nicht den Notruf betätigt, steht er aber meist unten schon grinsend mit dem Finger am Knopf, um in dem Moment zu drücken, in dem ich um die Ecke komme. Er freut sich dann wie Bolle über den lauten Alarmton und die Stimme der Zentrale, hört sich an, wie ich mich förmlich für ihn entschuldige und marschiert danach zufrieden weiter.

Übrigens bieten die Bedienfelder der Fahrstühle der Hamburger Hochbahn sehr viel Abwechslung bei der barrierefreien Ausstattung. Es gibt große, runde Knöpfe und flache, eckige Edelstahltaster, manche haben sogar schöne LED-Leuchtringe. Einige Fahrstühle haben nur einen „Start“- und einen „Tür auf“- Knopf, andere haben Tasten mit Pfeilen nach oben und unten oder mit den Buchstaben „G“ für Gleis- und „S“ für Straßenebene.

Es gibt Brailleschrift, Relief-Ziffern oder Pfeile. Selbst der Notrufknopf hat verschiedentliche Formen und Farben, ist an unterschiedlichen Stellen zu finden, trägt gerne mal ein gelbes Glockensymbol und konkurriert neuerdings mit einem zusätzlichen SOS-Taster, der leider grün leuchtet und neue Verwirrung stiftet.

Wieso „Fahrgastwunsch“ statt einfach „Stopp“?

Willi orientiert sich nämlich an den Farben: Grün (damit das Teil losfährt) und Rot (für den fetten Sound und die starken Reaktionen der Mitmenschen). Im Zweifelsfall untersucht er jedoch die Zusammenhänge von Knopf und Effekt kurzerhand erneut durch systematisches Probieren.

Seine Forschungen haben eines ergeben: Selbst bei kurzem Drücken des Alarms meldet sich IMMER die Notrufzentrale! Ansonsten kann man sich auf Durchsagen im Fahrstuhl aber genauso wenig verlassen wie in Bussen.

Im Bus fällt es mir übrigens auch ganz ohne Behinderung schwer, die sachgerechte Bedienung der Knöpfe zu verstehen. Es gibt da zuweilen einen Knopf neben der Tür auf dem das schöne Wort „Fahrgastwunsch“ steht. Wenn das „Stopp“ bedeuten soll, begreife ich nicht, warum stattdessen ein Wort draufsteht, das viel schwerer zu lesen ist und eigentlich nichts erklärt.

Ich konnte herausfinden, dass die Bedienung dieses Knopfes den Wunsch anzeigt, an der nächsten Station auszusteigen. Ob der Wunsch erfüllt wird, obliegt allerdings der oder dem Berufskraftfahrenden. Aus Gründen der Höflichkeit und damit es nicht zu einer Verwechslung mit der Notbremse kommt, hat man den Knopf nicht mit den Worten „Stopp“ oder „Halt“ beschriftet.

Die komplexe Bedeutung und Handhabung des blauen Knopfes mit dem Kinderwagensymbol erkläre ich ein anderes Mal

Seltsam. Auf der einen Seite traut man mir nicht zu, diesen Knopf von einer Notbremse zu unterscheiden – dabei gibt es in Bussen ohnehin keine Notbremsen und nicht mal Willi fasst die Teile an.

Auf der anderen Seite geht man aber davon aus, dass es selbsterklärend ist, falls es sich bei der Tür um eine „dritte Tür“ handelt – also die mittlere Tür eines Gelenkbusses, dass diese an einer Haltestelle nur durch Bedienung eben dieses Knopfes geöffnet werden kann, und nicht so wie die anderen Türen zentral durch die berufskraftfahrende Person – selbst dann nicht, wenn man quer durch den Bus „Ey mach ma auf!“ brüllt.

Öffnet die mittlere Tür sich an einer Station auch nach der Betätigung des Fahrgastwunschschalters nicht, muss diese erst von vorne freigegeben werden (hier hilft Brüllen), damit durch die erneute Betätigung der Haltewunschtaste der Türöffnungsmechanismus in Gang gesetzt werden kann. Fahrgastwunsch eben!

Die komplexe Bedeutung und Handhabung des blauen Knopfes mit dem Kinderwagensymbol erkläre ich ein anderes Mal. Bis dahin machen wir's einfach wie Willi: fröhlich auf allen Knöpfen herumdrücken, wenn nix passiert, laut schreien.

Gemeinsam für freie Presse

Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen

Birte Müller
Freie Autorin
Geboren 1973 in Hamburg. Seit sie Kinder hat schreibt die Bilderbuchillustratorin hauptsächlich Einkaufszettel und Kolumnen. Unter dem Titel „Die schwer mehrfach normale Familie“ erzählt sie in der taz von Ihrem Alltag mit einem behinderten und einem unbehinderten Kind. Im Verlag Freies Geistesleben erschienen von ihr die Kolumnensammlungen „Willis Welt“ und „Wo ein Willi ist, ist auch ein Weg“. Ihr neuestes Buch ist das Kindersachbuch „Wie krank ist das denn?!“, toll auch für alle Erwachsenen, die gern mal von anderen ätzenden Krankheiten lesen möchten, als immer nur Corona. Birte Müller ist engagierte Netzpassivistin, darum erfahren Sie nur wenig mehr über sie auf ihrer veralteten Website: www.illuland.de
Mehr zum Thema

0 Kommentare