Verschwörungstheoretiker demonstrieren: Dicke weiße Spucke-Bällchen fliegen

Unter den Hygiene-Demo-Teilnehmern finden sich ältere Menschen. Selbst die wollen nichts von Solidarität wissen: „Diktatur, Diktatur.“

Vor der Volksbühne lehnt eine Frau am Räuberrad mit zwei Schirmen in der Hand

Sind das jetzt alles Spinner, oder macht man es sich da etwas zu einfach? Foto: Jörg Carstensen/dpa

Unterwegs nach draußen. Erster Stopp am Briefkasten. „Hallo! Unsere börsennotierte Immobiliengruppe verfügt über genügend Geld, bitte machen Sie sich keine Sorgen um die Miete.“ Habe noch immer keinen Brief dieser Art bekommen. Dafür aber einen anderen, worin steht, dass die börsennotierte Immobiliengruppe, meine Vermieterin, die Gesetze einhalten und mir nun gemäß Mietdeckel-Beschluss Auskunft über meinen Fall erteilen will. Die wollen die Gesetze einhalten? Find ich okay.

Weiter steht da: Gemäß Paragraf soundso würde meine Wohnung soundso viel kosten … fast die Hälfte weniger? Dann steht da noch: Wie bereits erwähnt, sei dies jedoch lediglich eine Auskunft, dieses Schreiben bewirke „keine Absenkung der Miete“. Das Wort „keine“ ist in Fett geschrieben. Mir rutscht die Maske vom linken Ohr.

Vor der Volksbühne. Kleine Grüppchen sitzen vereinzelt vorm Räuberrad, das mal aus Protest gegen den früheren Volksbühnen-Chef Dercon abgebaut wurde. Der ist weggegangen worden und jetzt steht es wieder da: das Räuberrad. Ich betrachte es zum ersten Mal genauer. Auf Streichholzpackungen, super; in echt, wie Mad Max mit Mel Gibson.

Es ist Samstag. Wie in den letzten Wochen üblich, findet hier die sogenannte Hygiene-Demo statt. Es wird viel untereinander geredet. Robert Koch -Institut, Robert Koch-Institut, RKI, Grundgesetz, Grundgesetz, Bill Gates, NWO, New World Order, Staatsversagen.

Sind das jetzt alles Spinner, oder macht man es sich da etwas zu einfach? Bestimmt werden lange Reportagen über diese Art von Leitfrage verfasst werden.

„Ich liebe Corona“

Eine Oma sitzt auf ihrem Stuhl und hält ein Schild hoch: „Ich liebe Corona.“ Ich weiß nicht, auf welcher Seite sie steht, denn es gibt hier unterschiedliche Parteien: es gibt nicht nur die Hygiene-Demo-Teilnehmer, die selbst in allen möglichen Facetten daherkommen – mit langen oder kurzgeschorenen oder auch pinkfarbenen Haaren oder Rastas; in Anzug, mit kurzen Hosen oder Leggings –, es gibt auch Proteste gegen die Protestler.

Die Volksbühne will nichts mit der Demo zu tun haben und zeigt dies durch riesige Transparente. „Solidarität“ steht auf einem drauf, und man weiß, was gemeint ist: Liebe Leute, bleibt zu Hause, denkt an die Schwächeren und Älteren der Gesellschaft.

Aber unter den Hygiene-Demo-Teilnehmern finden sich ältere Menschen, die nichts von dieser Solidarität wissen wollen. „Ach komm, hör auf, mach mal die Augen auf!“, sagen sie. Oder: „Diktatur, Diktatur.“ Sie winken dabei ab, wie nur Ältere es tun können.

Die Polizei ist auch da, vereinzelt mit Mundschutz. Manchmal ziehen sie Menschen aus der Demo raus – Operation Platzverbot. Dann ist das Geschrei ordentlich: Paragraf soundso! Dicke weiße Spucke-Bällchen fliegen dabei durch die Gegend. Jenen rufen wiederum andere zu: „Geht doch einfach nach Hause!“ – bis sie selbst irgendwann nach Hause gehen. Und dann sind da noch so Zaungäste, so wie ich es bin.

Weiter zum Alexanderplatz, dort haben sich spontan mehrere wütend dreinschauende Hooligans versammelt. Polizei ist auch da. Hier am Alex war ich schon tausend Mal. Immer wieder mit demselben Gedanken: Schnell weg hier!

Das Wetter ist an diesem Wochenende toll, und auch auf dem Tempelhofer Feld ist viel los: Tausende liegen auf der Wiese, die einen spielen Tennis, die anderen Volleyball und wieder andere Wikinger-Schach. Hier scheint alles so wie vor Corona zu sein. „Lockdown Nummer 2 kommt ganz bestimmt“, sagt Markus – und danach noch: „Mambo Number Five.“ Hey, Macarena.

Die Coronazeit ist mit mir verwachsen wie meine Haut. Die ist trocken und gereizt.

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