Verschärfte Coronaregeln in Frankreich: Covid-Map sorgt für Unmut

Ab Samstag gelten in Frankreich neue Corona-Schutzmaßnahmen. Das stößt auf Widerstand, vor allem in der „scharlachroten Zone“ Marseille.

Menschen tragen Mundschutzmasken und überqueren eine Straße

In Marseille sind die Infektionszahlen besonders hoch Foto: Theo Saffroy/Hans Lucas/imago

PARIS taz | Wegen einer steigenden Zahl von Corona-Infektionen in Frankreich sollen neue Restriktionen in Kraft treten. In einigen Landesteilen müssen Bars und Restaurants ab Samstag wieder dichtmachen, in anderen müssen sie ab Montag früher schließen. Zuletzt wurde mit 16.096 registrierten Neuinfektionen binnen 24 Stunden erneut ein Höchstwert erreicht.

Doch gegen die Maßnahmen regt sich Widerstand. In Marseille protestierten am Freitag hunderte Gastronom*innen gegen die Schließung der Bars und Restaurants. Mehr noch als die neuen Restriktionen selbst ist es die Art, mit der die Zentralregierung für zahlreiche Städte – vor allem für den Großraum Marseille – einschneidende Maßnahmen angeordnet hat, die auf Empörung stößt. Gesundheitsminister Olivier Véran hatte die Maßnahmen am Mittwoch angekündigt.

„Nichts rechtfertigt, diese Ankündigung“, protestiert die Bürgermeisterin von Marseille, Michèle Rubirola. Die Grüne ist selber Ärztin. Ihrer Ansicht nach ist dank der lokalen Anstrengungen in Marseille bei den registrierten Corona-Infektionen bereits wieder eine sinkende Tendenz festzustellen. Nach zeitweilig mehr als 250 bestätigten Neuinfektionen im Großraum Marseille liegen die Zahl nun bei rund 190 pro Tag.

Gesundheitsminister Véran befürchtet dagegen, dass die Lage außer Kontrolle geraten könnte. Deshalb sollen in Marseille Bars, Cafés und Restaurants für vorerst zwei Wochen komplett schließen. Für den wegen des Rückgangs des Tourismus besonders schwer angeschlagenen Wirtschaftszweig ist dies eine Katastrophe.

Von lokalen Politikern wird dies als eine Form von „Bestrafung“ und „Anprangerung“ empfunden. Dass sich Véran nicht mit den lokalen Behörden abgesprochen habe, sei ein „Affront für Marseille“, erklärte Benoît Payan, Erster Vizebürgermeister der rot-grünen Stadtregierung.

In einer scharfen Rede gegen die „Arroganz“ der Zentralmacht in Paris verlangte Payan am Donnerstag eine Zeitspanne von zehn Tagen. Marseille werde beweisen, dass strengere und wirtschaftlich desaströse Maßnahmen nicht notwendig seien. Véran wie Premierminister Jean Castex haben bereits erwidert, dass ein solcher Aufschub nicht infrage komme.

Marseille ist scharlachrot

Der Raum Marseille-Aix-en-Provence ist wie die Antillen-Insel Guadeloupe auf Vérans neuer Covid-Landeskarte „scharlachrot“. Dies bedeutet, dass dort die „höchste Alarmstufe“ gilt. Neben Restaurants müssen auch Fitnesszentren und Schwimmbäder zumachen. Kinos, Theater oder Museen dürfen nur öffnen, wenn sie besondere Schutzvorkehrungen respektieren. Falls dies nicht reicht, bleibt nur der „sanitäre Notstand“ mit drastischen Lockdown-Regeln, wie sie ganz Frankreich von Mitte März bis Mitte Mai erlebt hatte.

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Eine Reihe anderer Städte sind auf Vérans Karte als Zonen der „verschärften Alarmstufe“ rot. Wie unter anderem in Lyon, Bordeaux, Nizza, Lille, Toulouse, Montpellier, Grenoble gelten auch für Paris samt Umgebung ab Montag verschärfte Vorschriften. Nachdem bereits eine allgemeine Maskenpflicht in der Öffentlichkeit respektiert werden muss, sollen in der roten Zone Bars und Cafés um 22 Uhr den Laden dichtmachen. Ob dies auch für die Restaurants gilt, ist noch unklar.

In der roten Zone dürfen sich zudem nicht mehr als zehn Personen versammeln, Fitnesszentren und Hallenschwimmbäder und auch diverse Festsäle werden vorübergehend geschlossen, kulturelle oder sportliche Großveranstaltungen mit mehr als tausend Personen sind (auch mit Abstand) nicht erlaubt.

Kritik auch aus Paris

Nicht nur aus dem Süden weht ein Wind der Revolte gegen die zentralistische Covid-Politik. Die Pariser Oberbürgermeisterin Anne Hidalgo und die Vorsitzende der Region Valérie Pécresse haben sich über mangelnde Absprachen beklagt. Auch aus medizinischen Kreisen kommt Protest gegen die Methoden einer Covid-Politik, die auch in den Medien seit Wochen schon als „dilettantisch“ und „inkohärent“ kritisiert wird.

Philippe Juvin, Chef der Notaufnahme im Pariser Krankenhaus Georges-Pompidou, kritisierte im Rundfunk France-Inter: „Ich wurde zu einem Treffen mit dem Regierungsvertreter eingeladen. Aber worüber soll eine Absprache stattfinden, wo doch schon alles beschlossen und entschieden ist?“ Die neuen Regeln sind seiner Meinung nach absurd: „In einem Restaurant gibt es die Möglichkeit, die Einhaltung von Regeln durchzusetzen. Wenn die Restaurants geschlossen werden, treffen sich die Leute erst recht anderswo – ohne Regeln.“

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