Versammlung der Wirecard-Gläubiger: Betrogene im Bierkeller

Bei der Gläubigerversammlung des Pleiteunternehmens Wirecard wird klar, dass kaum Geld zu verteilen ist. Ein Großteil der Jobs soll immerhin bleiben.

Ein Mann hält einen roten Ordner im Arm, auf dem die Aufschrift "Wirecard Untersuchungsausschuss" zu lesen ist

Untersuchungsausschuss zum Wirecard-Skandal Foto: Christian Ditsch

MÜNCHEN taz | Daniela Bergdolt steht vor dem Münchner Löwenbräukeller und sagt: „Ich konnte mir nicht vorstellen, dass solch ein Chaos- und Betrugssystem dahintergesteckt hat.“ Die Aktionärsschützerin redet regelmäßig bei Hauptversammlungen von DAX-Konzernen. Neuerdings vertritt sie tausende Wirecard-Geschädigte. Bergdolt ist Geschäftsführerin der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz in Bayern. An diesem Mittwoch ist sie für ihre Klientel – private, aber nicht unbedingt kleine Aktienanleger – bei der Gläubigerversammlung des einstigen New-Economy-Stars Wirecard aus Aschheim bei München mit dabei.

Der riesige Wirtshauskeller wurde als Ort ausgewählt, um die Coronaregeln einhalten zu können: Normalerweise trinken hier 3.000 Besucher Bier und essen Würstl oder Haxn. Für die Versammlung war die Teilnehmerzahl nun auf maximal 350 begrenzt – und das ohne jede Bewirtung. Gekommen sind schließlich 74, die aber insgesamt 11.500 vertraten.

Wirecard – das war jenes „Zahlungsdienstleistungsunternehmen“, das sich wie aus dem Nichts heraus global aufgeblasen hatte mit immer fantastischeren Gewinnversprechen und einem rasant steigenden Aktienkurs. 2018 erfolgte der Ritterschlag mit der Aufnahme in den DAX, den Index der 30 größten deutschen Aktien-Unternehmen. Wirecard gründete Tochterfirmen wie eine eigene Bank, Betriebe für Serviceleistungen oder technische Weiterentwicklung. Dabei war die eigentliche Geschäftsidee simpel: Es ging darum, elektronische Zahlungssysteme zu entwickeln, die das Kaufen und Verkaufen etwa im Internet erleichtern.

Die Blase platzte, als die Wirtschaftsprüfer von Ernst and Young – Jahre zu spät, wie viele meinen – entdeckten, dass es von Wirecard auf den Philippinen ausgewiesene 1,9 Milliarden Euro gar nicht gibt. Das war ein Viertel der gesamten Konzernbilanz. Ende April rauschte der Aktienkurs runter gen null, Anleger verloren 23 Milliarden Euro, Banken und Investoren blieben auf Krediten von knapp 1,8 Milliarden sitzen.

96 Prozent des Geldes sind futsch

Bei der Gläubigerversammlung eines insolventen Betriebs präsentiert der Insolvenzverwalter das, was er an Scherben noch zusammenfegen konnte. Die Gläubiger und Aktienbesitzer stellten in München Forderungen von 12,5 Milliarden Euro. Verwalter Michael Jaffé teilte laut Aktionärsschützerin Bergdolt mit, dass er mit der Zerschlagung und dem Verkauf von Wirecard-Teilbereichen bislang nur 500 Millionen Euro einnehmen konnte. Damit könnten die Forderungen zu nur 4 Prozent erfüllt werden. Das bedeutet: 96 Prozent des Geldes ist nach jetzigem Stand weg. Die Stimmung auf dem nicht öffentlichen Treffen, sagt Daniela Bergdolt der taz, sei „sachlich und trübe“ gewesen.

Unterdessen ermittelt die Staatsanwaltschaft München gegen die einstige Wirecard-Führungsriege. Der frühere Vorstandsvorsitzende Markus Braun sitzt in Augsburg in Haft. Seine Vernehmung ist an diesem Donnerstag in Berlin das große Thema des Bundestagsuntersuchungsausschuss, der klären soll, welche Rolle die Bundesregierung und Bundesbehörden in dem Fall gespielt haben. Ex-Vorstand Jan Marsalek erscheint wie eine Figur aus einem überdrehten Agententhriller: Der Österreicher, der Kontakte zu einem russischen Geheimdienst haben soll, ist auf der Flucht und wird mit internationalem Haftbefehl gesucht. Er hatte eine Einreise auf die Philippinen simuliert, tatsächlich soll er aber laut dem Recherchenetzwerk Bellingcat nach Belarus und von dort nach Russland gereist sein. In der Nähe von Moskau sei er unter Aufsicht von Geheimdienstleuten untergebracht.

500 Jobs sollen bleiben

Und die Beschäftigten? Einst hatte Wirecard in Deutschland 1.600 Mitarbeiter, jetzt sind es noch knapp 600. Früher sahen sie sich als IT-Avantgarde, als eine Art deutsches Apple, dann brach die Verzweiflung aus. Im September haben sie mit Unterstützung der Gewerkschaft Verdi einen Betriebsrat gewählt. Vor allem der Verdi-Mann Kevin Voß hat das initiiert. Mittlerweile ist klar, dass die Wirecard-Hauptfirma an die spanische Bank Santander verkauft wird. Rund 500 Beschäftigte sollen laut den Planungen ihre Jobs behalten. „Wegen dieses Investors ist die Stimmung jetzt doch wieder recht freudig“, sagt Voß. Allerdings findet sich kein Wirecard-Beschäftigter, der etwas zur Lage sagen möchte – auch kein Betriebsrat, auch nicht anonym.

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de

Ihren Kommentar hier eingeben