: „Verlaufen ist absolut out“
Wandern boomt – doch wie entstehen eigentlich gute Wanderwege? Hans-Georg Sievers begleitet seit 1999 Regionen bei der Neuplanung und Verbesserung von Strecken. Hier erklärt er, worauf es dabei ankommt
Foto: Marco Bunk/imagebroker/imago
Interview Jochen Overbeck
taz: Herr Sievers, Wandern ist eine recht niederschwellige Tätigkeit. Man fährt dorthin, wo’s schön ist, und läuft los. Wofür brauchen Wanderregionen externe Berater:innen?
Hans-Georg Sievers: Ein guter Wanderweg entsteht nicht von alleine. Um Wanderinnen und Wanderer zu begeistern, sollte er abwechslungs- und erlebnisreich sein, also zum Beispiel tolle Aussichten, hübsche Bachtäler, Burgruinen oder urige Naturlandschaften einbinden. Und er sollte perfekt markiert sein. Bis so ein Wanderweg so weit ist, braucht es allerdings viele Vorarbeiten, darunter auch die Abstimmung mit den Wegeigentümern. Bei alldem hilft der neutrale Blick eines Wanderberaters enorm, weil er die Wege mit ganz anderen Augen sieht. Zumal sich auch die Perspektive im Laufe der Jahre verändert – im Alter von 70 Jahren schaut man anders auf eine Strecke als mit 45.
taz: Bedeutet das, den typischen Wanderweg für alle gibt es gar nicht?
Sievers: Genau. Als Anfang des Jahrtausends erstmals Wanderwege zertifiziert wurden, orientierte man sich noch an Wandernden, die eher aus dem alpinen Bereich kamen und ein ähnliches, anspruchsvolles Erlebnis in den Mittelgebirgen suchten. Man merkte jedoch schnell, dass das nur eine kleine Zielgruppe ist. Die Mehrheit sucht eher acht bis zehn Kilometer lange, unkomplizierte Strecken auf naturnahem Untergrund ohne Verkehrslärm. Solche Kulturwanderer:innen nehmen aber auch mal asphaltierte Wegstücke in Kauf. Bei barrierearmen Wanderwegen wiederum stehen andere Kriterien wie gute Begehbarkeit, Stufenlosigkeit und manchmal auch Rollatorentauglichkeit im Vordergrund.
taz: Sie haben unter anderem den Bliessteig mitentwickelt, eine komplett neue Route im Saarland, die von den Leser:innen des Wandermagazins 2025 zum „Wanderweg des Jahres“ gewählt wurde. Wie geht man da vor?
Sievers: Grundsätzlich versuchen wir immer, Wege zu nutzen, die bereits da sind. Eine Route komplett neu anzulegen, ist ein ziemlich großer Aufwand. Die klassische Planung fängt mit einem Blick auf die Karte an. Da erkennt man schon, auf welchen Wegtypen ein bestehender Weg verläuft und ob es Alternativen gibt
taz: Was für Kartenmaterial nutzen Sie?
Sievers: Ganz unterschiedlich. Aktuelle topografische Karten, unheimlich gerne OpenStreetMap, aber auch historische Karten. Viele alte Wege sind im Laufe der Zeit zwar nicht mehr erkennbar oder zugewachsen, aber sie sind nicht wirklich weg. Sie lassen sich relativ leicht reaktivieren. Der Haken mit den Karten ist: Es gibt keine hundertprozentige Verlässlichkeit.
taz: Sie gehen also ins Gelände und prüfen nach.
Sievers: Das Rausgehen ist durch nichts zu ersetzen. Manchmal zweigt plötzlich ein wunderschöner Pfad ab, der in keiner Karte verzeichnet ist – aber er ist einfach da! Das erlebt man relativ oft im Nahbereich von Städten, wo viele Spaziergänger:innen mit Hunden unterwegs sind. Die legen sich im Laufe der Zeit eigene Wegenetze an. Auch entlang von Bächen und Flüssen findet man oft solche natürlichen Linien, die früher vielleicht von Anglern genutzt wurden und sich super zur Orientierung eignen. Stößt man auf einen solchen unentdeckten Weg, muss man den Mut haben, ihm zu folgen. Kann natürlich sein, dass es irgendwann doch nicht weitergeht – aber dann dreht man halt um.
taz: Besteht bei all der Perfektion nicht die Gefahr, dass ein Weg „überplant“ wird? Man möchte sich ja manchmal auch überraschen lassen, vielleicht sogar verlaufen …
Sievers: Verlaufen ist absolut out – das wollen die Leute heute überhaupt nicht mehr. Einer der Hauptgründe für das Schaffen einheitlicher Kriterien war ja gerade, dass wir den Gästen ein garantiertes Wandererlebnis bieten wollen. Das Leben ist so voll geworden; oft ist die Zeit genau getaktet, weil man danach noch einkehren, ins Schwimmbad gehen oder Tante Erna besuchen will. Da hat niemand Zeit oder Lust, sich zu verlaufen. Deshalb sind lückenlose Markierung und Beschilderung essenziell.
taz: Kann man dabei auch übertreiben?
Foto: privat
Hans-Georg Sievers, 62, ist studierter Diplom-Volkswirt. Er begleitet die Neuplanung, Neubeschilderung und Auffrischung von Wanderwegen. Zu seinen Referenzen gehören mit dem Schwarzwälder Westweg und dem Heidschnuckenweg zwei der bekanntesten Fernwanderwege Deutschlands.
Sievers: Manches empfinden Einheimische vielleicht als Verschandelung der Landschaft – zum Beispiel, wenn Markierungen deutlich größer als die standardmäßigen 10 mal 10 Zentimeter sind, oder wenn sie doppelt angebracht werden. Ähnlich ist es bei Zielwegweisern: Viele wünschen sich die zwar, um Entfernungen einzuschätzen, aber eigentlich reichen sie an Knotenpunkten. Wenn über zwei Kilometer kein Abzweig kommt, braucht man keinen Wegweiser.
taz: 70 Prozent der Deutschen wandern, sagt das Deutschen Wanderinstitut. Seit 2019 ist Wandern zudem Teil der „Nationalen Tourismusstrategie“. Kann eine gute Planung Hotspots, die unter Overtourism leiden, entlasten?
Sievers: Das ist häufig das Ziel. Früher gab es im Grunde nur örtliche Wanderwege. Mit der Zertifizierung und gezieltem Marketing versucht man, bestimmte Wege hervorzuheben. Man kann das steuern und sagen: Wir schaffen in der Nähe von Hotspots attraktive Alternativen. Manchmal nimmt man den eigentlichen Hotspot im Zuge der Planung sogar bewusst heraus, weil es gar nicht nötig ist, ihn einzubinden. Aber die Grundvoraussetzung ist immer eine hohe Qualität. Nur zu sagen, „Geht mal woanders hin, damit ihr euch nicht auf die Füße tretet“, reicht nicht. Am Heidschnuckenweg in der Lüneburger Heide haben wir etwa die „Heideschleifen“ angelegt, alternative Wanderungen, um den Hauptweg zu entlasten.
taz: Wenn man sich Wandervideos auf Youtube anschaut, ändert sich die Typologie der Wandernden stark: Immer mehr Leute sind ultraleicht unterwegs und schlagen abends ihr Zelt auf oder machen sogenannte Thru-Hikes, wandern also Fernwanderwege komplett durch. Interessiert das Tourismusbehörden oder Verbände überhaupt?
Sievers: Das ist sicher ein Trend. Es gibt mehr Menschen, die mit Zelt losziehen wollen, so wie man das aus Schweden oder den USA kennt. Um Wildcamping und die damit verbundenen Entsorgungsprobleme zu verhindern, schaffen viele Regionen gezielte Angebote: offizielle Trekkingplätze mit einfachen Holzhütten, Komposttoiletten und Wasseranschluss. Das ist auch für Familien mit Kindern ein tolles Abenteuer, weil reguläre Hotelübernachtungen für Familien im Urlaub oft schlicht zu teuer sind.
taz: Ist das ein echtes Zukunftsmodell oder spült es am Ende zu wenig Geld in die Kassen, weil diese Wandernden nicht in Hotels übernachten?
Sievers: Auch wer Trekking macht, kehrt gerne mal in Gasthäusern ein oder kauft im Ort ein. Völlig ohne Wertschöpfung bleibt so ein Urlaub also nicht. Inzwischen betrachtet man die Sache jedoch auch aus einer anderen Perspektive. Es ist eine langfristige Investition. Wer zum Trekking etwa in den Schwarzwald kommt, knüpft positive Erinnerungen an die Landschaft. Fünf oder zehn Jahre später kommt man wieder, möchte mittlerweile aber nicht mehr auf dem harten Boden schlafen – und bucht ein Hotelbett.
taz: Was war denn Ihre letzte Region, die Sie so richtig begeistert hat?
Sievers: Wir haben viele tolle Regionen, aber besonders gefallen hat mir das Weserbergland. Diese Landschaft ist unglaublich vielfältig und bietet tolle Aussichten. Doch selbst in vermeintlich unscheinbaren Regionen wie der Altmark, dem flachen Nordzipfel von Sachsen-Anhalt, mit großen Feldern und kleinen Wäldern, gibt es fantastische Ecken zum Wandern.
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