Verkehrswende in Hamburg: Radverkehr verharrt auf hohem Niveau
Trotz aller Anstrengungen des rot-grünen Senats stagniert der Fahrradverkehr in Hamburg. Der Winterdienst lässt zu wünschen übrig.
Die Nachricht klingt zunächst einmal prima: Laut Zahlen der Hamburger Verkehrsbehörde fahren die Hamburger mehr Fahrrad. Im Jahr 2025 hat die Zahl der Fahrten um vier Prozent zugenommen, während die Zahl der Autofahrten abnahm. Geht man bei den Vergleichsjahren weiter zurück, wird die Entwicklung noch deutlicher. Seit 2020 stagnieren die Zahlen jedoch.
Die Steigerung des Radverkehrs soll dazu beitragen, den Verkehr zu dekarbonisieren und damit den Treibhauseffekt zu dämpfen. 2023 stammten 28 Prozent der Hamburger Kohlendioxid-(CO2-)Emmissionen aus dem Verkehrssektor, wie dem jüngsten Sachstandsbericht des Hamburger Klimabeirats zu entnehmen ist. Der Rest kommt von den privaten Haushalten, dem Gewerbe und der Industrie – wobei der Verkehr unter allen Sektoren am meisten CO2 in die Luft bläst.
Trotzdem sind die Minderungsziele des Verkehrs mit 54 Prozent bis 2030 gegenüber 1990 vergleichsweise bescheiden. Die anderen Sektoren sollen bis 2030 ihre Emissionen um 70 bis 80 Prozent herunterfahren. Bis dato hat der Verkehr seinen Ausstoß mit 38 Prozent deutlich weniger reduziert als die Industrie (49 Prozent), das Gewerbe (46) und die Haushalte (39).
Dass das überhaupt gelang, liegt nicht zuletzt an einer Änderung des Modal Split, also der Verteilung der Fahrten auf die unterschiedlichen Verkehrsträger: Fuß, Fahrrad, Busse und Bahnen, motorisierter Individualverkehr. Dabei ist der Anteil der Wege, die mit dem Auto, Motorrad oder Lastwagen zurückgelegt wurden, seit 2008 von 39 auf 29 Prozent zurückgegangen. Bis 2030 soll er auf 20 Prozent gedrückt werden.
Immer mehr Fußgänger
Im Jahr 2023 legten die Hamburger:innen 32 Prozent ihrer Wege zu Fuß zurück, 23 Prozent mit dem öffentlichen Nahverkehr und 16 Prozent mit dem Fahrrad. Im Vergleich zu 2008, als der Anteil des Radverkehrs bei 13 Prozent lag, erscheint das Wachstum besonders beeindruckend. Laut Verkehrsbehörde betrug der Zuwachs 2025 gegenüber dem Vor-Corona-Jahr 2019 rund 32 Prozent und gegenüber dem Jahr 2000 sogar 118 Prozent.
Der Kraftfahrzeugverkehr nahm dagegen seit 2019 um 12 Prozent und seit 2000 um 19 Prozent ab. Im Jahr 2025 sank die Zahl der in Hamburg zugelassenen Autos um 3.000, obwohl die Einwohnerzahl weiter wuchs.
Allerdings verstellen die Zuwachszahlen beim Radverkehr den Blick dafür, dass die Radverkehrszahlen seit ihrem Höhepunkt stagnieren. 2023 und 2024 waren sie sogar gesunken. Zwar dürfte der Höhepunkt 2020 der Corona-Krise zuzuschreiben sein, wie der Klimabeirat feststellt. Doch gemessen am Ziel des Senats reicht es nicht aus, dieses Niveau zu halten. Bis 2030 will der Senat einen Radverkehrsanteil von 25 bis 30 Prozent erreichen.
Ein Mittel dazu ist der Aus- und Neubau von Radverkehrsanlagen. Von 2020 bis 2025 wurden in Hamburg nach Angaben der Verkehrsbehörde insgesamt 343 Kilometer Radwege neu gebaut oder saniert. Mit nur 50 Kilometern wurde im vergangenen Jahr allerdings so wenig gebaut wie nie seit 2020.
Dirk Lau, Sprecher des ADFC Hamburg
Während die Verkehrsbehörde das mit üblichen Schwankungen etwa durch die Witterung erklärt, vermuten die Linke und der Allgemeine Deutsche Fahrradclub (ADFC), dass es am Parkplatzmoratorium liegen könnte, das Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD) im zurückliegenden Wahlkampf verkündet hat. Dabei wird bei allen Planungen geprüft, ob Parkplätze wegfallen dürfen oder nicht.
Hamburgs ADFC-Presseprecher Dirk Lau sieht die Lage gar nicht so pessimistisch. „Die Grundtendenz ist, dass die Menschen das Radfahren für sich entdecken“, sagt er. Jetzt komme es darauf an, das durch eine aktive Verkehrspolitik zu unterstützen. Leider werde die von dem grünen Senator Anjes Tjarks geführte Vekehrsbehörde dabei von der Innen- und der Unteren Straßenverkehrsbehörde sowie vom Koalitionspartner SPD ausgebremst.
Dabei komme es auch darauf an, das Fahrradfahren für alle attraktiv und sicher zu machen, was oft durch aufwendige Bauten wie Hochbordradwege aber auch durch einfache Verwaltungsakte wie das Ausweisen einer Fahrradstraße zu erreichen wäre.
Nicht so gut bewährt hat sich in den Augen Laus der versprochene Winterdienst auf den wichtigsten Radwegen. Diese wurden zwar teilweise geräumt, allerdings nicht konsequent, und es kam zu wiederholten Unterbrechungen durch Matsch oder Eisplatten. „Das wird nach wie vor nicht vorrangig betrieben“, sagt Lau. Dafür würden die Fahrbahnen geräumt, wo sich doch die Autos meist allein durchkämpfen könnten.
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