Verdorbenes Essen im Knast

„Vier Leute hatten Durchfall“

Insassen eines Hamburger Untersuchungsgefängnisses klagen über verdorbene Lebensmittel und gesundheitliche Probleme. Eine Bürgerrechtsorganisation ist alarmiert, die zuständigen Behörden räumen Einzelfälle ein und geloben Besserung.

Schimmeliges Brot, Käse von dubiosem Reifegrad: So etwas bekommen Hamburger U-Häftlinge schon mal auf den Teller. Bild: G. Heim

HAMBURG taz | Übelkeit und Erbrechen, Magenverstimmung und Durchfall: In der Untersuchungshaftanstalt am Hamburger Holstenglacis beschwerten sich gegen Ende vergangenen Jahres verstärkt Häftlinge, sie hätten im Anschluss an die Mahlzeiten gesundheitliche Probleme bekommen. Der Bürgerrechtsorganisation „Komitee für Demokratie und Grundrechte“ in Köln liegen seit November mehrere Berichte vor, wonach im UG verschimmeltes Brot, Käse oder Soßen mit deutlich überschrittenem Haltbarkeitsdatum oder Fischkonserven mit abgekratzten Verfallsdaten an die Inhaftierten ausgegeben wurden.

„Das ist eine außergewöhnliche Häufung solcher Hilferufe, die besorgniserregend sind“, sagt Christian Herrgesell vom Grundrechte-Komitee. Bislang hätten Beschwerden der Insassen jedoch lediglich Schikanen und Sanktionen zur Folge gehabt. Würden die potenziell gesundheitsgefährdenden Nahrungsmittel aus „Kostengründen“ vorsätzlich verteilt, könne das als Körperverletzung angesehen werden.

Einige Häftlinge reden gar von „versuchtem Totschlag“: Selbst an Weihnachten sei verschimmeltes Brot ausgegeben worden. Beschwerden – die der taz vorliegen – würden mit den Worten beschwichtigt, niemand müsse solches Schimmel-Brot verzehren und könne frisches Brot verlangen. Nicht immer allerdings soll dieser Ersatz auch wirklich vorrätig gewesen sein.

Und als bei der Verteilung von Käse Gefangene darauf aufmerksam machten, dass das Verfallsdatum beinahe ein ganzes Jahr zurückliege, sei der Käse beim nächsten Mal ausgepackt serviert worden. Allein auf einer Station, sagt ein Inhaftierter, hätten danach „vier Leute Durchfall gehabt“.

Die Untersuchungshaftanstalt liegt im Herzen Hamburgs zwischen dem Messegelände und der Parkanlage "Planten un Blomen".

Erbaut wurde das Gefängnis 1881, eine Erweiterung folgte 1930. Der Komplex beherbergt auch das Zentralkrankenhaus für Hamburger Strafhäftlinge mit 63 Betten.

680 Haftplätze gibt es für Männer ab 21 Jahren, 63 Plätze für Frauen ab 14 Jahren. Umschluss, also Kontakt zu anderen Gefangenen, gibt es in der Regel nicht. Am Holstenglacis verbringen die Inhaftierten 23 Stunden in der Zelle, eine Stunde lang ist Hofgang. Alle 14 Tage kann für eine Stunde Besuch empfangen werden.

Die Hamburger Justizbehörde bestätigt, dass 2014 bei einer Lieferung Schmelzkäse das Haltbarkeitsdatum außen auf dem Karton mit 8. Januar 2015 angegeben gewesen sei, auf den einzelnen Verpackungen habe jedoch „08. 01. 14“ gestanden. Nach Angaben von Behördensprecher Sven Billhardt hat sich die Gefängnisküche bei dem Lieferanten rückversichert, dass das außen aufgedruckte Datum stimme, „erst dann wurden die Portionen an die Gefangenen ausgegeben“. Zukünftig würden derartig falsch deklarierte Lebensmittel reklamiert, beteuert er.

Auch das Problem verschimmelten Brots sei nicht unbekannt: Für das UG Holstenglacis werde in der Bäckerei in der Haftanstalt Hamburg-Fuhlsbüttel gebacken – ohne Konservierungsstoffe. „Aus hygienischen Erfordernissen wird das Brot nach dem Backvorgang – oft noch warm – in eine Plastikfolie verpackt“, sagt Billhardt, und durch Kondenswasser könne es gelegentlich zu Schimmelbildung kommen. Um das zu vermeiden, sollen Bedienstete das Brot nach Anlieferung aus der Plastikfolie nehmen und bis zur Ausgabe in Brotkisten aufbewahren. „Falls trotzdem aus Versehen verschimmeltes Brot ausgegeben wird, wird es umgehend getauscht“, unterstreicht Billhardt. „Der betroffene Gefangene bekommt frisches Brot.“

Beschwerden über Konserven mit abgelaufenen Haltbarkeitsdatum oder schlechter Mayonnaise seien ihm nicht bekannt, sagt der Behördensprecher. Laut dem Ambulanzarzt am Holstenglacis habe es in diesem Zusammenhang auch keine Erkrankungen gegeben „Das ist klar, dass man so etwas ungern zugibt,“ sagt dazu ein Anwalt mit Mandanten im Untersuchungsgefängnis.

Dass Zustände wie die nun bekannt gewordenen „monatelang von der Öffentlichkeit unbemerkt bleiben konnten“, sagt Bürgerrechtler Herrgesell vom Grundrechte-Komitee, liege auch daran, „dass Untersuchungsgefangene noch restriktiveren und miserableren Besuchs- und Kommunikationsbedingungen ausgesetzt sind, als dies bei inhaftierten im Strafvollzug der Fall ist. Er forderte Justizsenatorin Jana Schiedek (SPD) auf, „umgehend“ für Aufklärung zu sorgen und diese Zustände „zu beenden“.

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