Verdacht gegen Brasiliens Präsidenten

Alles nur ein Missverständnis?

Für manche ist es Zufall, dass der Mörder von Marielle Franco in der Wohnanlage von Jair Bolsonaro auftauchte. Ein bisschen viel Zufall, finden andere.

Eine Frau hält ein Schild mi dem Namen "Marielle Franco" in die Höhe. Vor ihr steht ein Polizist mit Helm und Schild.

São Paulo am Donnerstag: Protest nach den Anschuldigungen gegen Präsident Bolsonaro Foto: reuters

SãO PAULO taz | Hat er etwas damit zu tun? Oder ist alles nur ein großes Missverständnis? Seit Dienstagabend diskutiert Brasilien über eine mögliche Verwicklung von Präsident Jair Bolsonaro in den Mord an der linken Stadträtin Marielle Franco.

In der allabendlichen Nachrichtensendung „Jornal Nacional“ hatte der Fernsehsender Globo die Bombe platzen lassen: Laut der Aussage eines Pförtners von Bolsonaros Wohnanlage soll ein Verdächtiger kurz vor dem Mordanschlag versucht haben, ihn dort aufzusuchen. Eine Person, die der Pförtner als Jair Bolsonaro identifizierte, soll ihm über die Gegensprechanlage den Einlass erlaubt haben. Allerdings: Bolsonaro war an jenem Tag in der Hauptstadt Brasília.

Der Verdächtige soll stattdessen den mutmaßlichen Mörder, der ebenfalls in der Wohnanlage lebte und mittlerweile in Untersuchungshaft sitzt, aufgesucht haben. Die beiden Männer sollen kurz darauf gemeinsam die Anlage verlassen haben – wahrscheinlich, um Marielle Franco zu ermorden. Die Politikerin des Linkspartei PSOL wurde am 14. März 2018 zusammen mit ihrem Fahrer auf offener Straße in Rio de Janeiro ermordet. Die Auftraggeber der Tat sind bis heute nicht ermittelt.

Nach den schweren Anschuldigungen meldete sich Bolsonaro mit einem Live-Video aus Saudi Arabien zu Wort und stritt alle Vorwürfe tobend ab. Am Mittwochabend erklärte das Ministério Público, eine Art unabhängige Staatsanwaltschaft, dass der Pförtner gelogen habe und Bolsonaro nicht die Tür aufgemacht habe. Doch es bleiben viele Fragen.

„Wer viel schreit, hat etwas zu verbergen“

Mitten in der Innenstadt von São Paulo steht das Copan-Gebäude. Der wellenförmige Hochhaus wurde vom Stararchitekten Oscar Niemeyer entworfen und war zwischenzeitlich das größte Wohnhaus der Welt. Im Erdgeschoss, neben Friseursalons und Restaurants, befindet sich das „Café Floresta“, ein kleines Kaffee mit braunen Fliesen, gerahmten Zeitungsartikeln und Bildern aus der Kolonialzeit an der Wand.

Ein 53-Jähriger Anwalt, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen will, lehnt lässig am Stehtresen und nippt an einem kleinen Kaffee. „Ich glaube nicht, dass Bolsonaro etwas damit zu tun hat.“ Dass Bolsonaro und der Mörder Nachbarn waren, sei reiner Zufall. „Hier im Copan“, sagt der Mann und zeigt nach oben. „Könnte genauso gut ein Verbrecher leben – neben dem Künstler und der alten Oma“.

Bolsonaro, meint er, spreche viele Wahrheiten aus. Manchmal vergesse er aber einfach, dass er Präsident ist. Auch diesmal habe er mit seiner Reaktion übertrieben. Der rechtsradikale Präsident beschimpfte nach der Veröffentlichung den Sender Globo wüst und drohte sogar damit, ihm die Sendelizenz nicht zu verlängern.

„Für mich ist diese Reaktion sehr verdächtig“, sagt Dulce Muniz. „Wer viel schreit, hat etwas zu verbergen.“ Die kleine Frau mit dem bunten Kleid, Strohhut und Sonnenbrille steht vor einem kleinen Theater am Roosevelt-Platz nur wenige hundert Meter vom Copan-Gebäude entfernt. Hier trifft sich die linksalternative Szene der Megametropole. Muniz ist Regisseurin, Schauspielerin und linke Aktivistin. 1970, während der Militärdiktatur, wurde sie von den Schergen des Regimes verhaftet. Den Namen des brasilianischen Präsidenten, der ein Bewunderer der Folterknechte ist, spricht Muniz niemals aus.

Rolle des Pförtners gibt weiter Rätsel auf

Der Mord an der schwarzen, lesbischen Politikerin Franco habe sie schwer erschüttert. Ob Bolsonaro wirklich etwas damit zu tun hat, sei schwer zu sagen. „Aber mittlerweile gibt es doch ein paar Zufälle zu viel.“ So lebte einer der Verdächtigen in der gleichen Luxus-Wohnanlage wie der Präsident.

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Seine Komplize ließ sich mit Bolsonaro fotografieren. Und Familienmitglieder eines weiteren Verdächtigen waren im Büro von Präsidentenspross Flávio angestellt. Die Verdächtigen sollen allesamt Milizen sein – und der Familie Bolsonaro werden Verbindungen zu diesen paramilitärischen Gruppen nachgesagt.

Die Rolle des Pförtners gibt weiter Rätsel auf. „Irgendjemand hat ihn zu der ersten Aussage gezwungen, um Bolsonaro zu schaden“, sagt der Mann im Copan-Gebäude. Andere Brasilianer*innen vermuten, dass die Ermittlungsbehörden von ganz oben unter Druck gesetzt wurde – und deshalb zurückgerudert wurde.

Es bleiben viele Fragen: Wer spielte Globo die Informationen zu – und warum? Welche Rolle spielen Bolsonaros Söhne? Und hat Bolsonaro vielleicht per Telefon aus Brasília die Gegensprechanlage beantwortet? Nur eins ist klar: Fast 600 Tage nach dem Mord an Marielle Franco ist immer noch unklar, wer ihn in Auftrag gegeben hat.

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