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Wer taub ist und fliehen musste, kämpft mit einer doppelten Benachteiligung. Beim Stammtisch in einem Leipziger Späti unterstützt man sich gegenseitig
Foto: Jana Kieseyer
Aus Leipzig Jana Kieseyer, Rika Hagedorn und Mascha Plücker
Makan“, Arabisch für Raum, steht in geschwungener Schrift über der Tür des Spätis im Leipziger Osten. Für einen Freitag ist noch wenig los. Nanke Maart schaut auf ihr Handy: 18 Uhr. Sie rückt ein paar Stühle zusammen, dann setzt sie sich auf die Fensterbank. Von hier aus hat Maart den ganzen Raum im Blick – eine zusammengewürfelte Einrichtung aus Vintagelampen, zerknautschten Wohnzimmermöbeln und gestapelten Bierkästen.
Die Glastür des Ladens schwingt auf, ein leichter Luftzug: Menschen trudeln ein. Anfangs sind es fünf, dann immer mehr. Zwischen 20 und 60 Personen kommen zum monatlichen Stammtisch des Leipziger Gebärdensprachvereins. „Es reisen sogar einige aus anderen Städten wie Berlin, Dresden oder kleineren umliegenden Städten an“, sagt Maart. Sie ist Mitglied im Verein, organisiert mit anderen den Stammtisch und ist Dolmetscherin für deutsche Gebärdensprache (DGS).
Erneut öffnet sich die Tür: Ahmad Farouk und Fatima Saad treten ein und winken in die Runde. Dann legen sie den Zeigefinger ans Ohr und ans Kinn, um zu fragen: „Hörend oder nicht hörend?“
Nach ihrer Flucht lernten sie sich in Leipzig kennen und sind heute ein Paar. Beim Gebärdensprachstammtisch im Makan können sie sich vernetzen. Etwas, das für sie im Alltag sonst kaum möglich ist. Eigentlich heißen die beiden anders. In diesem Text wollen sie aber unter Pseudonymen auftreten.
Wie viele taube* Geflüchtete in Deutschland leben, ist unklar. Das bundesweite Netzwerk Deaf Refugees geht von 10.000 bis 12.000 Personen aus – offizielle Zahlen gibt es nicht. Denn weder Taubheit noch andere Behinderungen werden im Asylverfahren systematisch erfasst. Dass Personen taub sind, wird deshalb oft nicht erkannt oder fehlinterpretiert.
Wenn Taubheit nicht registriert wird, sind die Bedürfnisse tauber Geflüchteter unsichtbar, sagt Clara Belz, Flüchtlingsbeauftragte des Gehörlosenverbands Berlin. Belz berät Geflüchtete und übersetzt ehrenamtlich als taube Person von deutscher in ukrainische Gebärdensprache. Sie fordert, bei der Registrierung von Geflüchteten ein Ankreuzfeld für Taubheit einzuführen.
Schließlich verpflichtet sich Deutschland mit der unterschriebenen UN-Behindertenrechtskonvention, Gleichberechtigung, Selbstbestimmung und Teilhabe für Menschen mit Behinderung zu gewähren. Wie weit die Realität davon entfernt ist, erleben Ahmad Farouk und Fatima Saad tagtäglich.
„Ich saß in Dresden allein als taube Person im Sprachkurs für Hörende, aber mein Gehör funktioniert ja gar nicht“, erinnert sich Ahmad Farouk. Wie viele taube Geflüchtete konnte er anfangs nur die Gebärdensprache seines Heimatlandes. Durch Zufall erfuhr er von einem Dozenten in Leipzig, der DGS als Zweitsprache unterrichtet.
„Er hat zum Beispiel auf einen Gegenstand gezeigt, uns gefragt, wie wir das gebärden und uns dann die deutsche Gebärde vorgemacht“, erzählt Ahmad Farouk. Fatima Saad belegte den gleichen Kurs, obwohl sie zunächst in Borna, südlich von Leipzig, wohnte. Wie viele musste sie daher pendeln. Denn Dozent*innen, die tauben Geflüchteten DGS beibringen, sind eine Seltenheit.
Während die Betroffenen oft jahrelang auf einen Kursplatz warten, verstreicht wertvolle Zeit. „Solange sind sie isoliert, haben unter Umständen gar keine Kontakte und erhalten auch keine Informationen in Gebärdensprache“, betont Dolmetscherin Maart. „Eine bedarfsgerechte Versorgung sieht definitiv anders aus.“ Das liege auch an der Verteilung tauber Geflüchteter.
Wer in Deutschland Asyl beantragt, wird nach dem sogenannten Königsteiner Schlüssel auf die Bundesländer verteilt, der sich nach Steueraufkommen und Bevölkerungszahl richtet. Innerhalb der Länder koordinieren die Landesbehörden die Verteilung auf Landkreise und Gemeinden.
In Sachsen ist die Landesdirektion zuständig und betont, dass sie an die Quoten gebunden ist. Bedarfe tauber Geflüchteter würden jedoch beachtet, man stehe dazu im Austausch mit dem Stadtverband der Gehörlosen Dresden. Der Verband entgegnet, dass seine Expertise trotzdem nicht berücksichtigt worden sei. Weiterhin seien Personen auf Landkreise verteilt worden – mit der Begründung, dass die Gruppe tauber Geflüchteter „zu klein“ sei.
Dass Fatima Saad für ihren Sprachkurs regelmäßig pendeln musste, lag auch an ihrer Verteilung auf einen Landkreis. Denn Angebote für taube Geflüchtete konzentrieren sich auf Großstädte, erklärt Clara Belz vom Gehörlosenverband. Wer auf Landkreise verteilt wird, sei etwa auf lange Wege angewiesen oder sozial isoliert.
Umso wichtiger ist der Stammtisch für taube Personen im Makan-Späti. Der Stuhlkreis ist mittlerweile bis auf den letzten Platz gefüllt. Ahmad Farouk scheint viele zu kennen – ein kräftiger Händedruck hier, eine Umarmung dort. Zwischen gestapelten Getränkekisten balanciert eine Mitarbeiterin des Spätis dampfendes Essen. Fatima Saads Augen glänzen: „Dieser Geruch, Reis mit Hähnchen – köstlich! Genau wie zu Hause.“ Doch sobald die beiden den Makan-Späti verlassen, sind sie wieder auf sich allein gestellt.
Um sich im Alltag verständigen zu können, sind taube Geflüchtete auf Dolmetschende angewiesen. Nach dem sächsischen Inklusionsgesetz haben sie das Recht, mit Landesbehörden in deutscher Gebärdensprache zu kommunizieren. Auf kommunaler Ebene gilt das Gesetz aber nicht, da kommt es auf die Behörden an. Und die meisten sind nach der Erfahrung von Dolmetscherin Maart gehemmt oder sträuben sich, Dolmetschende zu beauftragen. So müssen Betroffene häufig selbst aktiv werden: „Wenn ich mit einer hörenden Person reden will, muss immer ich Dolmetschende organisieren“, sagt Ahmad Farouk.
Ein weiteres Problem: Es gibt zu wenige. Ahmad Farouk und Fatima Saad erzählen, dass Dolmetschende oft schon Wochen im Voraus ausgebucht sind. Das sächsische Sozialministerium bestätigt auf Anfrage der taz diesen Mangel. Der Bedarf an Leistungen sei in den vergangenen Jahren kontinuierlich gestiegen, das Angebot an Dolmetschenden aber nicht gleichmäßig mitgewachsen.
Für die Betroffenen kann das gravierende Folgen haben. „In allen Situationen, wo ich allein bin, ohne Dolmetschende, falle ich ständig auf die Schnauze“, sagt Ahmad Farouk. Der Gehörlosenverband berichtet von Fällen, in denen taube Geflüchtete wegen fehlender Verdolmetschung kurz vor einer Abschiebung gestanden hätten – obwohl sie die Voraussetzungen für ein Bleiberecht erfüllten.
Während der Mangel an Dolmetschenden auch taube Deutsche betrifft, werden taube Geflüchtete bei der Anerkennung ihrer Behinderung oft zusätzlich benachteiligt. So wurden bei Ahmad Farouk und Fatima Saad nur ein Behinderungsgrad (GdB) von 80 anerkannt. Damit haben sie Anspruch auf bestimmte Dolmetschleistungen, aber nicht auf das monatliche Gehörlosengeld von 150 Euro.
Dieses Gehörlosengeld soll Nachteile ausgleichen, die durch die Behinderung verursacht werden. Ahmad Farouk nennt als Beispiel einen Autoschaden: „Wenn der Motor mal defekt ist, höre ich das nicht. Ich fahre weiter und bei der Reparatur heißt es: Totalschaden. Taube sind dann wie die Blöden.“
Seit acht Jahren setzt er juristisch alle Hebel in Gang, um auf den vollen GdB zu kommen. Bislang ohne Erfolg. „Taube aus Deutschland haben meistens 100 Grad und ich fühle mich da ungerecht behandelt“, sagt Farouk. Für einen höheren GdB scheitert es an Nachweisen. Das in Leipzig zuständige Sozialamt erklärt, dass Antragstellende nach dem sächsischen Landesblindengeldgesetz belegen müssen, dass sie vor dem siebten Lebensjahr ertaubt sind. Genau das ist für Geflüchtete aber häufig nicht möglich.
So auch bei Ahmad Farouk und Fatima Saad, denen aus ihrer Heimat keine entsprechenden Unterlagen vorliegen. Für taube Deutsche hingegen ist es einfacher, Nachweise zu organisieren. Letztendlich hängt die Anerkennung des GdBs aber auch bei ihnen vom zuständigen Sozialamt ab.
Ahmad Farouk
Nanke Maart vom Gehörlosenverband fordert eine Ausnahmeregelung für taube Geflüchtete: „Wenn Ämter Dokumente verlangen, von denen klar ist, dass diese nie ausgestellt wurden oder aus Ländern im Krieg nicht beschafft werden können, wird am Ende Geld zu Lasten tauber Geflüchteter gespart.“
Für Maart ist diese Benachteiligung Ausdruck eines strukturellen Problems. „Die absolute Unwissenheit über den Umgang mit tauben Menschen macht eigentlich jede Situation zu einer Diskriminierung“, sagt sie und fordert mehr Menschen mit Fachwissen in Entscheidungspositionen.
Der Stadtverband der Gehörlosen Dresden sieht auch die Mehrheitsgesellschaft in der Verantwortung: „Es ist schwierig für unsere Community, in der privilegierten Gesellschaft des Hörens Gehör zu finden, weshalb wir auf Allies angewiesen sind.“
Der Stammtisch im Makan-Späti ist deshalb auch offen für Hörende. Ahmad Farouk und Fatima Saad freuen sich, mit Menschen aus der hörenden Welt in Kontakt zu kommen – mal mit Dolmetscher*in, mal mit Blickkontakt, gängigen Gebärden und Zeigen auf Gegenstände. So entstehen Gespräche auch ohne gemeinsame Sprache.
*Wir verwenden den Begriff „taub“ statt „gehörlos“, weil taub von vielen Menschen aus der Community als Selbstbezeichnung genutzt wird. Der Begriff betont nicht nur den Hörstatus, sondern auch die Zugehörigkeit zu einer sprachlichen und kulturellen Gemeinschaft.
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