Ungesunde Partikel: Weniger Plastik in der Luft als erwartet
Laut einer neuen Studie wurde die Menge kleinster Plastikteilchen in der Atmosphäre bislang überschätzt. Entwarnung bedeutet das aber nicht.
In Zahnpasta, Kleidung, in den Meeren und sogar der Atmosphäre: Plastik umgibt uns. Statt sich aufzulösen, zerfällt es in immer kleinere Partikel. Forschende können inzwischen in nahezu jedem Winkel unserer Erde sogenanntes Mikroplastik nachweisen. Ein Forschungsteam der Universität Wien hat nun aber berechnet, dass die globale Menge an Mikroplastik wesentlich geringer sein könnte als bislang vermutet.
Die Forschenden schreiben im Fachjournal Nature, dass das Mikroplastik in der Atmosphäre laut ihren Modellen zwischen 100- und 10.000-mal weniger sein könnte als wissenschaftliche Untersuchungen bislang annahmen. Als Mikroplastik zählen Partikel meist bei einer Größe von einem bis fünf Mikrometer. Ein Mikrometer ist ein Tausendstel eines Millimeters.
„Die Studie zeigt, dass die globalen Mikroplastikkonzentrationen in der Atmosphäre geringer sind als bisher angenommen“, sagt Ankush Kaushik, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Leibniz-Institut für Troposphärenforschung in Leipzig.
Das Team um die Hauptautorin Ioanna Evangelou hat Messungen aus vorherigen Studien aus den Jahren 2014 bis 2024 und von mehr als 280 Orten weltweit herangezogen. Für ihre Untersuchung nutzten die ForscherInnen Konzentrations- und Ablagerungsraten von Mikroplastik aus der Atmosphäre. Im nächsten Schritt simulierten sie verschiedene Modelle, um die Werte in einem globalen Maßstab miteinander zu vergleichen.
Trotzdem: enorm viel Mikroplastik – und Nanoplastik
Die Luft über Land war dabei im Median zwanzigmal stärker mit Mikroplastik angereichert als über dem Meer. Zu Lande entstünden die Plastikpartikel der Studie zufolge vor allem durch die Industrie und den Reifenabrieb von Autos. Das Team schätzt, dass vom Land etwa 610 Billiarden – das entspricht 610 Millionen Milliarden – Mikroplastikpartikel pro Jahr in die Atmosphäre gelangen. Kurz gesagt: enorm viel. Dennoch liegt dieses Ergebnis deutlich unter der Menge bisheriger Studien.
Ankush Kaushik, der am Leibniz-Institut für Troposphärenforschung ebenfalls an Mikroplastik forscht, aber selbst nicht an der aktuellen Studie beteiligt war, sagt: „Die Ergebnisse sollten mit Vorsicht kommuniziert werden, da niedrigere globale Konzentrationen nicht bedeuten, dass Mikroplastik in der Atmosphäre unwichtig ist.“ Um das Ausmaß besser zu verstehen, seien einheitliche Messmethoden, gleichmäßiger verteilte Messstandorte und die Erkennung noch kleinerer Plastikpartikel erforderlich.
Der gesamte Globus ist von der Verschmutzung durch Plastik in allen Formen, Farben und Fabrikationen betroffen. Selbst in den entlegensten Ökosystemen wie der Tiefsee wurde bereits Mikroplastik nachgewiesen.
Dass bisherige Messungen laut der Wiener Studie das Mikroplastik in der Atmosphäre derart überschätzt haben, sagt vor allem aus, dass die Forschungsmethoden noch präziser werden müssen. In China haben ForscherInnen Proben mit dem Elektronenmikroskop untersucht. Dabei haben sie eine höhere Konzentration noch winzigeren Nanoplastiks festgestellt als bislang.
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