Umweltprojekt für Grundschulen: Ackern mal anders

Mit Hilfe der Ackerdemia pflanzen Grundschulkinder Gemüse an – oft auf dem eigenen Schulhof. Eine Lektion in Sachen Ernährung und Umweltschutz.

Beste Freunde: Schülerin Emma und der Regenwurm Foto: Stefanie Loos

BERLIN taz | Melis ist aufgeregt: Ihre Klassenkameradin hat einen Regenwurm entdeckt. „Ich will ihn auch mal anfassen“, bittet sie. Die 9-Jährige nimmt den sich windenden Körper vorsichtig in die Hand und betrachtet ihn interessiert. Nach einer Weile entlassen die beiden das Tier zurück in die Erde. „Früher hatte ich Angst vor Regenwürmern. Ich dachte, dass sie mir vielleicht was tun“, berichtet das schwarzhaarige Mädchen. Doch hier auf dem Acker der Carl-Schurz-Grundschule in Spandau hat sie gelernt, dass Regenwürmer nicht nur harmlos, sondern sogar nützlich sind.

Neben dem Schulgebäude gibt es einen abgezäunten Garten mit ein paar jungen Obstbäumen, mehreren Hochbeeten und vor allem dem „Acker“ – den zehn länglichen Beeten. Auf einem drängen dunkelgrüne Kartoffelpflanzen aus der Erde, auf einem anderen wachsen Kohlrabi, Fenchel und Rote Bete – alles sehr akkurat und mit ausreichendem Abstand. Kein Wildkraut ist den Kinderhänden entgangen.

Pflanztag für die 3d

Heute ist für acht Mädchen und Jungen aus der 3d ihr zweiter Pflanztag. Birte Führing vom Verein Ackerdemia setzt sich mit den Kindern in einen Kreis und stellt eine Kiste mit Töpfen in die Mitte. Die Tomatenpflanzen erkennen mehrere – aber Gurken, Zucchini und Kürbisse sehen sich doch sehr ähnlich. Und was ist das mit den schmalen, länglichen Blättern? „Vielleicht Schnittlauch?“, überlegt Matilda. Tim entdeckt das Schild am Topf und verkündet stolz, dass es sich um Mais handelt.

Nun lässt die Acker-Coachin die Kinder schätzen, wie hoch die Pflanzen wohl zur Erntezeit sein werden, und fordert sie auf, sich die vermutete Höhe gut zu merken. Dann schüttet die 32-Jährige nur einen Millimeter große, silbrige Körner auf ihre Hand und geht im Kreis herum, damit alle sie gut sehen können: „Aus diesen winzigen Samen werden große Endivien-Salate“, verspricht sie. Die Kinder staunen.

Einbuddeln, ernten, essen: Die Schüler Lionel, Luca, Matilda und Emma (v.l.) pflanzen Tomaten Foto: Stefanie Loos

Nun aber geht es ans Tun. Alle schnappen sich Schaufeln und Handschuhe, die in großen Blumentöpfen bereitstehen. Führing verteilt laminierte Pflanzpläne für die jeweils zwei Meter langen und einen Meter breiten Beete, die die höheren Klassen im vergangenen Herbst angelegt haben. Ein Junge drückt den Holzstiel einer Hacke in die lockere Erde, um damit die drei vorgegebenen Reihen zu kennzeichnen: Dieses Beet sollen sich Gurken und Mais teilen. Die Abstände werden mit der Länge der kleinen Schaufeln gemessen; alle sind vorsichtig und bleiben auf den festgetrampelten Wegen.

Jedes Kind bekommt einen Topf und muss die Lochtiefe selbst herausfinden. Nur Luca kann nicht voll mitmachen, weil er eine Armschiene tragen muss. Deshalb ist er heute der Gießmeister und darf die Pflanzlöcher mit Wasser befüllen. Die Setzlinge aus den Töpfen zu pressen, ohne die Wurzeln zu verletzen, ist für manche gar nicht so einfach. Die Religions- und Ackerlehrerin Jeanette Tschirschky macht vor, wie es geht. Ihr Lebenskunde-Kollege Metin Aydin zeigt, wie sich ein kleiner Wall um jede Pflanze bauen lässt, damit das Regenwasser nicht gleich wegfließt. Beide gehören in der Carl-Schurz-Grundschule zum Gemüseackerdemie-Team. „Das passt gut. Bei uns im Unterricht geht es ja oft Themen wie die Bewahrung der Schöpfung oder warum der Milchpreis so niedrig ist und was das bedeutet“, sagt Tschirschky.

Mehrfach preisgekröntes Projekt

Die Kinder mulchen das Gemüse mit Grasschnitt – so muss man viel weniger gießen

Der Unterrichtsraum von Metin Aydin liegt direkt über dem heutigen Garten. Schon länger hatte er ein Auge auf das zugewucherte Gelände geworfen. Zusammen mit dem Hausmeister und einigen anderen machte er es urbar und stellte die ersten Hochbeete auf. Als eine Mutter dann über das Ackerdemia-Angebot berichtete, waren Metin Aydin und seine Kollegin gleich interessiert.

Etwa 40 Schulen und 30 Kitas in Berlin machen inzwischen mit beim Projekt GemüseAckerdemie. Das mehrfach ausgezeichnete Bildungsprogramm des Vereins Ackerdemia startete 2014 in Kreuzberg und breitet sich inzwischen im gesamten deutschsprachigen Raum aus. Wo immer es geht, werden Beete auf dem Schul- oder Kitagelände angelegt. Ist das aufgrund von Versiegelung nicht möglich, gibt es Hochbeete oder es wird ein Grundstück in der Nähe gesucht wie im Fall einer Neuköllner Schule, die eine Parzelle in einer benachbarten Kleingartenkolonie nutzt.

Das Ackerdemia-Team bietet den Schulen eine Art Rundum-sorglos-Paket. Am Anfang nehmen ein bis drei Leh­re­r*in­nen pro Schule an Fortbildungsworkshops teil: Acker-Coaches wie Birte Führing bringen ihnen die praktischen Grundlagen bei und helfen auch später, das Wissen an die Kinder weiterzugeben. Bei ihnen handelt es sich um kundige Menschen, meist Biogemüse- oder erfahrene Hobbygärtner*innen.

„Auch wenn ich selbst vom Land komme, habe ich da noch mal viel gelernt – zum Beispiel über den ressourcenschonenden Umgang mit Wasser“, berichtet Tschirschky. Nur bei starker Trockenheit werden die Pflanzen auf den Schulackern gegossen, ansonsten ist Mulchen mit Grasschnitt oder ausgerissenen Wildkräutern angesagt. Auch die Verwendung von Brennnesseljauche als gutes Mittel gegen Läuse und zum Düngen hat die 42-Jährige bei den Workshops kennengelernt.

Vier Jahre lang begleitet die Gemüseackerdemie jeden Lernort. Damit sich die Päd­ago­g*in­nen ganz entspannt auf die Gestaltung des Unterrichts konzentrieren können, bekommen sie Anbauplanung, Pflanzen und Bildungsmaterialien geliefert. Im ersten Programmjahr erscheinen die Acker-Coaches viermal auf dem Feld und helfen beim Pflanzen und Säen, danach immer seltener. Wenn sie es wollen, können die Schulen aber auch nach der Betreuungsphase weiter Pflanzen, Pläne und pädagogisches Material beziehen.

Die Acker­leh­re­r*in­nen an der Carl-Schurz-Grundschule treffen die 3d jede Woche für 90 Minuten. Zunächst haben die Kinder ein paar Minuten Zeit um zu schauen, was sich seit dem letzten Mal verändert hat. Dann werden Fragen besprochen – warum zum Beispiel die Pflanzen im Hochbeet schneller wachsen als auf dem Feld oder wer für die Löcher in den Kohlrabiblättern verantwortlich ist. Danach hacken und jäten alle. Häufig schwärmt eine Gruppe auch aus, um Brennnesseln auf dem weitläufigen Gelände zu schneiden und damit Sud anzusetzen.

Hier wächst mal Salat Foto: Stefanie Loos

Als vor ein paar Wochen die ersten Radieschen reif waren, durften die Kinder sie ernten. Gemeinsam haben sie die kleinen Knollen angeschaut und jeder hat daran gerochen. Nach dem Aufschneiden bekamen sie ein Stück und sollten es eine Minute lang im Mund behalten, um ganz genau hinzuschmecken.

Der Ackerunterricht eröffnet den Mädchen und Jungen nicht nur den Zugang zu Gemüseanbau, Bienen und Kellerasseln, sondern bringt ihnen auch die Vorteile von Mischkultur und Sortenvielfalt nahe. Wenn es regnet, schrei­ben sie Pflanzen-Steckbriefe oder veranstalten ein Gemüse-Bingo. Neben allseits bekanntem Sorten sprießen auf den Beeten auch traditionelle Kulturen wie Stoppelrüben oder Palmkohl. Die Pflanzpläne der jeweils 7 bis 14 Beete sind darauf abgestimmt, was gut zusammenpasst und sich gegenseitig vor Schädlingen schützt.

Schulen co-finanzieren selbst

Um mitmachen zu können, müssen Schulen und Kitas durchschnittlich ein Drittel der Kosten selbst beitragen. Ein Eigenanteil steigert erfahrungsgemäß die Wertschätzung und erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass das Projekt auch längerfristig weitergeführt wird, begründet Regionalmanagerin Christiana Henn diese Vorgabe. Wie in der Carl-Schurz-Grundschule besorgen häufig die Fördervereine das Geld. Den Rest der Finanzierung übernehmen Unternehmen, Stiftungen oder Krankenkassen. Bei hoher Nachfrage gibt es eine Warteliste, bis ein solcher Förderpartner gefunden ist.

Die Klassenlehrerin der 3d, Jeanette Genzmann, überzeugt das pädagogische Konzept. „Hier arbeitet jeder mit jedem zusammen; die Kinder wachsen toll zusammen.“ Offenbar erdet das praktische Tun auch ansonsten hibbelige oder verhaltensauffällige Jungen und Mädchen: Alle gehen mit Tieren und Pflanzen vorsichtig und achtsam um. Die Sozialarbeiterin Stephanie Schlüter ist ebenfalls sehr angetan: „Die Kinder bekommen ein Urverständnis dafür, dass Veränderungen Zeit brauchen.“ Sie nutzt den Garten jetzt oft für ihre Gespräche.

Der heutige Pflanztag geht zu Ende. Birte Führing verteilt Schildchen und Stifte, damit alle auch noch in ein paar Wochen wissen, was da jetzt wächst. So lernt die 3d ganz nebenbei auch noch, wie Zucchini und Endivie geschrieben werden. Zu Hause werden viele ihre zum Teil liebevoll gestalteten Ackertagebücher um ein paar Zeilen und Zeichnungen bereichern. „Bei dem Projekt lernen die Kinder fächerübergreifend und ganzheitlich“, fasst Klassenlehrerin Genzmann zusammen.

Bevor sie sich vom Acker macht, hat sich Melis noch schnell eine Lupe geholt, um einen Käfer zu betrachten. Sie freut sich schon auf die Ernte nach den Sommerferien. Vielleicht bereitet Schulkoch Robert Seyfarth dann zusammen mit ihnen was Leckeres daraus zu? Lust hat er, sagt der 43-Jährige, der vor Ort kocht und den Mensaplan alle zwei Wochen mit einer anderen Klasse zusammenstellt. Doch bis es so weit ist, müssen die Kürbis-, Tomaten- und Zucchinipflanzen erst einmal blühen, Früchte ansetzen – und reifen. Melis und ihre Klas­sen­ka­me­ra­d*in­nen werden das genau beobachten.

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