Umstrittener NFL-Trainer hört auf: Jede Menge Hass

Football-Trainer Jon Gruden von den Las Vegas Raiders zog über Frauen, Schwarze, Schwule und Queers her. Nach wachsendem Druck trat er nun zurück.

Jon Gruden bei einer Besprechung mit seinen Spielern am Seitenrand

Im Kreise seiner Spieler: Jon Gruden vergangene Woche bei der Partie gegen die Los Angeles Chargers Foto: Robert Hanashiro/USA TODAY Sports

Jetzt hat er dann also doch die Konsequenzen gezogen. In der Nacht zu Dienstag trat Jon Gruden als Cheftrainer der Las Vegas Raiders zurück. Über den Twitter-Account des Klubs verkündete er: „Ich liebe die Raiders und möchte keine Belastung sein. Vielen Dank an die Spieler, Trainer, Angestellten und Fans. Ich wollte niemals irgendjemanden verletzen.“

Genau das aber hatte Gruden, eine der schillerndsten Figuren im Profi-Football, getan. Er hatte nicht nur irgendjemanden verletzt, sondern nahezu alle verfügbaren Minderheiten und ein paar der mächtigsten Männer im Football-Geschäft. In alten E-Mails von Gruden, die in den vergangenen Tagen auftauchten, beleidigte und erniedrigte der Trainer neben Frauen, Schwarzen, Schwulen und Queers auch noch den NFL-Chef Roger Goodell und den Vorsitzenden der Spielergewerkschaft, DeMaurice Smith.

Smith, einen Afroamerikaner, beschrieb Gruden in zehn Jahre alten E-Mails, die vergangenen Freitag vom Wall Street Journal veröffentlicht wurden, als Menschen „mit Lippen wie Michelin-Reifen“. Der Trainer entschuldigte sich prompt: „Ich kann nur sagen, ich bin kein Rassist. Ich bin beschämt, dass ich Smith beleidigt habe.“ Stattdessen hätte er schon öfter den Begriff „Gummi­­lippen“ benutzt, wenn er fand, dass jemand lügen würde.

Die Entschuldigung wurde weitgehend akzeptiert, die Äußerungen selbst von einer NGO, die für mehr Diversität in der NFL Lobbyarbeit betreibt, nur als „unsensibel“ charakterisiert, und Gruden stand am Sonntag noch an der Seitenlinie gegen die Chicago Bears. Nach der verlorenen Partie solidarisierten sich mehrere Raiders-Profis mit ihm. Der Tenor: Die Sache liegt lange zurück, und Gruden reißt bekanntlich gern mal die Klappe auf, aber er ist kein schlechter Kerl.

Gegen Schiedsrichterinnen in der NFL

Dann wurden weitere Mails veröffentlicht, diesmal von der New York Times, die jüngsten erst drei Jahre alt. In denen bezeichnete Gruden den NFL-Boss Goodell nicht nur als „Schwuchtel“ und „ahnungslose Pussy“, sondern unterstellte zudem, er solle die Verantwortlichen der Los Angeles Rams unter Druck gesetzt haben, sich beim Draft für Michael Sam zu entscheiden, der sich kurz zuvor als homosexuell geoutet hatte.

Außerdem macht Gruden in den E-Mails klar, dass er gegen Schiedsrichterinnen im Football ist, findet, Spieler, die gegen Rassismus auf die Knie gehen während der Nationalhymne, sollten gefeuert werden, und bezeichnete auch den damaligen Vize-Präsidenten Joe Biden als „nervöse, ahnungslose Pussy“. Das war dann doch zu heftig: Nach einem Treffen mit Raiders-Besitzer Mark Davis und dem Vernehmen nach erheblichem Druck von der NFL-Leitung musste der 58-jährige Gruden seinen Hut nehmen.

Gruden war während seiner Karriere niemals unumstritten. Als Coach gewann er zwar 2003 die Super Bowl, lieferte sonst aber eher durchwachsene Ergebnisse. Die Raiders, bei denen er 2018 einen 100 Millionen Dollar schweren Zehnjahresvertrag unterschrieb, bewältigten unter ihm zwar den historischen Umzug von Oakland in die Spielerstadt Las Vegas, treiben sich aber schon länger im Tabellenkeller herum.

Zu wirklich großer Form lief Gruden eher als TV-Experte auf. Acht Jahre lang kommentierte er das Montagsspiel der NFL. Als euphorischer Analyst, der kein Blatt vor den Mund nimmt, wurde er zum Star dieser Schaufensterübertragung der Liga und stieg zum bestbezahlten Angestellten des Sport-Senders ESPN auf. Gruden und sein Spitzname „Chucky“, den ihm eine gewisse Ähnlichkeit mit der „Mörderpuppe“ aus dem gleichnamigen Horrorfilmen eingebracht hatte, wurde zu einer Marke, die ihm lukrative Werbeverträge mit Fast-Food-Ketten, mexikanischem Bier oder Sportsocken einbrachte.

Nun wurde sein Rücktritt, der wohl gleichbedeutend mit dem Ende seiner Karriere ist, ausgerechnet in der Halbzeitpause eines Monday-Night-Football-Spiels verkündet. Es ist nicht die einzige Ironie dieser Geschichte: Im Juni wurde Raiders-Profi Carl Nassib der erste NFL-Spieler, der sich während seiner aktiven Zeit als schwul outete. Gruden hatte diesen Schritt freudig begrüßt und Nassib seine Unterstützung versprochen. Nur vier Monate später ist Jon Gruden über seine Homophobie gestolpert.

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