Umstands- und Stillkleidung: Zwischen Rentnerbeige und Segelclub

Die Industrie um Neugeborene verkauft alles und boomt. An leistbare Kleidung für Mütter denkt allerdings niemand. Übrig bleibt: beige und gestreift.

Ein Neugeborenes saugt an einer Brust

Wo fing das an, das mit dem Beige? Foto: Westend61/imago images

Ich hab mich schon immer gefragt, wann Menschen aufhören sich stilvoll oder modisch zu kleiden. Klar, manche haben nie damit angefangen und viele können es sich nicht leisten bei jedem Trend dabei zu sein, darum geht es auch gar nicht. Ich meine: wann kommt es, dieses Rentnerbeige, die Cargohosen und Funktionsjacken? Ist das eine bewusste Entscheidung – steht man eines Tages auf und sagt: So, ab jetzt nur noch beige, braun, schwarz, weiß, grau und mal an besonderen Tagen ein keckes Dunkelblau? Ist es vielleicht sogar eine Form von Empowerment, zu sagen: Macht euren Modemist alleine, ich kleide mich jetzt nur noch so, dass ich jederzeit in einen Laubwald eintauchen kann wie ein Chamäleon? Oder wie läuft das?

Als ich letztens in der Umkleide einer großen Modekette stand und auf der dringenden Suche war nach einer Hose, in der ich meinen Afterbabybody verstauen kann, musste ich daran denken, wie wir uns als Teenies über die Frauen in ihren Hochwasserhosen mit hohem Bund lustig gemacht haben – heute nennt man die Mom Jeans. Absurd, fanden wir, dass man sowas freiwillig tragen konnte. Da war ich also mit meinem Körper, der die Schwangerschaftshosen nicht mehr oben halten will, aber in die alten Klamotten nicht passt. Dieser Körper, der sich seit fünf Monaten anfühlt als hätt ich ihn mir geliehen. Alles irgendwie fremd. Beim letzten Kind hat es ein über ein Jahr gedauert bis ich mich wieder wie ich gefühlt habe.

Ich versuche vergeblich in eine Mom Jeans in der größten hier verfügbaren Größe zu schlüpfen und habe Schuldgefühle. Wir hatten ja keine Ahnung als Teenies. Gleichzeitig musste ich lächeln ob der Ironie. Hier stehe ich in der Umkleide, der Kinderwagen mit Baby halb drin und halb draußen, der Vorhang hinter den Kinderwagen geklemmt. Es spielt Beziehungsverarbeitungspopsongs, deren Interpreten ich nicht mal raten könnte. Hier stehe ich und kriege meinen Momkörper nicht in diese Momjeans, weil die in Wirklichkeit nicht für Moms gemacht sind. Verflucht nochmal. Ich bin hier nicht mehr Zielgruppe.

Beim ersten Kind dachte ich noch, es läge an mir, dass ich keine schöne und leistbare Umstands- und Stillkleidung finden konnte. Seit dem zweiten bin ich recht sicher, dass es nicht an mir liegt. Die Modeindustrie interessiert sich nicht für die Bedürfnisse vor und nach dem Gebären. Sonst wäre nicht alles, was es zu kaufen gibt knalleng oder „shaping“. Aber ich will kein „shaping“, ich will Luft zum Atmen und Platz zum Leben.

Es ist ein einziges Trauerspiel. Alles ist beige, braun, schwarz, weiß, grau, dunkelblau. Zum Stillen immer dreilagig, ganz wunderbar bei hormonellen Schweißausbrüchen. Muster gibt es nicht, wenn dann nur: Querstreifen. Aber auf maritim. Irgendwo ist immer ein Anker drauf. Ich hab nicht den blassesten Schimmer, was das soll. Vielleicht gibt es irgendwo einen geheimen Segelclub für Stillende? Ich hab es inzwischen aufgegeben und improvisiere mit Knöpfbarem. Etwas mühsam das Gefummel, aber immerhin kein Rentnerbeige.

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Schreibt über Gesellschaft, Politik, Medien und manchmal über Österreich. Kolumne "Kinderspiel". War 2013 Volontärin der taz panter-Stiftung, dann taz-Redakteurin. Von 2019 bis 2022 Ressortleiterin des Gesellschafts- und Medienressorts taz zwei. Lebt und arbeitet in Wien.

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