Ukrainischer Skateboarder zum Krieg: „Mein Vater wird nicht aufgeben“

Yurii Korotun war im Urlaub, als der Krieg losging. Seine Familie harrt in einem Dorf bei Kiew aus. Nun versucht er, von Hannover aus zu helfen.

Ein junger Mann mit blonden Braids und Mütze steht mit einem Skateboard in der Hand auf einer Treppe. Auf dem Board steht "Ukraine"

Sammelt von Hannover aus Spenden: Yurii Korotun Foto: Andrea Maestro

taz: Herr Korotun, woran haben Sie heute nach dem Aufwachen gedacht?

Yurii Korotun: Da ist zuerst die Frage, ob meine Eltern ans Telefon gehen werden oder nicht. Heute habe ich angerufen, es hat ein paar Mal geklingelt, mein Vater ist rangegangen, aber es ist sofort wieder abgebrochen. Sie haben keinen Strom mehr, kein Internet. Meine Familie holt Benzin von einer Tankstelle, um einen Generator zu betreiben. Aber jeder Gang ist gefährlich.

Zum Glück haben sie den Generator.

Viele Menschen in der Ukraine haben sich auf diese Scheiße vorbereitet. Auch meine Eltern haben sich vor etwa einem Monat mit Essen eingedeckt. Jetzt hätten sie auch gar nicht mehr die Möglichkeit, einkaufen zu gehen. Im Ort backen Freiwillige in einer Bäckerei Brot. Menschen stehen in langen Schlangen an und bekommen nur einen halben Laib.

Wo leben Ihre Eltern?

In einem sehr kleinen Dorf names Klawdijewo-Tarassowe. Das liegt in der Nähe von Kiew. Wenige Kilometer entfernt ist die Stadt Borodjanka. Dort gibt es nichts Militärisches, nur Wohnhäuser, Schulen, ich war für Fußballspiele dort. Trotzdem wird die Stadt mit Bomben attackiert. Und gleichzeitig veröffentlichen die Russen Propagandavideos, in denen zu sehen sein soll, dass ukrainische Menschen sie mit Brot und Salz als neue Nachbarn empfangen.

Und Ihre Familie konnte sich bisher nicht in Sicherheit bringen?

Meine Eltern, mein Bruder und meine Großmutter haben zu Beginn des Krieges gesagt, dass sie ihr Haus nicht verlassen werden. Jetzt könnten sie auch dann nicht weg, wenn sie wollten. Die Region ist von russischem Militär eingekreist. Ich habe am meisten Angst davor, dass die Russen in das Haus meiner Familie kommen und sie verletzen. Meine Eltern haben mir gerade von Freunden aus dem gleichen Dorf erzählt, die versucht haben zu fliehen und in ihrem Auto erschossen wurden. Auch die zwei Kinder auf dem Rücksitz.

Bereiten Ihre Eltern sich darauf vor, dass sie sich verteidigen müssen?

Es ist so verrückt, über so etwas sprechen zu müssen. Aber ja, mein Vater wird nicht einfach aufgeben.

25, ist professioneller Skateboarder und hat in Kiew als Produktionsassistent bei Musik- und Werbevideos gearbeitet. Er studierte Spanisch und Englisch. Als Russland den Angriffskrieg gegen die Ukraine startete, war Korotun auf einer Reise in der Türkei. Seine Familie ist noch in der Region Kiew.

Wo waren Sie, als Russland die Ukraine angegriffen hat?

Ich war in der Türkei und bin dort gereist. Ich hatte gerade keinen Job, weil alle Ausländer aus der Ukraine ausgereist waren. Vorher war ich an der Produktion für einen Werbespot für Mercedes Benz beteiligt. Hätte Russland angefangen, Bomben zu werfen, wenn alle Botschaften voll gewesen wären? Ich denke nicht.

Wie haben Sie sich gefühlt, so weit weg von Zuhause?

Es war, als wenn mein Kopf explodiert. Ich war in der Altstadt von Antalya mit einem wunderschönen Blick auf die Stadt. Dort stand ich, es war kalt und ich habe noch nie so einen Schmerz gespürt. Ich weinte und schrie allein auf der Straße. Ich konnte nicht glauben, dass das passiert. Dann habe ich angefangen, meine Familie und Freunde anzurufen und Hilfe zu organisieren.

Wie können Sie von außen helfen?

Einige meiner Freunde haben sich auf den Weg in den Westen gemacht und ich habe nach freien Routen gesucht. Ich greife dabei auf mein großes Netzwerk zurück – auf Instagram und durch meine Jobs in der Filmindustrie und das Skateboarden. Ich sage Leuten, wohin sie spenden können und ich organisiere Geld für Dinge, die gebraucht werden. Schusssichere Westen oder Radioantennen zum Beispiel.

Auch für Ihre Familie?

Ich habe versucht, für meinen Vater Waffen zu organisieren. Es hat aber nicht geklappt, weil sie gar nicht in dem Dorf ankommen könnten. Ich möchte aber irgendwie dafür sorgen, dass meine Eltern sicher sind.

Wie sind Sie selbst in Hannover gelandet?

Meine Freundin hat auch ukrainische Wurzeln, aber sie lebt schon seit Langem in Hannover. Ich war schon zuvor hier, musste aber wieder in die Ukraine ausreisen, weil das Touristenvisum nur über 90 Tage lief. Jetzt habe ich mich bei der Ausländerbehörde angemeldet, aber ich möchte keine Hilfe vom Staat. Ich möchte kein Flüchtling sein, sondern helfen.

In der Ukraine waren Sie seit der Reise nicht mehr?

Nein. Und nach Istanbul hatte ich nur eine kleine Tasche mitgenommen. All meine Sachen sind noch in meiner Wohnung im Zentrum von Kiew. Meine letzten 25 Jahre. Ich habe Bücher gesammelt, Gemälde von unterschiedlichen Künstlern und meine Skateboard-Pokale. Ich hoffe, dass die Wohnung noch verschlossen ist, aber die Tür ist dünn und die Chance gering.

Fühlen Sie sich manchmal hin- und hergerissen, weil Sie hier sind und nicht in Kiew?

Es ist schwierig. Ich habe viel darüber nachgedacht, ob ich dort sein sollte. Ich glaube, dass ich auch von hier aus helfen kann. Weil ich so vernetzt bin, konnten wir schon viele tausend Dollar in die Ukraine schicken. Gleichzeitig kämpfen Freunde von mir – Skateboarder – gerade in Butscha, einem stark umkämpften Gebiet vor Kiew. Sie töten Menschen. Skateboarder! Auch sie brauchen manchmal Informationen oder Geld und ich versuche, sie zu unterstützen.

Setzen Sie nur auf Ihre eigenen Netzwerke oder arbeiten Sie auch mit Ak­ti­vis­t:in­nen in Hannover zusammen?

Ich spreche mit Leuten aus Hannover darüber, wo Menschen privat untergebracht werden können. Ich habe auch auf einer Demo vor dem Hauptbahnhof gesprochen.

Haben Sie das Gefühl, dass die Demos, zu denen in Deutschland zehntausende Menschen gehen, etwas bringen?

Sie sind sehr wichtig. Die Regierungen sehen dadurch, dass die Menschen die Ukraine unterstützen und sich ein Ende der Gewalt wünschen. Vielleicht greifen die Staaten dann eher ein. Und der Ukraine zeigt diese Solidarität, dass die ganze Welt an ihrer Seite steht. Genauso wichtig sind aber auch Spenden. Wir müssen diesen Terror stoppen.

Haben Sie auch Kontakt zu Russ:innen?

Ja, ich habe Freunde in Russland, die bei uns gewohnt haben, wenn sie in der Ukraine waren. Sie wissen alle, was passiert. Wir haben ihnen die Videos gezeigt. Aber sie sind still. Sie posten nichts.

Wahrscheinlich haben sie Angst.

Natürlich, aber viele andere Menschen in Russland zeigen ihren Protest. Junge Mädchen, Großmütter. Es enttäuscht mich, dass sie schweigen.

Haben Sie in Hannover schon mit Menschen aus Russland gesprochen?

Ja. Die russischen Leute, die in Deutschland leben, haben Zugang zu Informationen. Viele von ihnen sind solidarisch.

Wie geht es für Sie persönlich jetzt weiter?

Meine Freundin und ich bekommen, wenn alles gut geht, heute die Schlüssel für eine eigene Wohnung. Bisher bin ich bei Freunden untergekommen.

Das heißt, dass Sie vorhaben, länger zu bleiben?

Zumindest für die nächsten Monate. Ich muss mich von diesem Trauma erholen. In den ersten Tagen habe ich nicht geschlafen, viel geraucht, nichts gegessen. Jetzt mache ich wieder Yoga, fahre Skateboard. Ich versuche, eine Balance zu finden und einerseits zu helfen, aber auch auf mich selbst zu achten. Der Krieg ist aber in jeder Minute präsent.

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