Ukrainische Rüstungsindustrie: Rückkehr zu den Wurzeln
Ukrainische Drohnen gelten weltweit als erfolgreich und kampferprobt – aber ukrainische Firmen kämpfen um ihre Integration in den Weltmarkt.
Foto: Andriy Andryenko/via ap
In den Trümmern der Sowjetunion nach deren Zerfall 1991 standen auf dem Staatsgebiet der neuen Ukraine ein Drittel der früheren sowjetischen Rüstungsindustrie: Bei Piwdenmasch in Dnipro wurden Weltraumraketen und Satelliten zusammengeschraubt, in den Antonow-Werken die größten Flugzeuge der Welt. In Charkiw liefen Panzer vom Band und in den Werften von Mykolajiw wurden Flugzeugträger und Kreuzer zu Wasser gelassen.
Binnen einer Generation gingen die Produktionskapazitäten der Staatskonzerne weitgehend vor die Hunde. Seit der russischen Invasion in der Ukraine aber sind inzwischen mehr als 1.000 neue Rüstungsunternehmen entstanden, davon über 90 Prozent private Gründungen.
Die Ukraine gilt wegen ihrer Kampferfahrungen und der Zusammenarbeit von Armeeeinheiten und Rüstungsfirmen als weltweit führend beim Bau von fliegenden Drohnen und Wasserdrohnen. Aber auch bei fahrbaren Robotern, die im Krieg sogar russische Stellungen so beschossen haben, dass russische Soldaten gefangen genommen und auf den ferngesteuerten Fahrzeugen abtransportiert wurden. Auch Haubitzen, gepanzerte Fahrzeuge und inzwischen auch erste ballistische Raketen werden im Land produziert.
„Unsere Vorteile sind offensichtlich: unbemannte Systeme in allen Domänen, elektronische Kriegsführung und – das Wertvollste von allem – Kampfdaten“, meint Daria Janijewa, Präsidentin von Defence Builder, einem Zusammenschluss von Produzenten und Venture Capital Firmen. „Dieser Vorteil wurde bereits bezahlt, zu einem Preis, den kein anderes Land wird wiederholen wollen. Und genau dafür sind die internationalen Partner bereit, zu zahlen – mit Aufträgen, Joint Ventures und Investitionen.“
Mehr Produktionskapazitäten als die Ukraine Waffen kauft
Deutsche Rüstungsriesen wie Rheinmetall und Leopard-Panzer-Bauer KNDS haben bereits Joint Ventures mit ukrainischen Rüstungsfirmen gegründet. Das Münchner Start up Quantum Systems hat mit dem ukrainischen Drohnenhersteller Frontline Industries ein Gemeinschaftsunternehmen zum Bau unbemannter Fluggeräte gegründet. ARX Robotics entwickelte den fahrbaren Roboter „Combat Gereon“ gemeinsam mit dem ukrainischen Unternehmen Frontline.
Darüber hinaus gibt es weitere deutsch-ukrainische Kooperationen und die Bundesregierung finanziert die Beschaffung sowohl bei deutschen als auch bei ukrainischen Firmen für die ukrainische Armee – ein Modell, das ausdrücklich als Joint-Venture-Programm ausgebaut werden soll.
2025 produzierte die ukrainische Wehrindustrie Rüstungsgüter für 13,1 Milliarden Dollar, laut dem Nationalen Sicherheits- und Verteidigungsrat (RNBO) in Kyjiw fast ein Drittel mehr als im Vorjahr. Insgesamt habe der ukrainische Rüstungssektor Produktionskapazitäten von 55 Milliarden Dollar – nur hat die Regierung nicht genügend Mittel, um in diesem Umfang ukrainisches Militärgerät zu ordern.
Im Juli hatte die Regierung nach langem Drängen Rüstungsexporte generell erlaubt. Doch bis heute wurde keine einzige Exportlizenz erteilt. Bisher besteht Kyjiw darauf, dass die Waffen im Land bleiben – für den Krieg gegen Russland.
Kriterien für Waffenexporte der Ukraine noch immer unklar
Ukrainische Hersteller indes argumentieren, sie könnten viel mehr produzieren, als die Regierung für die Armee kaufen könne. Mit den Exporterlösen kämen Steuern – auch für mehr Beschaffungen – ins Land und Geld für die Expansion der Rüstungsbetriebe.
Laut Anastasija Mischkina, Direktorin des Verteidigungsindustrie-Verbandes Tech Force in UA, sei unter anderem noch immer nicht geregelt, in welche Länder geliefert werden dürfe, und welche Rüstungsgüter grundsätzlich zu kritisch seien für den Export. Der Binnenmarkt aber reiche nicht aus, um alle Produktionskapazitäten auszulasten.
Hinzu komme, klagt Tetjana Uzhvyj vom Drohnenbauer BlueBird Tech, dass bei Ausfuhren von Drohnen 20 Prozent Exportabgaben fällig werden sollen, bei Teilen sogar 30 Prozent. Das fresse gerade bei Komponenten die Kostenvorteile gegenüber chinesischen Produkten weitgehend auf, die Ukraine verliere ihre Konkurrenzfähigkeit. Dabei müsse die Ukraine vor allem zügig dafür sorgen, sich von chinesischen Teileimporten unabhängig zu machen, heißt es aus dem Technologieministerium.
Gemeinsam für freie Presse
Die taz gehört zu 100 Prozent ihren Leser:innen und ist damit nicht nur konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung für taz zahl ich. Dank Ihnen haben wir nun die 50.000 erreicht. So viele unterstützen freiwillig und regelmäßig. Noch nicht dabei? Werden Sie jetzt Teil der Community! Jetzt unterstützen
meistkommentiert