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Ukraine weiterhin unter Kälteterror Der Westen darf nicht wegsehen

Europa 2026: Russland versucht, Millionen von Menschen in der Ukraine auszufrieren. Warum dieser Horror im Westen auf vergleichsweise wenig Interesse stößt, erklärt unsere Autorin.

Stromausfall nach Drohnenangriff auf Kyiv im Januar 2026: Ukrainer*innen suchen Wärme Foto: Foto: Valentyn Ogirenko/reuters

taz lab | Es ist eine unglaublich perfide Kriegswaffe gegen die Zivilbevölkerung: Millionen von Menschen ausfrieren, mit dem Ziel, sie der Verzweiflung so nahe bringen zu wollen, dass sie sich ergeben und erobern lassen. Das ist es, was Moskau aktuell in der Ukraine tut.

Die russische Armee beschießt schon seit Langem gezielt die ukrainische Energieinfrastruktur, das ist nicht neu. Doch die russischen Streitkräfte haben ihre Attacken in den vergangenen Wochen massiv ausgeweitet – offensichtlich nicht zufällig, sondern weil die Außentemperaturen zweistellige Minusgrade erreichten.

Menschen in Kyjiw, aber auch in zahlreichen anderen ukrainischen Großstädten müssen wegen der russischen Angriffe aktuell ohne Strom und Heizung leben, oft sogar ohne Wasser und Gas. Kehren Teile dieser Grundversorgung zurück, dann oftmals nur für kurze Zeit. Eltern schicken ihre Kinder in Dörfer, wo noch mit Holz geheizt wird.

In ukrainischen Städten gibt es viele gigantische Hochhäuser aus sowjetischen Zeiten, manche mit 16 Stockwerken oder mehr. Stellen Sie sich vor, Sie sind eine kranke oder betagte Person oder jemand mit Einschränkungen, eine Schwangere – und können nicht einmal den Aufzug nehmen, um an einen der Nothilfepunkte zu gelangen, um sich kurz aufzuwärmen.

Warum der Westen wegschaut

Einige werden diesen bisher härtesten Kriegswinter nicht überleben, und das ist nicht etwa ein tragischer Nebeneffekt, sondern zynisches Kalkül: Millionen von Menschen ausfrieren, in Europa, im Jahr 2026. Und dennoch stößt dieser Horror hierzulande und generell im Westen auf vergleichsweise wenig Interesse. Aus zweierlei Gründen.

Erstens brennt es zur Zeit an vielen Orten der Welt. Das iranische Regime erstickt die Proteste in brutalster Gewalt, das Ende der kurdischen progressiven Selbstverwaltung in Rojava durch islamistische Kräfte scheint besiegelt, im Sudan und auch in Gaza hungern und ­sterben weiterhin Zivilisten, und Trump dreht komplett durch.

Zweitens tobt der Krieg seit fast vier Jahren. Man hat sich an die schrecklichen Bilder und Nachrichten gewöhnt, so bitter das klingt. Und dass sie allmählich immer schrecklicher werden, fällt da gar nicht mehr auf. Doch das Ende des Krieges ist nicht in Sicht, und wann er dann doch enden wird, das hängt zu einem Großteil davon ab, wie sich die EU-Länder verhalten.

Was also tun?

Putin und sein Terrorregime sowie sein Satellit, das Lukaschenko-Regime in Belarus, müssen zu Fall gebracht werden – das ist in unser allem Interesse. Denn die Russische Föderation terrorisiert nicht nur die Ukrai­ne­r*in­nen und knechtet die Menschen in Russland und Belarus, sondern droht auch den EU-Staaten unverhohlen mit Atomwaffen und Eroberungsfantasien.

Was also tun? Selbst wenn es schmerzt und man müde ist von den vielen negativen Schlagzeilen, heißt es, weiter hinzusehen. Man darf den Blick von der Ukraine nicht abwenden, das Grauen dort nicht zu einem Hintergrundrauschen verkommen lassen, das wir nicht mehr wahrnehmen.

Es ist ebenfalls wichtig, das Geschehen in Russland und Belarus zu verfolgen, den Dialog mit den demokratischen und regimekritischen Kräften im Exil zu pflegen. Es gilt, eine gerechtere und friedlichere Welt anzustreben.

Wut als Antwort auf den Kälteterror

Und auch wenn die Schlagzeilen aus Osteuropa belasten: Idealerweise leiten wir daraus Handlungsanweisungen ab, werden tätig, damit dem Schrecken Einhalt geboten wird. Wir tun noch nicht genug. Und wir dürfen nicht in Defätismus verfallen.

Denn eins ist sicher: Der Kreml hat sich verkalkuliert. Er kennt die ukrainische Gesellschaft nicht. Sie ist viel zu stark, viel zu wütend auf all die Gräueltaten, die Russland in den vergangenen vier Jahren im gesamten Land begangen hat, als dass sie sich selbst von diesem unmenschlichen Kälteterror von ihrem Widerstand abbringen ließe. Und die jetzige Kältestrategie macht sie nur noch wütender. ■

🐾 Mehr dazu berichtet Yelizaveta Landenberger auch als Gast beim großen taz-Kongress, dem taz lab, am 25. April 2026. Live im Stream und rund um den taz Neubau.