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Von Karl Bruckmaier

Die Stones würden, so bemerkte einst Keith Richards in einem Moment seltener Aufrichtigkeit, einfach die Musik alter, schwarzer Männer nachspielen, nur schneller. Fünfzehn Jahre nach diesem Satz, plus minus, spielten eine Menge junger Männer und ein paar Frauen die Musik von Keith nach, nur schneller. Das war dann Punk, und die Rolling Stones waren erst einmal so beleidigt, dass sie 1978 tatsächlich noch einmal ein gutes Album aufgenommen haben: „Some Girls“.

Das war dann doch bloß ein Strohfeuer, und es begann die bis heute andauernde Existenz der prototypischen Rock-‘n‘-Roll-Band als mittelständisches Unternehmen. CEO: Mick Jagger; CTO: Keith Richards. Dessen Produkt sind unvergleichlich gute Livekonzerte und unerträglich schwache Alben, und nur das gelegentliche Sterben eines für unersetzlich gehaltenen Mitarbeiters – RIP: Charlie Watts – oder eine selbst gewählte Frühverrentung – RETD: Bill Wyman– stören den gemächlichen Fluss der Millionen in Richtung Schweiz oder Caiman Islands oder Guernsey, oder wo man sonst heutzutage sein Geld vor dem Fiskus versteckt.

Aber dann auch wieder nicht. Momentan steht das 25. Studiowerk an, „Foreign Tongues“, und es soll besser sein als „Voodoo Dingenskirchen“ und etwas schwächer als „Hackney Irgendwas“, und es wird Rocksenioren wie Steve Winwood oder Paul McCartney mit Punksenioren wie Robert Smith oder Chad Smith vereinen, und produziert hat Andrew Watt, schlanke 35, der sich mit den Stones ebenso auskennt wie mit Iggy Pop oder Eddie Vedder.

Und ja, Jagger haut ein paar nachgerade geniale Textzeilen raus, etwa: „Let the dreamers get the dream they want, my favorite joke / So pass around the fenty, pass around the coke …“, spielt seine ewig unterschätzte Mundharmonika großmäulig und breitlippig, und Nathaniel Mary Quinn hat das vielleicht beste Plattencover der letzten zweihundert Jahre aus dem Printer rutschen lassen, während ich, ein inzwischen auch wirklich und wahrhaftig alter Stones-Fan, der diese Band geliebt hat wie keine zweite, außer Velvet Underground vielleicht, diese Textzeilen so vor mich hin fabriziere wie Jagger und Watt vermutlich ihre Riffs und Beats.

Da fällt mir auf, dass die Stones eigentlich schon immer als „forever old“ gegolten haben, als eine Band, die in der Vergangenheit mal die Größten waren, aber jetzt …? „Früher, da sind ganze Saaleinrichtungen zu Bruch gegangen bei STONESkonzerten“, lässt Rudolf Herfurtner seinen Protagonisten bei einem zum Scheitern verdammten Besuch eines ebensolchen Konzerts im Jahr 1973 denken. Herfurtners Text erschien 1978 in der „Rocksession“, einem BUCH (!) eines deutschen NOBELVERLAGS (!). Goddammit, und ich selber war auch irgendwie unzufrieden mit meinem ersten Stones-Konzert, 1976 in München.

Da war so ein Unwohlsein, so eine Frustration, die ich heute noch als Erstes fühle, wenn ich an diese unfassbar heißen Stunden des Wartens in der ersten Reihe der Münchner Olympiahalle denke. Und weil als Beiwerk zur gerade veröffentlichten Deluxe-Sonder-Must-have-Braucht-kein-Mensch-Version von „Black and Blue“ ein Mitschnitt eines Londoner Konzerts von selbiger Tour veröffentlicht worden ist, kann ich dieses Unwohlsein nun auch benennen: Die Stones spielten praktisch und ewig lang die ganze neue Platte; Lieder, die damals kein Schwein kannte und die heute jeder gern vergessen hat.

Das wäre dem Jagger, den ich 1990 interviewen durfte, nicht mehr passiert. Der wusste, es ist der Singer und der Song, Baby. Der Mann war damals 47, und bei aller Ehrfurcht und Freude, ihm gegenüberzusitzen: Der war doch viel zu alt für die Bühne. Was wollte der Kerl da draußen? Was für ein Idiot ich doch gewesen bin!

Das Album soll besser sein als Voodoo Dingenskirchen und etwas schwächer als „Hackney Irgendwas“

Seit fünfzig, sechzig Jahren muss sich Sir Michael diesen Schmarrn anhören, als wäre er Manuel Neuer und würde ins Tor der deutschen Nationalmannschaft zurückdrängeln. Seit den frühen Tagen unter der Bluesfuchtel von Brian Jones; seit den an Kreativität kaum zu toppenden Jahren der Dekadenz, die 1972 in dem Doppelalbum „Exile on Main Street“ gipfelten; in den Jahren der Ratlosigkeit, in denen andere Christen wurden oder Buddhisten oder einfach so vor sich hin starben; in den Jahrzehnten der hemmungslosen Selbstparodie und den ganzen 70. und 75. und 80. Geburtstagen sind mehrere Generationen von Stones-Fans selber in die Jahre gekommen.

Und sie hatten immer die Faltenfresse von Mick und die Faltenfresse von Keith und die absolut lächerlichen Stachelhaare von Ronnie, um sich sagen zu können: Gott, sind die alt geworden; Scheiße, früher waren die echt besser. Aber, glauben Sie einem alten Sack, sie sind die Größten. Respekt also für dieses absolut überflüssige Plastikrockalbum, das in Zungen zu uns spricht, irgendwas im Sinne von: Wer nicht alt werden will, muss eben jung sterben. Stimmt, ein Amy-Winehouse-Cover ist auch drauf.

The Rolling Stones: „Foreign Tongues“ (Polydor/Universal)

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