Über die Rolle des Maulwurfs im Fußball: Die Kabinenplauderer

Wenn Spieler ihre Trainer loswerden sollen, verraten sie Interna an die Medien. Besonders beim FC Bayern und Hertha BSC häufen sich die Fälle.

Possierliches Tierchen: Maulwurf Salomon Kalou gräbt nicht nur, er deckt auch auf Foto: Andreas Gora/dpa

Der Deutsche Fußball-Bund weiß, was man gegen Maulwürfe tun kann. Unter dem Menüpunkt „Umweltschutz und Artenvielfalt“ auf der Website des Verbands können sich Klubs Rat holen. „Die Erdbewohner“, heißt es da, „haben ein feines Gehör und einen sensiblen Geruchssinn. Schlagen Sie daher Holzpfähle in die Erdhaufen und klopfen Sie oft und regelmäßig dagegen. Oder versuchen Sie es mit einem Sud aus Lebensbaumnadeln, Hollunder oder Knoblauch, den Sie sparsam in die Gänge träufeln.“

Ob sich die berühmtesten Maulwürfe der Bundesliga mit einem solchen Gesöff hätten vertreiben lassen, ist ungewiss. Schade wäre es jedenfalls gewesen. Was wäre die Geschichte der Liga ohne den Geheimnisverrat aus der Kabine? Und was wäre die Fußballberichterstattung ohne die Frage: „Wer ist der Maulwurf beim FC Bayern?“

Es ist noch keine vier Wochen her, da wunderte sich FAZ-Kolumnist, Nationalmannschaftskapitän und Bayerntorhüter Manuel Neuer darüber, dass Details aus seinen Verhandlungen mit der Führung des FC Bayern München über eine Verlängerung seines Vertrags an die Öffentlichkeit gedrungen sind. Es stünden ständig Details aus den aktuellen Gesprächen in den Medien, die oft nicht einmal stimmen würden, sagte er, was die Frage aufwirft, ob beim FC Bayern Dinge verhandelt werden, die gar nicht der Wahrheit entsprechen.

Auf jeden Fall kommentierte Manuel Neuer die jüngste Maulwurf-Affäre des FC Bayern noch mit einem Satz, über den wohl viele lauthals gelacht haben dürften: „Das kenne ich so nicht beim FC Bayern.“ Ob Neuer wirklich nicht weiß, dass Indiskretionen aus der Kabine zum Bayern München gehören wie die zwei Türme der Frauenkirche zur bayerischen Landeshauptstadt?

Maulwürfe hatten ihre Arbeit getan

Wenn Spieler ihren Trainer loshaben wollen, dann beschreiben sie, wie unzureichend das Training ist, oder geben Inhalte aus peinlichen Kabinenansprachen weiter. Carlo Ancelotti und Niko Kovac haben das zu spüren bekommen. Jürgen Klinsmann hat einst aus der Zeitung erfahren, was so alles in seinem Spielervertrag bei den Bayern steht und welch Chaos später mal in der Kabine herrschte, weil sich Klinsmann als Trainer in der Pause eines Spiels lieber mit zwei Ersatzspielern unterhalten hat, als sich um die erste Elf zu kümmern, war auch der Presse zu entnehmen. Maulwürfe hatten ihre Arbeit getan.

Einem besonders eifrigen Kabinenplauderer sollen Mitspieler sogar den Ehrentitel „IM Lothar“ verliehen haben. Und viel später drohte Pep Guardiola dem Spieler mit dem Rauswurf, der verraten hatte, er wolle Dortmund mittels langer Bälle aus dem Mittelfeld bezwingen.

Derartige Geschichten aus München gibt es noch und nöcher. Und doch muss man sich Sorgen machen um die Spezies Maulwurf. Wieder einmal sind es die Möglichkeiten amerikanischer Tech-Giganten, die über Jahre eingeübte Kulturtechniken überflüssig machen könnten. Wer braucht noch Maulwürfe, wenn Spieler mittels Facebook live streamen, was in einer Bundesliga-Kabine vor sich geht? Welche Folgen das Verhalten des Hertha-Stürmers Salomon Kalou in dieser Hinsicht noch haben wird, mag man sich gar nicht ausmalen. Es könnte das Ende des Maulwurfs sein, wie wir ihn kennen.

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1968 geboren und dann lange Münchner. Studiert hat er Slawistik und wäre um ein Haar Lehrer geworden. Zehn Jahre lang war er Kabarettist (mit Helmut Schleich und Christian Springer). Dann ist er Sportreporter geworden. Von April 2014 bis September 2015 war er Chefredakteur der taz. Jetzt treibt er wieder Sport.

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