US-Seniorin blockiert Lieferroboter: „Selbstverständlich mache ich weiter“
Seit Monaten stellt sich die emeritierte Professorin Carolyn Marvin Lieferrobotern in den Weg. Nun wurde sie deswegen festgenommen. Ein Anruf in Philadelphia.
Foto: Walter Cicchetti/getty images
taz: Frau Marvin, erinnern Sie sich noch, wie Sie zum ersten Mal einem Roboter den Weg versperrt haben?
Carolyn Marvin: Oh ja, das war vor ein paar Monaten. Die Teile haben mich einfach geärgert und ich wollte sie zurückärgern. Es war dann irgendwie witzig, mal hier und da, für ein paar Minuten – ich habe ja auch noch ein Leben. Meine Technik ist, dass ich mich vor die Roboter stelle und wenn sie sich bewegen, bewege ich mich mit ihnen. Sie sind allerdings flinker geworden. Vielleicht denken sie in den Unternehmen, ich sei als alte Frau nicht schnell genug. Bin ich aber!
taz: Warum machen Sie das?
Marvin: Mein Hauptgrund ist, dass die Roboter den Lieferfahrern die Jobs wegnehmen. Zudem betrachte ich es als mein Recht gemäß dem Ersten Verfassungszusatz, gegen missbräuchliche Geschäftspraktiken zu protestieren. Ich will darauf aufmerksam machen, dass die Unternehmen ihren Lieferfahrern nichts zahlen wollen – obwohl die sowieso schon ganz unten auf der Lohnskala stehen und kaum Möglichkeiten haben, sich gegen die Roboter zu wehren. Sie sind nicht gewerkschaftlich organisiert. Deshalb versuche ich, das Thema, wann immer ich kann, in den Fokus der Öffentlichkeit zu rücken. Daraus entstehen interessante Gespräche, die wir meiner Meinung nach auch im öffentlichen Raum führen sollten.
taz: Was kriegen Sie denn da am häufigsten zu hören?
Marvin: Dass ich verhindere, dass jemand sein Essen bekommt, für das er bezahlt hat. Darauf sage ich dann: „Wenn es euch ums Geld geht, dann solltet ihr euch eher Sorgen um das Einkommen machen, das den Lieferkräften vorenthalten wird“. Außerdem verzögere ich die Auslieferung maximal für eine Viertelstunde. Das ist wirklich keine große Sache.
78, ist emeritierte Professorin für Kommunikation, Kultur und Medien an der Universität von Pennsylvania und hat mehrere Bücher veröffentlicht. Sie lebt in Philadelphia.
taz: Nun könnte man sagen, dass es sogar sinnvoll ist, gerade solche prekären, körperlich fordernden Jobs von Robotern ausführen zu lassen…
Marvin: Es sind oft Einwanderer, die die Arbeit verrichten, die andere nicht machen wollen. Und wenn es Menschen gibt, die einen Job als Lieferfahrer machen wollen, dann sollten Firmen ihnen den nicht wegnehmen dürfen, um den eigenen Gewinn zu steigern. Dazu kommt, dass die Roboter nicht besonders effizient sind, sie stoßen im überfüllten städtischen Raum ständig auf Hindernisse. Ich achte bei meinen Blockaden übrigens darauf, dass ich nie Fußgängern den Weg versperre.
taz: Vor gut einer Woche wurden Sie vorübergehend festgenommen. Was ist da passiert?
Marvin: Ich kam gerade von meiner Grippeimpfung, als ich wieder einen Roboter sah, gleich in der Nähe eines großen Markts. Die Polizisten waren recht schnell da. Ihren wiederholten Aufforderungen, den Roboter in Ruhe zu lassen, bin ich nicht nachgekommen, habe mich auf die Rede- und Versammlungsfreiheit berufen. Ehrlich gesagt, habe ich sie sogar herausgefordert, mich zu verhaften. Ich dachte nicht, dass sie dafür eine Grundlage hatten. Doch es gibt in Pennsylvania tatsächlich ein Gesetz, das Robotern die Rechte von Fußgängern einräumt – was ich entsetzlich finde. Ich wurde wegen Störung der öffentlichen Ordnung festgenommen. Aber ich lege auf jeden Fall Widerspruch ein.
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taz: Sie beschäftigen sich auch wissenschaftlich mit dem öffentlichen Raum. Was interessiert Sie daran?
Marvin: Als Professorin habe ich mehrere Jahre lang einen Kurs über den öffentlichen Raum unterrichtet. Ein Grund dafür war, dass ich bei den jungen Studierenden beobachtet habe, dass sie den Campus selten verlassen und immer auf ihre Bildschirme starren. Manchmal glaube ich, die Menschen haben Angst, miteinander zu reden. Dabei ist Interaktion so wichtig.
taz: Machen Sie weiter?
Marvin: Selbstverständlich. Das habe ich bei der Festnahme schon angekündigt.
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