US-Firmen stellen Netzneutralität in Frage: Datendemokratie ade?

Bislang ging es im Streit um Netzneutralität hauptsächlich um Theorie. Eine Präsentation zweier Mobilnetzdienstleister zeigt, wie die Praxis aussehen könnte.

Zwei Netze - zwei Modelle? Bild: reuters

Die Frage der Netzneutralität beschäftigt Internetnutzer nur am Rande. Selbst Fachleute haben oft Probleme mit der Erklärung, warum es wichtig ist, dass Provider alle Inhalte gleich behandeln sollen - denn in der Praxis ist das ja momentan noch so. Eine Präsentation zweier Telekomdienstleister zeigt nun erstmals plastisch, welche Visionen Netzbetreiber haben, die ein Ende der Datendemokratie herbeisehnen.

Das IT-Magazin Wired hat das Papier aufgetan, das bislang nur Insidern zugänglich war. Für Internetnutzer ist es nicht weniger als eine Horrorvision. Die Präsentation stammt von den US-Firmen Allot Communications und Openet, die Software anbieten, mit der Mobilfunkfirmen ihre Netzinfrastruktur kontrollieren können. Dabei handelt es sich um Programme, mit denen der Provider zum Beispiel das Tempo durchzuleitender Daten verlangsamen oder höhere Tarife für zusätzliche Megabytes verlangen kann.

Openet arbeitet von AT&T bis Turkcell mit zahlreichen Großkunden in aller Welt zusammen. Diesen Mobilfunkunternehmen droht ein gemeinsames Schicksal: Das Internet degradiert sie zur schlichten Datenleitung ("dumb pipe"). Horrende Preise für Telefongespräche oder den Abruf von E-Mails können die Firmen nicht mehr verlangen, auch die Roaming-Gebühren werden günstiger. Neue Modelle müssen her, damit die Profite auch in Zukunft stimmen.

Allot und Openet sprechen in ihrer Präsentation von "OTT Monetizing and Controlling". OTT steht für "Over The Top" - Dinge, die Mobilfunkanbieter derzeit nicht kontrollieren können. Wenn es nach der Präsentation geht, wird aus dem drahtlosen Internet künftig ein Bezahlnetz: Mit Hilfe der sogenannten "Deep Packet Inspection" (DPI) soll festgestellt werden, wer wo und wie mobil im Netz surft. DPI bedeutet, dass der Provider in jedes Datenpaket des Kunden hineinschauen darf. In einer Grafik sind die Netzbetreiber als arme, gebeutelte Firmen dargestellt, die an den Datenpaketen von Facebook, Skype oder YouTube schwer zu tragen haben.

Eine andere Grafik demonstriert, wie sich das möglicherweise ändern ließe. Dank "Policy Enforcement & Charging", der Kontrolle und Abrechnung von Kundendaten, könnte ein Zugang zu Facebook zwei Cent pro Megabyte, zu Skype drei Euro im Monat und zu YouTube 50 Cent im Monat kosten. Jede Website, die ein Kunde ansteuert, könnte auf diese Weise Geld einbringen - direkt im Mobilfunknetz und über die Telefonrechnung.

Auch an Anbieter digitaler Inhalte hat man bei Allot und Openet gedacht. iTunes etwa könnte Kunden Vorschauen von Filmen liefern. Mietet oder kauft jemand den Film, würden die Einnahmen geteilt.

Noch ist die Idee von Openet und Allot nur das - eine Idee. Technisch ließe sie sich aber problemlos realisieren. Die beiden unabhängigen Firmen haben sich zur Vermarktung zusammengetan. Nun muss sich nur noch ein Mobilnetzbetreiber vorwagen und schon wäre das Ende der Netzneutralität eingeleitet. Die Technologie der OTT-Präsentation muss zudem nicht aufs Drahtlos-Internet beschränkt bleiben, auch DSL- und Kabelnetz-Anschlüsse könnten eine entsprechende Software verpasst bekommen.

Die Regulierungsbehörden in den USA und in Deutschland unternehmen bisher wenig, um die Netzneutralität zu schützen. Zwar sollen in den USA alle Inhalte im Internet gleich behandelt werden, Mobilfunknetze könnten aus einer Regulierung jedoch herausfallen.

Ironie des Schicksals: Die in der OTT-Präsentation enthaltenen Vorschläge ähneln einer Grafik, mit der Bürgerrechtler vor einem Jahr für Netzneutralität warben - indem sie eine Horrorvision aufzeigten. In der Grafik ist die Fantasie-Werbung eines Providers zu sehen, in der Kunden einzelne Kanäle kostenpflichtig freizuschalten haben. Für fünf Dollar gibt es Google und Wikipedia, weitere 5 Dollar erlauben den Zugang zu "über 200 Nachrichtenseiten".

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