US-Beschluss zu Kabuls Auslandsreserven: Biden eint zerstrittene Afghanen
In Afghanistan lehnen alle politischen Lager den Beschluss des US-Präsidenten ab, die Hälfte der eingefrorenen afghanischen Gelder nicht zurückzugeben.
Das sei „die jüngste Ungerechtigkeit der US-Intervention in Afghanistan, die von Ungerechtigkeiten und Missachtung für afghanische Leben gespickt war“, twitterte Schaharsad Akbar, Ex-Chefin der afghanischen Menschenrechtskommission. Sie spielt damit auf die vielen zivilen Toten des „Kriegs gegen den Terror“ und das Fallenlassen der afghanischen Regierung durch Washington an. Das empfanden viele als Verrat. Jetzt sei sie einfach nur „wütend“ über die Entscheidung des US-Präsidenten vom Freitag, die Hälfte der sieben Milliarden Dollar in den USA gelagerten und nach der Taliban-Machtübernahme eingefrorenen afghanischen Auslandsreserven für Angehörige von 9/11-Terroropfern freizugeben.
Und das ausgerechnet dann, wenn Afghanistan gerade dringend jeden Dollar braucht, weil laut UNO neun Millionen Menschen „nur einen Schritt vom Hunger entfernt“ sind. „Leute verkaufen ihre Organe. Leute verkaufen ihre Kinder. Sie sind verzweifelt“, sagt der UN-Hilfskoordinator Ramiz Alakbarov in Kabul.
Selten war sich die afghanische Öffentlichkeit im Land wie im Exil so einig wie in der Bewertung von Bidens Verfügung. Chalid Pajenda, letzter afghanischer Finanzminister vor der Machtübernahme der Taliban an diesem Dienstag vor genau einem halben Jahr, spricht vom „schwersten und irreparablen Schlag für Afghanistans Wirtschaft“.
Eine Gruppe von über 100 exilierten afghanischen Frauenrechtlerinnen schreibt in einem Brief an Biden, sie betrachteten dessen Maßnahme als „extrem unfair“. Selbst die in Kabul immer wieder mutig gegen die Taliban protestierenden Frauen fordern: „Beendet das Einfrieren!“
„Rache der USA für den verlorenen Krieg
Ähnlich äußern sich Beobachter und humanitäre Helfer. „Das ist nicht das Geld der USA, sondern der hungernden Afghan:innen“, sagt Jan Egeland vom Norwegischen Flüchtlingsrat, einer großen Hilfsorganisation in Afghanistan.
Die Londoner Terrorismusforscherin Ashley Jackson spricht von „ökonomischer Kriegführung gegen Afghanistan“. Für Anders Fänge (Schwedisches Afghanistan-Komitee) ist es „nicht schwer, die Gefühle vieler Afghan:innen zu verstehen, die sagen, die USA haben den Krieg verloren und rächen sich jetzt dafür an ihnen“.
Der New Yorker Professor Barnett R. Rubin, Afghanistan-Berater mehrerer US-Regierungen, meint, das reichste Land der Erde beraube jetzt das ärmste im Namen der Gerechtigkeit. Selbst Bidens Botschafterin für Frauen- und Menschenrechte in Afghanistan, die dort geborene Rina Amiri, kritisiert den Präsidenten und spricht von „einem schlechten Tag für Afghan:innen“.
Biden verspielt gerade den letzten Rest von Hoffnung unter den Afghan:innen, dass sie vom Westen Hilfe erwarten können. Die Taliban wird’s freuen.
50.000 Menschen beteiligen sich bei taz zahl ich – weil unabhängiger, kritischer Journalismus in diesen Zeiten gebraucht wird. Weil es die taz braucht. Dafür möchten wir uns herzlich bedanken! Ihre Solidarität sorgt dafür, dass taz.de für alle frei zugänglich bleibt. Denn wir verstehen Journalismus nicht nur als Ware, sondern als öffentliches Gut. Zahlen muss niemand, aber guter Journalismus hat seinen Preis. Und immer mehr Leser*innen machen mit und entscheiden sich für eine freiwillige Unterstützung der taz! Dieser Schub trägt uns gemeinsam in die Zukunft. Denn wir suchen wir auch weiterhin Ihre Unterstützung. Setzen auch Sie jetzt ein Zeichen für kritischen Journalismus und unterstützen Sie die taz – schon ab 5 Euro. Jetzt unterstützen
meistkommentiert