Twitter experimentiert mit der Timeline

Ungebetene Gäste

Twitter nimmt Nutzern teilweise die Kontrolle über angezeigte Informationen. Damit könnte das Netzwerk sein Alleinstellungsmerkmal verlieren.

Twitter wird immer mehr wie Facebook. Bild: dpa

BERLIN taz | „Auf Facebook findest du die Menschen, die in deine Schule gegangen sind, auf Twitter jene, mit denen du gern zur Schule gegangen wärst.“ Dieses snobistisch anmutende Credo vieler Twitter-Nutzer erfährt nun eine ungebetene Erweiterung. Neben den abonnierten Feeds und „Sponsored Tweets“, also bezahlter Werbung, werden den Nutzern nun Kurznachrichten von nicht abonnierten Accounts in die Timeline gespült, die nach Meinung des Mikrobloggingdienstes „für dich relevante Inhalte“ haben.

Die Aufregung nicht weniger Nutzer über diese Änderung an der Oberfläche erscheint auf den ersten Blick wie das gar nicht so selten zu beobachtende und dabei paradox anmutende Phänomen, dass ein signifikanter Teil der technikaffinen Nutzer, darunter nicht wenige early adopter, praktisch jeder Änderung „ihres“ Systems, „ihrer“ App, „ihrer“ Oberfläche mit konservativstem Beharrungsvermögen widerstehen.

Gerade so, als gäbe es einen perfekten Entwicklungsstand der verwendeten Technologien, dessen Veränderung nur Verschlechterung bedeuten kann und wie Häresie behandelt werden muss.

So wird schon lange jedes Update der Twitter-App oder des Webinterfaces mit rauen Beschimpfungen quittiert. Jede Designanpassung ist da ein Sakrileg. Das mag übertrieben wirken, der Schritt, den Twitter mit der Präsentation nicht bestellter Inhalte in den Timelines seiner Nutzer jetzt versucht, hat jedoch das Zeug dazu, das Prinzip des Dienstes nachhaltig zu verändern – das Prinzip nämlich, dass der Nutzer alleine den Informationszufluss in seiner Timeline kontrolliert.

Ohne Auswahlalgorithmen

Der Kommunikationswissenschaftler Günter Hack beschreibt auf zeit.de den Wert dieser Kontrolle über den Informationsfluss anhand der Wahrnehmung der Zustände in Ferguson auf Facebook und Twitter. Während Facebooks Auswahlalgorithmen Tage brauchten, um die Relevanz des Themas so hoch anzusetzen, dass es in den Timelines der Nutzer auftauchte, verbreiteten sich Bilder und Kommentare zum Tode Michael Browns und den Zusammenstößen zwischen Bürgern und der Polizei ungefiltert und zügig auf Twitter.

Da liegt auch einer der Gründe, warum Twitter als Werkzeug bei Journalisten so beliebt ist: die unmittelbare und chronologische Abbildung von aktuellen Ereignissen, ohne zwischengeschaltete und wertende Algorithmen. Dabei wäre grundsätzlich vielleicht gar nichts gegen eine Vorauswahl einzuwenden: „Das Problem besteht nicht darin, dass sie Nachrichten algorithmisch ordnen, sondern dass die Nutzer, genau wie in Facebooks berüchtigter Emotionsstudie, nicht erfahren, wie diese Ordnung hergestellt wird“, schreibt Hack.

Da Twitter bereits mit einigen Designentscheidungen in der jüngeren Vergangenheit, wie der prominenteren Einbindung von Bildposts, angedeutet hat, dass ein Ziel des Dienstes eine Art „Facebookisierung“ sein könnte, ist ein gewisses Misstrauen nun durchaus angebracht.

Ein paar nicht bestellte Tweets zu möglicherweise „für dich relevanten“ Themen sind sicher noch kein Problem für den informierten Nutzer. Da es für dieses Experiment jedoch kein Opt-out gibt, stellt sich die Frage, wie lange es noch dauern wird, bis die chronologische Abfolge gänzlich unverlangt nach unbekannten Kriterien abgewandelt wird oder „irrelevante Tweets“ ganz verschwinden, und das dann wiederum ohne die Möglichkeit, eine solche Sortierung abzuschalten.

Dann kommen vielleicht auch mehr von den alten Schulfreunden zu Twitter und damit mehr Werbekunden. Als Werkzeug für „Journalisten, Wissenschaftler und andere Akteure, die ernsthaft daran interessiert sind, sich zu aktuellen Themen einen Überblick zu verschaffen“, wie Günter Hack Twitter noch sieht, wird es dann aber unbrauchbar.

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