■ Tun und Lassen: Differenziert verabscheuen
Nachdem ich hier kürzlich prinzipielle Betrachtungen über defensives Einkaufen angestellt hatte, wurde mir redaktionsintern empfohlen, das nächste Mal energischer zur Sache zu gehen und dabei möglichst auch schrillem Haß freien Lauf zu lassen.
Eigentlich hatte ich ja nun, als Fortsetzung, meinen kleinen Katalog der beim Schlangestehen zu beachtenden Benimmvorschriften präsentieren und erläutern wollen (Einkaufswagen nicht in Kniekehlen rammen, nicht wie gebannt auf fremder Leute Einkäufe starren, Portemonnaie nicht erst in letzter Sekunde aus der Tasche kramen, keine Pfennigfuchserei betreiben, nur im Notfall etwas reklamieren, von vornherein nur mit Preisschild versehene Produkte auswählen, damit die Kassiererin nicht viertelstundenlang durch das Geschäft wetzen und den genauen Preis recherchieren muß und so weiter); zunächst möchte ich aber doch eine Grundsatzerklärung zum erwähnten Haßgebot abgeben.
Auch haßlos vorgebrachte Argumente gegen Rolltreppenflegel und Supermarktrüpel haben einen Anspruch darauf, ernst genommen zu werden; zumal in einer Kolumne, die auf sittliche Hebung abzielt.
Wenig Segen ruht auf Haßgefühlen! Wir sollten sie speziell für Figuren wie Hitler, Pol Pot und Wolfgang Mischnick reservieren. Angesichts eines Geisterfahrers am Einkaufswagen souveränes Ignorieren oder äußerstenfalls zartes, kaum merkliches Ärgern in so etwas Ruppiges und Unsouveränes wie Haß zu steigern, das hieße doch, aus der Mücke unurbaner Flegelei einen kapitalverbrecherischen Elefanten machen zu wollen, der sich dann aber auch würdig in die Parade der großen Geißeln des 20. Jahrhunderts einreihen müßte (Faschismus, Privatmotorisierung, Umweltzerstörung, Mischnick). Aber daraus wird nichts. Die Wohlstandssorgen des benimmbewußten Konsumenten werden von bescheideneren Emotionen unterfüttert.
Als Vorbild kann in diesem speziellen Fall der Fußballkommentator und Vizeweltmeister Karlheinz Rummenigge dienen. Auf die Frage der Woche, wem er auf keinen Fall in der Sauna begegnen möchte – eine begrüßenswert elegante Variation der Frage, wen er hasse –, nannte der Star durchaus nicht irgendwelche Leute, die ihm an der Hertie-Kasse einmal den Einkaufswagen in die Kniekehlen gerammt und hinterher die Rolltreppe blockiert hatten, sondern lieber: Saddam Hussein. Das will ich loben. Selbst Franz Schönhuber scheint mir dagegen kein geeignetes Haßobjekt zu sein; wie in fast allen Fällen reicht hier das moderate Verabscheuen völlig aus.
Und wer nun wieder mich für diese kluge Auffassung haßt, kann die Gelegeheit nutzen, in sich zu gehen. Hinein in den Gefühlshaushalt! Zum Frühjahrsputz. Ben Salvenbye
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