Truppenentsendung nach Niger: Algerien schickt Soldaten in die Wüste
Auf einer einstigen französischen Basis in Niger sollen zukünftig algerische Soldaten stehen. Es geht um Ölinteressen – und die Abwehr von Rivalen.
Foto: Matthieu de Martignac/Le Parisien/picture alliance/dpa
Zum ersten Mal seit über fünfzig Jahren stationiert Nordafrikas größtes Land Algerien Soldaten im Ausland. Das Parlament in Algier billigte am Sonntag einstimmig die Entsendung von Truppen ins Nachbarland Niger. Die von Präsident Abdelmadjid Tebboune gemäß eines bilateralen Abkommens mit Niger beschlossene Militärintervention, über die keine Details offiziell mitgeteilt wurden, soll „Energieinteressen schützen“, heißt es in der Resolution.
In Niger regiert seit 2023 das Militär, und es herrscht Krieg zwischen der Regierung und islamistischen Rebellengruppen, die ihrerseits untereinander verfeindet sind. Vor zwei Monaten hatte ein russisches Eingreifen verhindert, dass meuternde Soldaten in Nigers Hauptstadt Niamey die Militärregierung stürzen. Am 30. August hatte Algerien daraufhin Kampfjets in Niamey stationiert – um für „Sicherheit und Stabilität“ zu sorgen, wie damals offiziell erklärt wurde.
Nun wird das ausgebaut. Am vergangenen Mittwoch unterzeichnete Nigers Verteidigungsminister Salifou Modi in Algier ein Verteidigungsabkommen mit Algeriens Regierung. Als Folge davon beschloss Präsident Tebboune die Truppenentsendung.
Nach Berichten von Analysten stellt Niger den algerischen Streitkräften die Militärbasis Madama zur Verfügung. Madama liegt im äußersten Norden Nigers mitten in der Saharawüste unweit der Grenze zu Libyen. Die ehemalige französische Kolonialbasis war von 2014 bis 2019 ein wichtiger Stützpunkt der französischen Antiterroroperation „Barkhane“ in Mali und Niger.
Von Madama aus überwachte Frankreich die Sahara
Madama diente damals nicht dem direkten Kampf gegen islamistische Terrorgruppen, denn es war von den Kriegsschauplätzen in Mali zu weit entfernt. Aber von Madama aus überwachte Frankreich die zentrale Transsahararoute, die aus der Wüstenstadt Agadez in Niger über den Pass „Salvador“ in den Bergen an der libyschen Grenze bis ans Mittelmeer führt. Sie war lange bei Schmugglern von Waren, Waffen und Menschen beliebt und war zeitweise die wichtigste irreguläre Migrationsroute aus Afrika südlich der Sahara Richtung Europa und eine wichtige Transitroute für Waffen aus Libyen an bewaffnete Gruppen in der Sahelzone.
Frankreich hatte in Madama ein Fallschirmjägerregiment mit Unterstützungstruppen sowie umfangreiche Geheimdienst- und Aufklärungskapazitäten stationiert, insgesamt rund 250 Soldaten. 2019 wurde die Basis der Armee Nigers übergeben. Inzwischen ist Frankreich in keinem Land der Region mehr militärisch präsent.
Indem Algerien seine Truppen nicht in Nigers Hauptstadt stationiert, sondern Tausende Kilometer entfernt in der Wüste, und auf zu schützende „Energieinteressen“ verweist, macht es deutlich, dass seine Militärintervention nicht in erster Linie Nigers Machthabern nützen soll, sondern seinen eigenen Interessen folgt.
Gegen den Machtanspruch von Libyens General Haftar
Unweit von Madama hält der staatliche algerische Ölkonzern Sonatrach seit 2005 die Förderrechte für die über 23.000 Quadratkilometer große Ölkonzession Kafra. Am 13. August wurden dort bei einer Feier im Beisein der Premierminister Algeriens und Nigers die ersten Bohrlöcher in Betrieb genommen.
Mit Soldaten im Norden Nigers tritt Algerien auch einer befürchteten Ausdehnung des Einflussbereichs des ostlibyschen Generals Khalifa Haftar entgegen, der weite Teile Ost- und Südlibyens beherrscht und Libyens Regierung in der Hauptstadt Tripolis nicht anerkennt. Seine Macht beruht unter anderem auf Kontrolle der Transsahararouten, auch die nach Tschad und Sudan.
Haftars Umfeld pflegt gute Kontakte zu nigrischen Exiloppositionellen, die dem 2023 von Nigers Militär gestürzten Präsidenten Mohamed Bazoum nahestehen – Bazoum gehört zu Nigers arabischer Minderheit und ist bis heute in Niamey inhaftiert.
Der libysche General sieht sich auch als Ordnungsmacht in der Region: Vergangene Woche wurden eine Österreicherin und eine Schweizerin, die im Januar beziehungsweise April 2025 von der Terrorgruppe IS (Islamischer Staat) im nigrischen Agadez gekidnappt worden waren, im ostlibyschen Bengasi freigelassen, angeblich auf Vermittlung Haftars. Die Regierungen in Algerien und Niger sind über all dies gleichermaßen irritiert.
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