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Trumps Angriff auf die JustizRechter Staat statt Rechtsstaat

Mit Weißem Haus und Kongress kontrolliert Donald Trump zwei von drei Staatsgewalten. Jetzt zieht er gegen die Judikative ins Feld.

US-Vizepräsident J. D. Vance und Mike Johnson, Sprecher des Repräsentantenhauses, während der Kongressrede von Donald Trump am 4. März Foto: Mark Peterson/Redux/laif

Dass es US-Präsident Donald Trump mit geltenden Gesetzen nicht so genau nimmt, ist nichts Neues. Aber Trump ist mehr als eine Person, die zeit ihres Lebens Regeln gebrochen hat und immer irgendwie damit durchgekommen ist. Trump ist auch derjenige, der einer Regierungsmannschaft vorsteht, die das gesamte unabhängige Justizsystem zerschlagen und zur Waffe ihres autoritären – manche sagen nicht zu Unrecht: faschistischen – Staatsumbaus machen will.

Bei einem Treffen der ­Conservative Political Action Conference vor rund einem Jahr erklärte der Trump-Berater Stephen Miller sehr klar, was die Linie der MAGA-Republikaner an der Macht sein müsse: Wo Gesetze gemacht werden, dürfen die nicht neu­tral sein, sonst wenden sie sich gegen die eigenen Leute. Sein Tipp daher: „Schreiben wir die Gesetze so, dass sie unsere Freunde beschützen und den anderen wehtun!“ Und: Jeder einzelne Richter- oder Staatsanwaltsposten im Land müsse mit rechtskonservativen „legal warriors“, also juristischen Kriegern gefüllt werden.

Miller, der sich gern als eine Art strategischer Vordenker der MAGA-Bewegung versteht und mit dem Begriff Hardliner vollkommen unzureichend beschrieben ist, ist heute stellvertretender Stabschef im Weißen Haus.

Der erste Punkt auf Trumps Agenda war folgerichtig der Umbau des Justizministeriums auf möglichst vielen Ebenen, oben angefangen. Trumps erste Nominierung für den Kabinettsposten war ein Fehlgriff: Der Abgeordnete Matt Gaetz war auch in den eigenen Reihen so unbeliebt und hatte so viele Skandale am Bein, dass er noch vor der ersten Senatsanhörung zurückgezogen wurde. Schließlich nominierte Trump einfach Pam Bondi. Die kannte er schon länger – bis 2019 war sie Staatsanwältin im republikanischen Florida, bei Trumps erstem Amtsenthebungsverfahren hatte sie zu seinem Anwalts­team gehört, auf dem Parteitag der Re­pu­bli­ka­ner 2020 war sie mit scharfen, aus der Luft gegriffenen Korruptionsvorwürfen gegen Joe Biden aufgefallen. Und 2023, als die Strafverfahren gegen Trump sich häuften, erklärte sie, die Ankläger würden eines Tages zur Rechenschaft gezogen werden. Sie ist also „legal warrior“ ganz nach Stephen Millers Geschmack.

wochentaz

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MAGA-Kämpfer auf allen Ebenen

Bondis erster Job: Säuberungen im Ministerium. Wer auch nur irgendetwas mit den Ermittlungen gegen Donald Trump zu tun hatte, flog raus. Und es ist noch nicht vorbei: Trump hatte schon in den ersten Amtstagen das sogenannte Schedule F wieder eingeführt. Das ist eigentlich ein dröger Verwaltungsakt, aber bedeutsam. Denn mit Schedule F werden diverse Kar­riere­beamte, die eigentlich nicht zum politischen und damit nach einem Regierungswechsel austauschbaren Personal gehören, in genau diese Kategorie gezogen.

Was damit bezweckt ist, kann man im von der rechten Heritage ­Foundation kuratierten „Project 2025“ nachlesen, der Blaupause für Trumps zweite Amtszeit: Alle Verwaltungsebenen sollen mit loyalen MAGA-Kämpfern besetzt werden – Erfahrung und Fähigkeiten zweitrangig. Auch das passiert jetzt im Justizministerium. Die eigentlich unabhängige und ausschließlich dem Gesetz verpflichtete Behörde – die Justizministerin ist auch die Generalstaatsanwältin – ist so zum Instrument der ­Durchsetzung von Trumps Politik geworden.

Schon nach der ersten Woche im Amt sah sich Trump mit seinen Dutzenden Dekreten juristischem Gegenwind ausgesetzt, und das hat auch nach zweieinhalb Monaten nicht nachgelassen. Wie auch, wenn er per Dekret den 14. Verfassungszusatz über die Staatsbürgerschaft qua Geburt aushebeln will; oder Ausgaben streicht, die das Parlament beschlossen hat; oder Behörden und Ministerien auflöst, was auch nur der Kongress darf; oder in eindeutig diskriminierender Weise trans Personen aus dem Militärdienst ausschließt. All dies stoppten Rich­te­r*in­nen zumindest vorläufig. Doch inzwischen geht die Regierung sogar mit finanziellem Druck gegen Anwaltskanzleien vor, die Kläger gegen Regierungspolitik vertreten – und einige große Kanzleien haben Unterwerfungserklärungen unterzeichnet.

Im Fall der mehr als 200 ohne Verfahren nach El Salvador in ein berüchtigtes Hochsicherheitsgefängnis ausgeflogenen Venezolaner brachte die Regierung den Alien Enemies Act von 1798 in Stellung – ein umstrittenes Gesetz, das letztmals im Zweiten Weltkrieg angewandt wurde. Das Gesetz lässt es zu, Staats­bür­ge­r*in­nen eines Landes, mit dem sich die USA im Krieg befinden, ohne Prozess auszuweisen oder zu internieren. Dass es nicht dazu taugen kann, mutmaßliche Mitglieder einer kriminellen Gang so zu behandeln, ist offensichtlich.

„Es ist mir egal, was die Richter denken“

Hier beginnt die nächste Etappe im Kampf gegen die einschränkende Macht geltenden Rechts. Bezirksrichter James Boasberg ordnete noch am Abend der Abschiebeflüge an, sie zu stoppen oder die Flugzeuge umkehren zu lassen – die Regierung ignorierte das einfach.

Seither wurde deutlich, dass etliche der Deportierten, die jetzt gedemütigt und kahl geschoren in einem salvado­ria­nischen Gefängnis sitzen, mit der Tren-de-Aragua-Gang absolut nichts zu tun haben. Aber die Regierung tut nichts, um sie zurückzuholen.

Das schafft eine neue Lage. Was passiert, wenn die Regierung Gerichtsentscheidungen nicht mehr folgt? Statt der Anordnung nachzukommen, beschimpfte Trump Richter Boasberg als „linksradikalen Spinner“, der des Amtes enthoben gehöre. Trumps „Grenzzar“ Tom Homan erklärte: „Wir werden nicht aufhören. Es ist mir egal, was die Richter denken. Es ist mir egal, was die Linken denken. Wir kommen.“

Justizministerin Bondi veröffentlichte nach Boasbergs Entscheidung die Erklärung: „Diese Anordnung missachtet gut etablierte Standards über Präsident Trumps Macht und bringt die Öffentlichkeit und Sicherheitskräfte in Gefahr. Das Justizministerium ist unbeirrt in seinem Bestreben, mit dem Weißen Haus, dem Heimatschutzministerium und allen unseren Partnern daran zu arbeiten, diese Invasion zu stoppen und Amerika wieder sicher zu machen.“ Seitdem geht es hin und her zwischen Richter Boasberg und der Regierung, die argumentiert, es könne doch nicht angehen, dass irgendwelche Bezirksrichter sich anmaßten, in ihr Handeln einzugreifen.

Trump will eine dritte Amtszeit

Über allen juristischen Auseinandersetzungen steht die Zuversicht der Trump-Regierung, sich in letzter In­stanz auf die konservative 6:3-­Mehrheit im Obersten Gerichtshof verlassen zu können. So rief sie schon dreimal den Supreme Court an, um sich gegen die aufmüpfigen Bezirksrichter helfen zu lassen. Entschieden hat der Supreme Court noch nichts, doch der konservative Vorsitzende des Gerichts, John ­Roberts, kritisierte Trump ausnahmsweise mit der Bemerkung, dass ein „Amtsenthebungsverfahren keine angemessene Reaktion auf Meinungsverschiedenheiten bezüglich einer gerichtlichen Entscheidung ist“. Inzwischen spricht Trump von einer dritten Amtszeit. Einer solchen steht der 22. Verfassungszusatz entgegen. Eigentlich.

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6 Kommentare

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  • Trump setzt genauso wie seine Buddies Putin, Orban, Erdogan oder Bibi auf den Faschodreisprung:



    Vom Rechtsstaat



    zum Rechts-Staat



    zur Recht-SS-Tat



    Aber es muss nicht so kommen. Insbesondere Großstaaten können an Systemänderungen zerbrechen. Hämgt auch von unseren Gegenmassnahmen ab.



    Es erscheint derzeit utopisch bis hahnebüchen, dass sich erst schließt Kanada der EU anschloe0t, dann die Nordstaaten bis Kalifornien Kanada. Der Süden wird an finanzkräftige Investoren aus Mexiko und Kolumbien verkauft, Florida säuft eh ab in den nächsten Jahren und als letzte Amtshandlung heiratet Imperator Donald von Alaska Zar Putin und alle sind Glücklich, high oder unbedeutend.



    1910 hätte es auch niemand für möglich gehalten, was von Österreich 1920 geblieben ist. Oder 1988 was von der Sowjetunion 1992 blieb. Und dass waren nur die Zeit einer Durchschnittswahlperiode.... und die USA erscheinen politisch und gesellschaftlich genauso zerrissen wie die genannten Großreiche.

  • Schon in seiner ersten Amtszeit hat Trump damit begonnen, loyale, wenn auch inkompetente, Personen in Schlüsselpositionen im Kongress und Obersten Gerichtshof zu installieren. Schon damals feuerte er auch jeden in seiner Administration, der ihm widersprach, kritisierte, oder seine Anordnungen blockierte. Was sich dann im Schweigegeldprozess gegen ihn zeigte, denn da missachteten Trump und seine Anhänger Gericht und Richter. Was jetzt passiert ist nur die logische Fortsetzung. Und ja, das stinkt nach Faschismus.

  • „Project 2025“ oder wie ich das nennen würde, Trumps Testament des MAGA-Faschismus.

  • Mal etwas Wasser in den 🍷! Gell



    So neu ist dss nämlich nicht



    “Bezirksrichter James Boasberg ordnete noch am Abend der Abschiebeflüge an, sie zu stoppen oder die Flugzeuge umkehren zu lassen – die Regierung ignorierte das einfach.“



    &



    Markus Söder & Luftreinhaltewerte der Europäischen Union - remember - Knast?



    “Die bayerische Staatsregierung aber verweigert sich allen gerichtlichen Anordnungen. Ministerpräsident Söder erklärt Bayern öffentlich zum Autoland, sich selbst zum Autofreund und die gerichtlich geforderten Verbote für unverhältnismäßig. Die Gerichte reagieren mit weiteren Urteilen und mit Zwangsgeldandrohungen. Die Zwangsgelder werden sogar „gezahlt“, aber das schert die Regierung nicht, denn die Zahlung kann allein durch eine Umbuchung im Staatshaushalt geleistet werden und tut nicht weh.



    Deshalb jetzt also die lange angekündigte Vorlage an den EuGH, ein Hilferuf in rechtsstaatlicher Not, eine Protestnote: „Die vorliegend zu verzeichnende gezielte Missachtung rechtskräftiger gerichtlicher Entscheidungen durch die vollziehende Gewalt kann nicht hingenommen werden.“

    Die Durchsetzungsschwäche der Justiz gegenüber den anderen Gewalten hat Tradition



    bis zu Montesquieu.…ff

    • @Lowandorder:

      Ihm war die 3. Gewalt - da sie ja nur die Gesetze schlicht 1:1 nachzuvollziehen habe -



      Pouvoir nul! - 🙀🥳🧐 -



      Erinner mich gut an meinen Ausbilder VGH Kassel wütend ein Papierkügelchen in den



      🗑️ pfeffern & im tiefsten südhessisch:



      “Für jede Schaaßdreck hebbe die Herre Professore Zeit! Aber zur Vollstreckung gerichtlicher Entscheidungen gegenüber der Exekutive - Nix!“



      Er hat dann was zu Papier gebracht - Gelle!;) Kreiling, Hessisches



      Verwaltungsvollstreckungsrecht; - wenn ich recht erinner - aber die Knastfrage offen gelassen.

      unterm—-



      EuGH könnte Bayerns Verweigerung gegenüber Fahrverboten prüfen



      CSU-Minis­ter­prä­si­dent Söder droht Beu­ge­haft



      www.lto.de/recht/j...fahrverbote-diesel



      verfassungsblog.de...-des-rechtsstaats/



      & Däh



      Fahrverbote



      EuGH schließt Zwangshaft gegen Söder nicht aus – doch das Thema scheint trotzdem vom Tisch



      Das EuGH hat entschieden: Eine Zwangshaft gegen Söder und andere Amtsträger ist grundsätzlich möglich. Trotzdem reagierte der bayerische Ministerpräsident erfreut auf das Urteil.“



      &



      So glimpflich wird das in 🇺🇸 nicht abgehen •

      • @Lowandorder:

        www.handelsblatt.c...isch/25350744.html



        &



        “EuGH entschied, dass „unter Umständen, die durch die beharrliche Weigerung einer natio-nalen Behörde gekennzeichnet sind, einer gerichtlichen Entscheidung nachzukommen, das zuständige nationale Gericht Zwangshaft … zu verhängen hat“ – Nach …Deutschen Umwelthilfe liegen die dabei zu beachtenden Voraussetzungen vor – …



        DUH-Geschäftsführer Jürgen Resch „Heute ist ein guter Tag für den Rechtsstaat und für die Saubere Luft in München und anderen Städten – Heutige Entscheidung auch für die Zwangshaftanträge der DUH gegen Amtsträger der Landesregierung von Baden-Württemberg wegweisend – Deutsche Gerichte müssen prüfen, wie System der Verwaltungsvollstreckung fortentwickelt werden kann



        www.duh.de/presse/...amtstraeger-des-f/



        …muss es im innerstaatlichen Recht eine hinreichend zugängliche, präzise und in ihrer Anwendung vorhersehbare Rechtsgrundlage für den Erlass …geben…“



        + 2. Verhältnismäßkeit