: Tropische Schwingungen
In zwei Ausstellungen werden die raffinierten organischen Entwürfe des brasilianischen Landschaftsarchitekten Roberto Burle Marx und des indonesischen Architekten Geoffrey Bawas präsentiert
Foto: © Roberto Burle Marx
Von Jana Janika Bach
Zu verrückt für Berlin? Wäre es nach Roberto Burle Marx gegangen, hätte der Rosa-Luxemburg-Platz Gestrandeten eine tropische Inseloase im granitgrauen Berliner Großstadtdschungel geboten. Mit einem organisch geformten Wasserbassin, umgeben von grafisch gemusterten Bodenmosaiken und farbenfrohen Skulpturen.
Visionär, raffiniert, doch umsetzbar war der Entwurf, den der brasilianische Künstler 1993 für die Neugestaltung des Platzes vor der Berliner Volksbühne vorlegte. Ähnlich berauschend wie seine wellenschlagende Uferpromenade an der Copacabana, heute ein Wahrzeichen von Rio de Janeiro und weltberühmt.
Aber als Burle Marx, international bekannt als einer der bedeutendsten Landschaftsarchitekten des 20. Jahrhunderts, im Jahr darauf starb, verschwand sein fantastisches Konzept für den dreieckigen Platz im früheren jüdischen Scheunenviertel in einer Schublade. Kleinmütig entschied sich der (damals CDU-geführte) Berliner Senat für ein historisierendes „Denkzeichen“ – was angesichts des „Pop-up-Freibads“ der Volksbühne in diesem Sommer und brütend heißer Innenstädte etwas absurd anmutet.
Burle Marx – der außerdem Maler, Bildhauer, Botaniker, Umweltschützer und Pflanzenentdecker war und als ausgebildeter Bariton sagenhaft Arien schmetterte – fand ausgerechnet in der deutschen Hauptstadt erste Inspiration. Hier besuchte der 1909 in São Paulo geborene Sohn eines jüdischen Kaufmanns aus Trier und einer brasilianischen Pianistin in den 1920er-Jahren Kunstklassen. Jede freie Minute verbrachte der junge Burle Marx allerdings im Botanischen Garten in Dahlem, wo er die Flora seiner Heimat studierte.
Zurück in Südamerika setzte er neue Maßstäbe. Denn als einer der Ersten erkannte er den Widersinn darin, dass sein Land, eines mit der global größten floralen Artenvielfalt, für die Gestaltung öffentlicher Plätze Pflanzen aus Europa importierte. Als 1938 das Erziehungs- und Gesundheitsministerium in Rio nach Vorstellungen Le Corbusiers und Oscar Niemeyers – tonangebend in der Architektur-Avantgarde – gebaut wurde, brach Burle Marx bei der Gestaltung des Ministergartens auf dem Dach bewusst mit den kolonialistischen Symmetrien und Vorbildern. Von nun an kultivierte er statt Azaleen und Magnolien heimische Helikonien, Dickfußgewächse, Palmfarne oder Bromelien, was der Elite des Landes sehr missfiel.
Gouache-Skizzen, wie die für den Ministerdachgarten, muten wie abstrakte Gemälde von Hans Arp oder Joan Miró an. Aufnahmen aus der Vogelperspektive indes offenbaren eine ausgeklügelte, aus korrelierenden Farben, Texturen und Flächen sich ergebende Ordnung. In 15 seiner ikonischen Projekte – er realisierte mehr als 2.000 – gibt eine Retrospektive im Zentrum Paul Klee in Bern mit Filmen, Fotografien, handgemalten Plänen und Tuschzeichnungen Einblicke. Daneben lassen eine Auswahl an Tapisserien, Schmuck, Theaterkostümen und Bühnenbildern aus dem Sítio Santo Antônio da Bica, Burle Marx’ spektakulärem Landsitz in Rio de Janeiro und sein eigentliches Hauptwerk, in den Kosmos des Universalkünstlers eintauchen.
Dass sich der Sommer dem Ende zuneigt, mag schmerzlich sein. Es hat aber auch Vorteile, wie Uli Hannemann auf der letzten Seite dieser kulturrausch-Ausgabe schreibt: Endlich müssen keine verflixten Liegestühle im Freiluftkino mehr kompliziert aufgestellt werden. Und vielleicht hat man, wenn die Temperaturen langsam sinken, auch mehr Muße, sich kulturellen Dingen zuzuwenden.
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Das Vitra Design Museum in Weil am Rhein ehrt derweil einen weiteren Vorreiter der Tropischen Moderne. Geoffrey Bawa, ähnlich umtriebig und einer der einflussreichsten Architekten Asiens, verwirklichte während seiner fünf Dekaden umspannenden Karriere gut 200 Projekte. Anders als Burle Marx wurde er nicht in eine kunstsinnige Familie hineingeboren. Vielmehr gehörten die Bawas, mit europäischen und ceylonesischen Wurzeln, zu Sri Lankas Upper Class.
Behütet wuchs Geoffrey Bawa im kolonialen Ceylon, wie der Inselstaat im Indischen Ozean vormals hieß, mit seinem älteren Bruder Bevis auf. Obschon sich die Brüder nicht nahestanden, machte der für seinen flamboyanten Lebensstil berüchtigte Bevis, der auf seinem Wohnsitz inmitten einer Kautschukplantage Berühmtheiten wie den Shakespeare-Darsteller Laurence Olivier und die Krimiautorin Agatha Christie empfing, Eindruck auf den jüngeren Bruder. Zunächst aber wurde Geoffrey Bawa wie sein Vater Anwalt. Erst mit 38 Jahren schloss er sein Studium an der Architectural Association in London ab, wo er mit einem Hang zu teuren Autos und stilsicherer Garderobe auffiel.
Mordernismo tropical
Die Retropsektive „Roberto Burle Marx. Modernismo tropical“ läuft vom 17. 10. 2026 bis zum 7. 2. 2027 im Zentrum Paul Klee, Monument im Fruchtland 3, 3006 Bern, Schweiz.
Architektur für die Sinne
Die Ausstellung „Geoffrey Bawa. Architektur für die Sinne“ ist vom 26. 9. 2026 bis 28. 2. 2027 im Vitra Design Museum, Charles-Eames-Straße 2, 79576 Weil am Rhein, zu sehen.
Warum er kurz darauf zum prägendsten Architekten im postkolonialen Sri Lanka nach der Unabhängigkeit – und weit darüber hinaus – werden sollte, veranschaulichen seine Bauten. Etwa sein Gartenanwesen Lunuganga – kontemplative Zuflucht und augenscheinliches Masterpiece, an dem er über vier Jahrzehnte, bis zu seinem Tod, im Jahr 2003, tüftelte. Auf magisch oszillierende Weise verschmelzen auf dem rund 10 Hektar großen Grundstück, das von den Niederländern als Zimtplantage genutzt wurde, ein Innen und Außen. Er integrierte uralte Frangipani-Bäume und einen heiligen Moonamal-Baum, schuf durchdachte Sichtachsen und verlängerte jeden Blick durch ein Fenster – auf samtiges Moos oder einen Seerosen-Teich hinaus.
Bawa begriff Architektur nie als statisch, vorgefundener Topografie begegnete er mit größter Sorgfalt. Nicht selten stehen kolossale Gewächse als atmende Riesen im Zentrum seiner Entwürfe. Früh bezog der sri-lankische Modernist lokale Materialien und traditionelles Handwerk als integrale Bestandteile seiner baukünstlerischen Narrationen mit ein – in ihrer Gesamtheit eine ganzheitliche spirituelle Erfahrung.
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